Stammzellforschung

Noch ein Urknall in der Biomedizin

Von Joachim Müller-Jung

07. Dezember 2007 Sollte am Ende wirklich alles so einfach sein? Man löse sich einen winzigen Fetzen Haut aus dem Arm, lasse sich die Zellen in der Petrischale neu programmieren und den schicksalhaften Gendefekt gleich mitbeseitigen, um dann, wenn sich die Zellhaufen ein paar Tage lang vermehrt haben und zum gewünschten Zelltyp gereift sind, das runderneuerte Material zurück in die Blutbahn zu spritzen.

Ja, so einfach könnte es sein - wenn sich nahtlos auf den Menschen übertragen ließe, was der deutschstämmige Genpionier Rudolf Jaenisch und sein Team vom Massachusetts Institute of Technology in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift „Science“ über ihre Mäuseexperimente mit künstlichen Stammzellen berichten. Doch so naht- und reibungslos geht es in der Biomedizin selten voran.

Wer will - und viele der biopolitisch reprogrammierten Kämpen der Stammzelldebatte wollen das in der Tat - mag daran glauben, dass von jetzt an alles anders wird. Dass die aus Blastocysten gewonnenen embryonalen Stammzellen überflüssig werden. Nur die in der ersten Reihe wollen das nicht. Auch nicht Jaenisch, der Mann, der vor vier Jahren den Nachweis der prinzipiellen Machbarkeit des umstrittenen „therapeutischen Klonens“ zur Gewinnung embryonaler Stammzellen erbracht hat und der nun endgültig zu einem der Wegbereiter der neuen ethisch unverfänglichen Kunststammzellen wird.

Es geht Schlag auf Schlag

Vor kaum vier Wochen noch war es ein anderer Großer der embryonalen Stammzellforschung, der Amerikaner James Thomson, der mit der Bekanntmachung über nun auch aus menschlichen Hautzellen herstellbaren Kunststammzellen die bahnbrechenden Arbeiten des eigentlichen Erfinders, Shinya Yamanaka aus Kyoto, komplettierte. Klon-Urgestein Ian Wilmut, der Schöpfer des Schafs „Dolly“, verließ daraufhin kurzerhand das Klonlager. Und das alles kaum mehr als ein Jahr nachdem die ersten „induzierten pluripotenten Stammzellen“ von Yamanaka präsentiert worden waren.

Hinter den biopolitischen Kulissen war es also zu einem Urknall gekommen. Kaum hörbar bis zu diesem November. Seitdem aber geht es Schlag auf Schlag. Und es wird plötzlich wieder laut, passend zur Diskussion um die Novellierung des deutschen Stammzellgesetzes. Am vergangenen Wochenende präsentierte Yamanaka schon seine zweite Generation der künstlichen Stammzellen, in denen eines der vier zur Reprogrammierung benötigten Gene, das nachweislich Krebs auslösen kann, ersetzt wurde.

Gebremste Euphorie

Und nun also Jaenisch. Mit seinem „Proof-of-Principle“ an Mäusen hat er gezeigt, dass der simple Gencocktail, mit dem sich aus banalen Hautzellen ein hochpotenter Zellrohstoff gewinnen lässt, den Weg in die Klinik finden kann. Nur, wie schnell mag das gehen? Jaenisch zumindest bremst die Euphorie. Und seine Experimente selbst sprechen Bände. Was so einfach aussieht (siehe unsere Graphik), dürfte aller Erfahrung nach dennoch kein Durchmarsch werden.

