27. Juni 2008 Wer im Berlin der zwanziger Jahre Babylon erleben wollte, war nicht auf das berühmte Ischtartor im Pergamonmuseum angewiesen. Statt der Prozessionsstraße, die der deutsche Architekt und Archäologe Robert Koldewey vom Euphrat an die Spree transportiert hatte, genügte der nahe Admiralspalast. Die Rückfront dieses Revuetheaters bot Ziegelreliefs, auf denen Palmetten und geschuppte Halbpfeiler die hundertfachen Reliefs der Ischtar und des Marduk rahmten. Nur das unvergleichlich leuchtende Kobaltblau, das Safrangelb und Elfenbeinweiß der babylonischen Originale fehlten - Majolika waren den Bauherren zu teuer gewesen, als sie Ischtar der frivolen Operettengöttin Fritzi Massary huldigen ließen.
Überhaupt lebte Berlin zu jener Zeit auf vertrautem Fuß mit Babylon. So sehr, dass in der Selbstwahrnehmung die einstige Weltstadt am Euphrat zum Synonym der eigenen Identität wurde: Alles können Sie haben, wenn Sie sich bemüh'n, in das große Warenhaus Berlin, sang Fritz Grünspan im Admiralspalast. Sein Couplet über Berlin als die neue Hure Babel endete mit dem Ausruf Wir ha'm Babel, Bibel, Bebel und die Reichswehr mit'm Säbel. Hurra, hurra, hurra!
Die große Hure
Mit Hurra in den Abgrund: Diesem Lebensgefühl der Weimarer Republik lieferte Babylon die Metaphern. Dass sie allgemein verstanden wurden, war selbstverständlich. Denn mit der Bibel war das verderbte Babel zum antithetischen Eckpfeiler der ethischen Fundamente des Abendlandes geworden. Von der Hybris des Turmbaus bis zur babylonischen Sprachverwirrung, vom Menetekel, das Babels Tyrann Belsazar seinen bevorstehenden Untergang ankündigte, bis zu Daniel in der Löwengrube, dessen standhafter Glaube im babylonischen Exil belohnt wurde, von der hehren Judith, die zur Rettung ihres Volks Babylons brünstigen Feldherrn Holofernes erst verführte und dann köpfte, bis zur Apokalypse des Johannes, die im Zeichen des Scheintriumphs der großen Hure Babel anhebt, ehe die große Jungfrau Maria die Rettung bringt, waren die Bilder und Metaphern des Alten und Neuen Testaments Allgemeingut.
Die Kunst aller Güteklassen reagierte darauf: Otto Dix malte in seinem Berliner Großstadttriptychon Josephine Baker 1926 als moderne Hure Babel, Ernst Barlach zeichnete in Nachfolge von Pieter Breughels berühmtem Turmbau zu Babel neue babylonische Türme, und was der Jahrhundertwende Franz von Stucks Sünde gewesen war, vertrat nun Hollywoods Semiramis; das Ischtartor zierte die Sammelbildchen großer Zigarettenfirmen, und in Babelsberg drehte Fritz Lang 1925 Metropolis, das Epos vom neuen Babel, dessen alttestamentarisch grundierter Futurismus wiederum Hitler so faszinierte, dass der Architekt Wilhelm Kreis Nachbauten der Paläste Babylons entwarf, als er dem Führer Pläne zur Erweiterung der Museumsinsel vorlegte.
Mythenstiftung in Eigenregie
So ist es denn in jeder Beziehung mehr als gerechtfertigt, dass die große Babylon-Ausstellung des Pariser Louvre nun ihre zweite Station im Pergamonmuseum hat. Der Begriff Station ist dabei eine Untertreibung, denn Berlins Kuratoren haben die Schau nicht nur mit Originalen der eigenen reichen Sammlung erweitert, sondern ihr eine zweite Ausstellung zur Seite gestellt: Babylon. Mythos und Wahrheit lautet der Titel; alles, was den Mythos betrifft, ist Eigenleistung.
