Demographischer Wandel

Im alten Land

Von Christian Schwägerl

22. April 2004 Für diesen Nationalpark werden Naturschützer nicht kämpfen müssen, man wird ihn nicht gegen landhungrige Bauern und gewerbegebietversessene Bürgermeister durchsetzen - er wird von selbst entstehen, ganz ohne grün-weiße Schilder auskommen, ohne neue Besucherparkplätze. Es wird dann keine Bauern mehr geben, vielleicht nicht einmal Bürgermeister. Es könnte der erste Nationalpark werden, der nicht nach seiner Region benannt wird oder dem geschützten Biotop, sondern nach einem gesellschaftlichen Phänomen.

Willkommen im Nationalpark "Demographischer Wandel" des Jahres 2020! Die Wanderung durch das riesige Areal dieses Parks dauert zwei bis drei Wochen, es handelt sich also um zivilisationsarme Dimensionen, wie sie bislang eher aus Amerika bekannt waren. Die Wanderung beginnt im äußersten Nordosten Deutschlands, an der Ostseeküste, dort, wo schon jetzt im Frühjahr die Kraniche so schön rufen, wo die Bestände an Seeadlern stattlich gewachsen sind, wo auf hundert junge Männer weniger als achtzig junge Frauen kommen, weil junge Frauen, also spätere Mütter, früher abhauen, wenn sie merken, daß sie hier keine Chance haben. Noch ist Mecklenburg-Vorpommern das Bundesland mit der jüngsten Bevölkerung; aber nirgendwo anders fällt die Alterung dramatischer aus als hier.

Wölfe statt Menschen

Die Nationalpark-Wanderroute führt von Usedom über Sachsen-Anhalt und Thüringen in zwei Richtungen: in den Osten Hessens und in den Nordosten Bayerns, wo die bereits ausgedünnte Bevölkerung in den nächsten Jahren um zwanzig und mehr Prozent schrumpfen könnte, wo regional schon heute fast zwanzig Prozent der Bevölkerung älter sind als fünfundsechzig Jahre. Und sie führt gen Osten an die deutsch-polnische Grenze, in die Oberlausitz, wo so wenige Menschen leben, daß sich dort zwei Rudel Wölfe angesiedelt haben, die im Gegensatz zu den Menschen nicht über Nachwuchsprobleme klagen können.

Schon bald, sagt Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Demographie und Autor einer nun in Berlin vorgestellten Studie über die regionalen Folgen des demographischen Wandels, wird man von der Ostsee ins Fichtelgebirge wandern können, ohne vielen Menschen zu begegnen. Die, denen man begegnet, werden im Rentenalter sein, also erfreulicherweise Zeit zum Plauschen haben. In den Dörfern, die heute noch auf der Strecke liegen, werde zuerst das Postamt schließen, dann der Nahverkehr wegfallen, und irgendwann seien dann Zigarettenautomaten das letzte Überbleibsel menschlicher Infrastruktur.

Dramatische Alterung

Vielleicht ist das eine Zuspitzung, doch das Kartenwerk, das Klingholz vorlegt, macht die dramatische Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung greifbar. Keiner der 440 deutschen Landkreise wird von dem Phänomen verschont bleiben, doch in dem Korridor zwischen Usedom und Nordbayern wird es früher und drastischer sichtbar. Selbst wer gesellschaftliche Alterung nur als Katastrophenszenario begreifen möchte, wird erschrecken.

Das Berlin-Institut hat noch weit mehr analysiert als die rein zahlenmäßige Alterung; es hat auch jene Faktoren einbezogen, aus denen sich die "Lebensqualität" speist und über welche die Bewohner einer Region durch Fortpflanzungs- und Fortzugsentscheidungen abstimmen. Demographisch herausgefordert ist demnach nicht nur der Osten. Auch Politiker im Saarland und im nördlichen Ruhrgebiet, in Nordhessen und in Bremen werden sich über die Studie beugen und sich fragen müssen, ob es zum Abriß der Grundschulen Alternativen gibt. Die Zeit drängt. Bislang galt 2050 als Horizont für die Bewältigung der komplexen Umbrüche, die der demographische Wandel mit sich bringt. Den Analysen des Berlin-Instituts zufolge könnte das Land aber schon 2020 ganz anders aussehen als heute.

