Zum Tod von Ralf Dahrendorf

Der Denker als Lebensvorbild

Von Christian Geyer

Ralf Dahrendorf im Jahr 2002 in London

Ralf Dahrendorf im Jahr 2002 in London

19. Juni 2009 Wenn es so etwas gibt wie ein exemplarisches Leben der Liberalität, dann wurde es von Lord Dahrendorf gelebt. Kann es eine andere öffentliche Ordnung geben als die Ordnung der Freiheit? Für Dahrendorf war die Freiheit nicht eine öffentliche Tugend unter anderen – sie war der Urimpuls seines politischen Denkens, seines wissenschaftlichen und publizistischen Schaffens. Dahrendorf gehört zu den wenigen in jeder Generation, die alleine durch ihre Präsenz daran erinnern, dass es im Leben um etwas geht, dass man sich einem Ziel verschreiben, eine Aufgabe packen, einen Dienst leisten soll. Dass man, mit anderen Worten, das Leben auch verfehlen kann. Dann nämlich, wenn man, persönlich wie öffentlich, die Freiheit hintanstellt. Wenn man – auf diese Pointe ließ Dahrendorf es hinauslaufen – sich selbst und die Ordnung, in der man lebt, nicht ernst nimmt, weil man sich verbiestert, verschreckt oder einfach der Anstrengung müde in der Unfreiheit eingerichtet hat.

Eine Ordnung, die nicht die Freiheit sichern will, schafft Insassen, nicht Bürger. Eine solche Ordnung deformiert statt zu formieren, sie demütigt und denunziert, sie ist Unordnung als Zwingherrschaft, sie gehört verlassen und verhöhnt. Soziologie, lange bevor sie ein ideologieanfälliges Modefach wurde, war für Dahrendorf die natürliche Disziplin der Freiheit. Er studierte sie in London, in Hamburg hatte er Philosophie und Philologie absolviert. Es war der soziologische Blick, der seine Idee von Liberalität anleitete. Weil erst als homo sociologicus, als sozial Gewordener der Mensch als einer sichtbar wird, der auch anders kann. Der nicht von ewigen Ideen, sondern von zufälligen Verabredungen und Umständen geleitet wird (Dahrendorf pflegte hier die Rolle der Magenschmerzen bei Nietzsche zu zitieren) und jedenfalls jeder Anthropologie der Wesenheiten, jeder Ontologisierung von Geltungsansprüchen Hohn spricht.

Einsicht ins Gewordensein

Mit Rudi Dutschke in Freiburg, Januar 1968

Mit Rudi Dutschke in Freiburg, Januar 1968

Umgekehrt gilt: das Gewordensein der Ordnung widerspricht nicht ihrer Geltung – darauf legte Dahrendorf Wert und zwar gerade im Namen der recht verstandenen Liberalität. Für ihn bestand Aufklärung in nichts anderem als in solcher Einsicht ins Gewordensein, die eine Ordnung für die Freiheit öffnet – als dem entscheidenden Grund, sich an sie zu binden. Man könnte das Vermächtnis der Liberalität, das Dahrendorf hinterlassen hat, auch als politische Theorie der Selbstbindung bezeichnen.

Sein Einfluss auf die frühen soziologischen Debatten in Deutschland war enorm, weil er ihr internationale Impulse gab, ob es sich um seine Klassen-, Konflikt- oder Rollensoziologie handelte. Er blieb dabei Partisan, kein Schulenbildner, grenzte sich von der Frankfurter Schule ebenso ab wie von Schelsky oder König. In einem späten Buch, „Versuchungen der Unfreiheit“, baut er jenen Gestalten ein Denkmal, die ihn zeitlebens inspiriert haben: neben Karl Popper sind das Isaiah Berlin, Raymond Aron und Fredrich August von Hayek, die er als europäische Denker, als „Erasmus-Intellektuelle“ feiert. Die politische Debatte der Bundesrepublik befeuerte Dahrendorf mit seinen früh ausgearbeiteten Konzepten der Bürgerteilhabe, die sich in griffigen Formeln wie „Bildung ist Bürgerrecht“ und „Lebenschancen“ festmachten.

