Von Andreas Kilb
08. Mai 2008 Ein Städtchen irgendwo im deutschen Mittelgebirge, mit Fachwerkhäusern, Ziegeldächern, einer Steinbrücke am Fluss. Die fetten Jahre sind hier noch nicht vorbei: Japaner und Amerikaner spazieren über Kopfsteinpflasterstraßen, Kirchenglocken bimmeln vom Band, der Schulchor singt Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten. In der Schulschwimmhalle tritt Robert, der Mädchenschwarm, gegen den schwächlichen Rico an, und natürlich gewinnt der Favorit. Aber dann wälzt sich Robert in der Umkleidekabine am Boden, nachdem er von einem Gebäck gekostet hat, das Rico zugedacht war. Der cremige Liebesknochen war vergiftet, der Sportler haucht sein Leben aus, sein Konkurrent schaut ungerührt zu. Hat der Zufall den starken Robert gefällt, oder war es ein Komplott?
Andreas Kleinert, dessen Freischwimmer nach einem Drehbuch von Thomas Wendrich der deutschen Provinz den Kino-Prozess macht, hat einen langen Anlauf zu diesem Film gebraucht. Vor neunzehn Jahren, in der Abenddämmerung der DDR, schrieb er an der Filmhochschule Konrad Wolf seine Abschlussarbeit über den russischen Kinomystiker Andrej Tarkowski. Danach hielt er den Untergang seines Kindheitslandes in symbolschweren Filmen fest, deren Erzählhorizont sich immer mehr verfinsterte: die Familienparabel Verlorene Landschaft (1992), das Liebesmelodram Neben der Zeit (1995), das Absteigerdrama Wege in die Nacht (1999). Mit seinem dritten Spielfilm schaffte es Kleinert sogar nach Cannes, aber im deutschen Kino gelang ihm trotzdem kein Durchbruch. Nach dem kommerziellen Misserfolg von Wege in die Nacht konnte Kleinert acht Jahre lang keine Kinoproduktion mehr auf die Beine stellen. Statt dessen arbeitete er für das deutsche Fernsehen.
Zerbrochen an den Ambitionen
In dieser Zeit ist Kleinert zu einem der besten Regisseure im öffentlich-rechtlichen Produktionssystem geworden. Er hat nicht nur einige der interessanteren Folgen von Polizeiruf 110 gedreht (Verloren, Kleine Frau), sondern auch den besseren Teil der Klemperer-Serie und die schönste aller Schimanski-Episoden (Das Geheimnis des Golem). Ohnehin wäre die späte Karriere des Schauspielers Götz George ohne Andreas Kleinert deutlich glanzloser verlaufen. In Mein Vater und Als der Fremde kam hat George unter Kleinerts Regie als Alzheimerkranker und als alternder Gewerkschaftsfunktionär jene menschliche Tiefe gezeigt, die er bei seinen sonstigen Auftritten immer nur andeuten kann. Man muss das nicht alles wissen, bevor man Freischwimmer sieht. Aber es hilft, zu verstehen, warum dieser Film sich so viel vorgenommen hat - und warum er an seinen Ambitionen am Ende zerbricht.
Denn Freischwimmer krankt an einem Übel, das viele Kinofilme gerade der mittleren Regisseursgeneration befällt. Man könnte es die Malaise der Selbstüberbietung nennen. Ein Filmemacher, der auf dem Bildschirm schon alles gezeigt hat, was er kann, möchte auf der Leinwand noch mehr davon zeigen. Deshalb packt er sein Projekt mit Ansprüchen voll, an denen auch größere Meister scheitern müssten. Das ging Dominik Graf mit seinem Roten Kakadu so und Helmut Dietl mit Vom Suchen und Finden der Liebe, und nun erlebt es Andreas Kleinert mit Freischwimmer. Nicht, dass diese Filme keine großen Momente hätten, kleine glänzenden Einfälle und Virtuosentricks. Im Gegenteil, sie haben zu viel davon. Sie können vor Kraft nicht gehen. So stolpern sie über sich selbst.
Ein gefährliches Hobby
Dass in dem Städtchen zwischen Berg und Tal auch ohne Giftmord nicht alles im Lot ist, merkt man rasch. Das künstliche Glockengeläut klingt wie Hundegebell. Die Pfarrerin trinkt heimlich und macht anzügliche Witze. Die Ortsschöne Regina (Alice Dwyer) nutzt die Backstube ihrer Eltern gern als Folterkammer. Der neue Deutschlehrer (August Diehl) wirbt scheinbar leidenschaftlich um die Musiklehrerin Michaela (Fritzi Haberlandt), doch in Wahrheit hat er ein viel gefährlicheres Hobby. Es ist, als trieben die Märchen-Unholde der Brüder Grimm, als neudeutsche Spießer verkleidet, in den Kulissen ihr Unwesen. Wenn die Kamera gelegentlich in die schwarzen Wasser des Flusses blickt, hört man es drunten verschwörerisch gurgeln und brausen.
In dieser Horror-Idylle sucht Rico (Frederick Lau) nach einem Leben jenseits der Pubertät. Er ist ein typischer Kleinert-Held, vaterlos, hörbehindert, wortkarg, mit einer Riesenspielzeugeisenbahn über dem Bett und vielen verstellten Weichen im Kopf. Als er den Deutschlehrer in seinem Hexenhaus im Wald besucht, laufen die verschiedenen Fäden des Films aufeinander zu. Kleinert müsste sie nur noch verbinden; aber er tut es nicht. Statt die Geschichte zu erzählen, malt er sie bloß aus. Die grotesken Schauplätze, die Innenräume mit ihren hysterischen Farben und Einrichtungen bleiben ungenutzt. Wie der Lehrer, der seine Schüler zu Hause als Puppen nachbaut, hat auch Kleinert eine Modellwirklichkeit gebastelt. Er hat nur vergessen, ihr Leben einzuhauchen. Sein Film ist so ordentlich wie ein Puppenhaus und genauso tot.
Einige Kritiker, die Freischwimmer vergangenes Jahr beim Filmfestival in Venedig sahen, haben Kleinert mit David Lynch verglichen. Tatsächlich ist Andreas Kleinert auf seinem Weg aus den russischen Ebenen Andrej Tarkowskis weit nach Westen vorangekommen. Hoffentlich bleibt er jetzt nicht im deutschen Mittelgebirge stehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa
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