19. Februar 2008 Als sich die Madrider Modenschau Cibeles im letzten Jahr entschloss, die Models auf einen Körpermasseindex - er errechnet sich, indem man das Gewicht eines Menschen durch seine Körpergröße im Quadrat teilt - von mindestens achtzehn zu verpflichten, gab es heftige Reaktionen: lauten Beifall von Gesundheitsorganisationen, Verbraucherverbänden und der Emanzipationsbewegung; Boykotte von Models, die sich weder wiegen noch als magersüchtig hinstellen lassen mochten; und geteilte Meinungen in der Modewelt, die mit einem wirklichkeitsfernen Wunschbild vom idealen Frauenkörper viel Geld verdient und naturgemäß nicht begeistert ist, wenn sie die Produktion umstellen soll.
Jetzt hat eine Studie des Gesundheitsministeriums in Madrid ergeben, dass vierzig Prozent aller spanischen Frauen Mühe haben, die richtige Kleidergröße für ihren Körper zu finden. Anders gesagt: Was die Bekleidungsindustrie anbietet, zielt an einem Großteil des Marktes vorbei. Mit dem Effekt, dass viele Frauen unglücklich sind - nicht über die Industrie, sondern über ihre Körperformen. Die große anthropometrische Untersuchung, deren Ergebnis das Gesundheitsministerium jetzt vorgestellt hat, soll eine Typologie heutiger spanischer Frauen liefern. Danach liegt die Durchschnittsgröße der Spanierinnen bei gut 1,62 Meter und das Durchschnittsgewicht bei knapp 57,2 Kilogramm.
Zylinder, Diabolo, Glocke
Entscheidend ist aber, wie sich das Gewicht verteilt. Hier hat das Gesundheitsministerium nach der Untersuchung von 10.415 Frauen im Alter zwischen zwölf und siebzig Jahren drei vorherrschende Typen ausgemacht: den besonders in der Jugend vorherrschenden Zylinder, bei dem der Umfang von Brust, Taille und Oberschenkeln etwa gleich ist; den Diabolo, der schematisch dem Muster 90-60-90 entspricht; und die Glocke, die mit zunehmendem Alter für eine Angleichung von Brust- und Hüftumfang sowie breitere Oberschenkel sorgt. Spaniens Gesundheitsminister Bernat Soria plant, die Ergebnisse der Studie der Europäischen Union zugänglich zu machen, damit Kleidergrößen in ganz Europa sich der Wirklichkeit annähern.
Unter den Frauen, die sich der Messung unterzogen, befand sich auch die dreiunddreißigjährige Schriftstellerin Espido Freire (Körpermasseindex: 19,1), die ihre Eindrücke für die Zeitung El Mundo aufgeschrieben hat. In ihrem Kleiderschrank, so die Autorin, befänden sich die Größen 34, 36 und 38 bunt gemischt. Sie könne nichts kaufen, ohne es vorher anzuprobieren. Als sie sich in Sportunterwäsche gemessen und durchleuchtet sah und erst recht, als sie später ihr computergeneriertes Bild in drei Dimensionen betrachten konnte, erlebte sie eine Überraschung: Sie erkannte sich aus bestimmten Perspektiven nicht wieder.
Dieser Körper, schrieb Espido Freire über sich selbst, hat schmalere Hüften und eine breitere Taille, als ich gedacht hatte (...) Es ist kein hässlicher Körper. Auch kein schöner. Und dann: Sofort erwäge ich, mit einer Diät anzufangen. Doch das wird nicht nötig sein, wenn die neunzig Prozent der spanischen Bekleidungshersteller, die sich in ihren Kollektionen nach der neuen Erhebung richten wollen, ihr Versprechen halten.
Text: F.A.Z., 19.02.2008, Nr. 42 / Seite 44
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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