Kinderangst und Kinderfeindlichkeit

Die Natur wird zum Abziehbild heutiger Kinderangst, Kinderunlust und Kinderfeindlichkeit. Die organische Seite konkreter Biopolitik tritt hervor: Wo heute die kollektive Aktivität von Bauern, Hausbauern, Autofahrern und Gewerbetreibenden dafür sorgt, daß das Wachstum von Pflanzen und der Genaustausch von Tieren unterbunden werden, entfällt diese Kontrolle sukzessive. Mit der Alterung der Gesellschaft schwindet die Kraft, die Natur im Zaum zu halten. Das setzt eine ökologische Dynamik in Gang, für die es in Deutschland in neuerer Zeit kein Vorbild gibt. Die Schrumpfung der Bevölkerung und deren Konzentration in wirtschaftlich leistungsfähigen Regionen werden das geltende Konzept von Raum umwerfen. Das Land, das am Abend die Wetterkarte der "Tagesschau" zeigt, war bisher Menschenland. Selbst Naturschützer sahen das so.

Das aus den Quellen der Kultur stammende Bild der vom Menschen geordneten Ideal-Landschaft hat sich in seiner deutschen Ausprägung tief in jenes Verwaltungsrecht eingeprägt, das die Raumnutzung regelt. Wo Kohlebagger Landschaften entstehen ließen, die der natürlichen Urwelt ähneln, wurden Milliardenbeträge dafür ausgegeben, diese Gebiete zu "rekultivieren". Wenn Areale nicht mehr genutzt wurden, waren sofort Umweltbeamte und rekrutierte Sozialhilfeempfänger zur Stelle, um die "Verbuschung" aufzuhalten. Kein Landschaftsschutzgebiet gibt es ohne einen ausgeklügelten "Pflegeplan", in dessen Dienst haupt- und ehrenamtliche Helfer ihre Zeit damit verbringen, Hecken zu stutzen, Orchideenwiesen zu mähen, Nisthilfen zu installieren.

Musealisierung der Natur

Die "Kulturlandschaft", also die Musealisierung der Natur im Stil des späten neunzehnten Jahrhunderts, diente als Rechtfertigung für eine gigantische Subventionsmaschine, an der Bauern und Umweltverbände gleichermaßen Gefallen fanden. Da die Lebensmittel vom Acker im Überfluß vorhanden sind, versuchten Agrarbürokraten bis hinauf zu EU-Kommissar Fischler, in einem letzten Aufbäumungsversuch vor dem demographischen Umbruch den Sinn bäuerlicher Wirtschaft in der Schaffung begehbarer Kulissen zu erklären.

Über Kulturlandschaft wird man im Korridor Ostsee-Fichtelgebirge nicht mehr reden müssen. In diesen Gebieten, prognostizieren die Mitarbeiter des Berlin-Instituts, wird wieder Platz sein für jene Großraubtiere, die der Mensch in den vergangenen zweihundert Jahren verdrängt hat, für Wölfe, Luchse und vielleicht auch für Bären. Deutschland braucht gar keine Wildnisbewegung nach amerikanischem Vorbild. Durch die Alterung der Menschengesellschaft kommt die Wildnis von selbst zurück.

Das hat nicht nur in ökologischer Hinsicht positive Effekte. Milliardensubventionen, die bislang sinnlos verpulvert wurden, werden dann frei, um über Bildung und Forschung den verbleibenden und zuwandernden jungen Menschen zugute zu kommen und um den Älteren ein produktives und würdiges Leben zu erleichtern.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2004, Nr. 95 / Seite 39
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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