Am Anfang des Schreibens war der Keil, liest man verblüfft im Wahrheits-Teil der Schau. Mit diesem Satz leiteten die Lehrer Babylons ihren Unterricht ein, wenn sie Jungen und zuweilen auch Mädchen die Keilschrift lehrten. Wir aber denken an den ersten Satz der Genesis: Im Anfang war das Wort, und schlagartig wird deutlich, welche grundlegende Bedeutung Babylon, vermittelt über die Schriften der Israeliten, für unsere Zivilisation hat.
Dem Moloch opfern
Der Keil als Schlüssel aller Zivilisation und Ethik, die Schrift als Bürge jeglicher Gemeinsamkeit und Ordnung: Mit Fug und Recht ist die granitene Gesetzesstele Hammurabis, des legendären ersten Königs von Babylon, am Eingang der Ausstellung aufgestellt. Denn sie ist die erste schriftlich fixierte Verfassung unserer Welt. Was soll's, dass der Louvre, um das fragile Original zu schonen, nur ein Faksimile nach Berlin schickte. Der Augenschein dieses Gebildes, das anmutet wie ein gerundeter Riesenkeil, genügt. Zudem bieten die daneben präsentierten originalen Porträtköpfe babylonischer Herrscher Ausgleich: Obwohl viele von ihnen winzig sind, strahlen sie in ihrer Makellosigkeit zeitlose Würde aus, die das Fremdartige der dicken, fellartigen Königshauben und ausladenden Diademe in den Hintergrund drängt; Denker, nicht Schlächter scheinen sie einem, die Greuelberichte des Alten Testaments dementierend.
Das gilt auch für die Statuetten von Betern, die als Votivgaben in Babylons Tempeln aufgestellt waren. Mit todernsten Gesichtern stehen die Tonfiguren aufrecht, die Arme würdig vor dem Brustkorb verschränkt. Und doch muten die Wollschurze, in denen stilisierte Tierfelle zu erkennen sind, an wie ein Echo primitiver Zeiten. Schaut man in die fast glotzenden Augen, schleicht sich die Vorstellung von Idolatrie ein; Menschen, die so unter Bann standen, waren wohl auch imstande, dem Moloch ihre erstgeborenen Söhne zum Brandopfer darzubringen.
Furien und Gottheiten
Ischtar? Das, was wir als jene wollüstige Furie des Militärischen und des Kriegs der Geschlechter im Kopf haben, nimmt in Figürchen Gestalt an, deren schwellende Brüste und strotzende Geschlechtsteile aus heutiger Sicht obszön wirken. Doch die raffiniert geschminkten und kunstvoll frisierten Vamps stammen aus der griechisch überformten Endzeit Babylons, als die Nachfolger Alexanders des Großen regierten. Die Ischtar des alten Babel dagegen ist eine numinose Gottheit, so verrätselt wie die Greifen, Löwen und anderen Monstren, die auf den glasierten Ziegelwänden der Prozessionsstraße schreiten.
Sie bildet den sprechenden Rahmen für die Modelle und Architekturfragmente, die Babylons Baukunst und den Alltag dokumentieren, der sich in diesen Mauern abspielte. Eine perfekt organisierte Riesenstadt wird erkennbar, mit komplizierten Kanalsystemen, Brücken, Stadtvierteln, Palästen und Tempeln. Letztere widersprechen allem, was landläufig unter Sakralbauten verstanden wird. Denn Babylons Gotteshäuser waren monumentale Kopien der königlichen Haushalte, mit Wohn-, Schlaf- und Vorratsräumen, Bibliotheken und Gärten, Empfangssälen und Besprechungszimmern.