Politische Ikone der Bundesrepublik

All die Soziologien und politischen Programme der Individualisierung, die in den achtziger und neunziger Jahren ihre Konjunktur hatten, finden sich bei Dahrendorf auf weitaus anspruchsvollere Weise schon vorgedacht. Seine Ausflüge in die Politik begannen bei der FDP, zunächst im Stuttgarter Landtag und später dann im Bundestag. Eine politische Ikone der Bundesrepublik wurde das Bild, auf dem Dahrendorf mit Rudi Dutschke diskutiert, getrieben von dem Willen, die rebellierenden Studenten in friedliche, womöglich in FDP-Bahnen zu lenken.

Was von Dahrendorfs politischem Engagement, zuletzt als EG-Kommissar in Brüssel, auf das ewige Missverständnis übers Verhältnis von Geist und Macht zurückzuführen war (als ließe sich die Kluft mit einem Schuss guten Willen, Einsicht ins Notwendige und Esprit überbrücken), ließ er selbst beziehungsreich offen. Vorderhand war es der Unmut über die große Koalition, die ihn in die Politik zog.

Grenzgänger aus Einsicht

Ein Tausendsassa, ein Getriebener war Dahrendorf jedenfalls nicht, eher ein Grenzgänger aus Einsicht. Denn nur im Grenzgängertum bot sich ihm Gelegenheit, an übergeordneter Perspektive zu gewinnen, indem er die verschiedenen Sehweisen, die er einnahm, sich gegenseitig begrenzen ließ – ein urliberales Verfahren des Erkenntnisgewinns, wenn man so will, das Dahrendorf als Gütezeichen eines ebenso riskierten wie gelingenden Lebens ansah. So lässt er es in seinem Erinnerungsbuch „Über Grenzen“ anklingen. Umso leichter vermochte er sich gegebenfalls zu revidieren, die Bereitschaft zur Selbstkorrektur lebte er souverän vor, etwa bei der Modifizierung seiner Sonderwegstheorie, die er in dem Buch „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ verfolgt hatte.

Recht eigentlich in seinem Element war Dahrendorf als Wissenschaftsmanager, erst recht, seit er – der 1961 in Tübingen Professor geworden war – in den siebziger Jahren nach London übersiedelte, um dort ein Jahrzehnt lang die London School of Economics (LSE) zu leiten, jene Einrichtung, in der er akademisch sozialisiert worden war. Ein weiteres Jahrzehnt war er Rektor des St. Antony’s College in Oxford, inzwischen britischer Staatsbürger geworden, bevor ihn Elisabeth II. 1993 zum Lord erhob.

Was diesen Intellektuellen zu einem Lebensvorbild macht, ist nicht zuletzt der uneitle Verzicht auf Originalität der Gedankenführung. Das Bewährte bekräftigen war ihm immer wichtiger, ob in der Politik oder der Wissenschaft. Nur so ist seine Liebeserklärung an Demokratie und Marktwirtschaft zu verstehen, an funktionierende Institutionen der Freiheit, die er deshalb für wünschenswert ansah, „weil sie kalte Projekte sind, die keinen Anspruch erheben auf die Herzen und Seelen der Menschen“. Gerade deshalb legte es Dahrendorf darauf an, die Herzen und Seelen für diese kalten Projekte zu gewinnen. Das ist zuletzt sehr britisch gedacht: je kühler die Ordnung des Zusammenlebens, desto heißer dürfen die Herzen sein, die sich zu ihr bekennen. Lord Dahrendorf, der jetzt achtzigjährig gestorben ist, hat dem kalten Projekt mit einer Leidenschaft und Überzeugung gedient, die niemanden kalt lassen konnte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Marcus Kaufhold

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