Zerrbild für die eigene Identität
Dass dies auch für den Turm zu Babel gilt, jenen Zikkurat, der als eine Art heiliger Berg mit schwindelnd steilen Rampen errichtet worden war, auf dessen Gipfel sich die göttliche Wohnung erhob, liegt zwar in dieser Logik, erstaunt aber immer noch. Denn in unseren Köpfen sitzen unverrückbar die Rampen, Spiralen und Arkaden, die das Mittelalter, dann Brueghel, Fischer von Erlach und zuletzt noch einmal Tatlin malten oder modellierten.
Im Anfang war die Lüge: So könnte die Losung für den Mythos-Teil der Ausstellung lauten. Wir erleben ein Spiegelkabinett, in dem jeder Raum und jedes Kunstwerk, ob mittelalterlich oder aktuell, uns die Zerrbilder zurückwirft, die unsere Kultur, von den Israeliten bis zu den Intellektuellen der Neuzeit, entwarf, um mittels des entstellten Babylon zu sich selbst und einem angeblich besseren Ich zu finden.
Mit gemeinsamer Zunge
Kein Antikenmuseum dürfte bisher so sehr wie nun das Pergamonmuseum die Gegenwart einbezogen haben, um unsere Herkunft aus und Abhängigkeit von der Vergangenheit darzulegen. Zeitgenössische Künstler werden hier zu Kronzeugen des symbiotischen Verhältnisses zwischen Mythos und Gegenwart: So sind Reggae- und Hiphop-Stars zu hören, die Protestschreie klingen bis hinüber zu Cindy Shermans (Botticelli zitierender) Fotomontage der biblischen Judith, der Collagen antworten, die Saddam Hussein als Wiedergänger der babylonischen Tyrannen anprangern. Plakativ? Sensationsmache? Warum nicht, wenn einem dadurch plötzlich die Parallelen zwischen dem biblischen Bild vom gefallenen, wie ein Wurm auf der Erde kriechenden Belsazar und Hussein klar werden, den seine Entdecker aus einem Erdloch zogen, in das er sich verkrochen hatte.
Als Cicerone in den und Zeuge des Mythos erweist sich die Gegenwartskunst der klassischen staunenswert ebenbürtig: Mittelalterliche Buchmalerei oder auch Dürers Apokalypse verschränken sich sinnvoll mit Werner Tübkes Untergangsszenarien ebenso wie mit den grausigen Babelmetaphern eines Max Beckmann, George Grosz oder Otto Dix. Anton von Kaulbachs spätromantisches Gemälde der biblischen Zerstreuung der Völker harmoniert grotesk mit dem Stimmen- und Buchstabenwirrwarr der Installation Black-and-White-Babylon des Turner-Preisträgers Douglas Gordon. Und der Schrecken dieses aktuellen Kommentars auf die Verwirrung der globalisierten Welt wird wiederum gemildert durch die Zuversicht, die Emil Noldes Pfingstwunder von 1909 ausstrahlt, das seinerzeit die altchristliche Hoffnung, mit gemeinsamer Zunge zu sprechen, in die eigene Gegenwart retten wollte.
Babylon: Je fremder, grausiger und abstoßender es unsere Kultur durch ihre Mythen darstellte, desto zuverlässiger starrten wir beim Blick auf diese Greuel in unsere eigenen Gesichter. Wer fragt da noch, ob es ein marktstrategischer Schachzug war, ausgerechnet auch Helge Schneider um einen Beitrag zur Ausstellung zu bitten? Sein mit breiig dicken Deckfarben auf einen Pappstreifen geklatschter Schriftzug apokalüze gewinnt in dieser Umgebung dieselbe Menetekel-Magie wie Fritz Grünspans Babel, Bibel, Bebel von 1928, in dessen Spott berechtigte Angst zitterte.
Babylon - Mythos und Wahrheit. Im Berliner Pergamonmuseum bis 5. Oktober. Der Katalog kostet 49,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Pergamon Museum Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Staatliche Museen zu Berlin - Vo, Stattliche Museen zu Berlin, Tate London, Vorderasiatisches Museum Berlin