Ausgangspunkt für Jaenischs Experimente sind gentechnisch erzeugte Mäuse mit Sichelzellenanämie, einer Blutkrankheit des Menschen, die auf dem Defekt eines Hämoglobin-Gens beruht. Derselbe Gendefekt, der die Blutkörperchen krankhaft verformen lässt, ist in den Zellen der Haut genauso vorhanden wie in den Blutzellen. Es nützte also wenig, die im Reagenzglas zu Blutstammzellen umprogrammierten Hautzellen einfach zu implantieren. Deshalb musste vor der Übertragung das kranke durch ein gesundes Hämoglobin-Gen ausgetauscht werden - ein Eingriff, der für Laborforscher zwar Routine ist. Die bisherigen klinischen Gentherapie-Versuche mit diversen Krankheiten lassen aber vermuten, dass sich die Biomediziner daran die Zähne ausbeißen könnten. Zumal, wenn es um Leiden geht, die nicht durch den vergleichsweise einfachen Austausch von Blutzellen zu therapieren sind.

Bisher unbrauchbar

Selbst bei degenerativen Krankheiten wie Parkinson, multipler Sklerose oder auch bei Diabetes, bei denen es meistens „nur“ um den funktionellen Ersatz des verlorenen Gewebes geht und eine Genreparatur gar nicht geboten - oder wegen der Komplexität der Krankheit nicht sinnvoll - wäre, sind die reprogrammierten Zellen bisher unbrauchbar. Denn das Reprogrammieren wird nach wie vor durch ein in Viren verpacktes Genpaket erreicht, dessen Einbau ins Erbgut der Hautzellen per se ein Krebsrisiko birgt.

Vieles spricht freilich dafür, dass diese Hürde zu beseitigen ist. Die Arbeiten an Substanzen, die das Reset-Programm ohne Gentransfer bewerkstelligen, laufen. Für eines der Jungbrunnengene, „Nanog“, ist ein solches kleines Molekül schon im Einsatz. Und Sir John Gurdon, in dessen Oxforder Labor in den sechziger Jahren die ersten Froschklone hergestellt wurden, hat unlängst ein Eiweiß vorgestellt, „Tpt1“, das die Aktivität gleich zweier wichtiger Reprogrammierungsfaktoren - Nanog und Oct4 - vorantreibt.

Rückschläge sind Alltag

Vorerst aber bleibt all das Stückwerk. Denn auch wenn sich die gewünschte universale Verwandlungskraft unserer Hautzellen - die Pluripotenz - auf diesem sichereren Weg erzielen lässt, so ist man doch noch lange nicht am Ziel. Wie gut und ob überhaupt die Zellen ihre vorgesehenen Aufgaben im Körper erfüllen, lässt sich auch nach Jaenischs Erfolg so wenig sagen wie bei den meisten adulten und embryonalen Stammzellen, mit denen die verjüngten Hautzellen jetzt im Rennen sind. Rückschläge sind hier längst Alltag.

Embryonale Stammzellen etwa werden weiter mit einem Tumorrisiko in Verbindung gebracht, ebenso wie neuerdings auch die mesenchymalen Stammzellen - hochgehandelte adulte Stammzellen, die nun im Verdacht stehen, die Ausbreitung von Metastasen zu forcieren. Und so wie die embryonalen Stammzellen kritisiert werden, weil sie nicht von den kranken Menschen selbst stammen und damit Abstoßungsgefahr nach der Transplantation besteht, weiß niemand, wie sich das Alter des Patienten bei den adulten Stammzellen auswirkt. Mutationen im Erbgut sind unausweichlich: je älter der Patient, desto mehr. Gleiches gilt für die reprogrammierten Hautzellen. Ein Siebzigjähriger hat nicht mehr die Frische eines Säuglings.

Eine neue „Nature“-Veröffentlichung von Bonner Herzforschern um Bernd Fleischmann sagt wohl mehr über den Zustand der Stammzellforschung aus als jede biopolitische Bestandsaufnahme, wie sie jetzt reihenweise in die eine oder andere Richtung versucht wird. Die Wissenschaftler vom „Life and Brain Center“ haben das Risiko lebensgefährlicher Herzrhythmusstörungen nach einem Infarkt durch die Transplantation von Muskelzellen ausgeschaltet. Allerdings erst, nachdem sie mit embryonalen Herzzellen gelernt haben, dass es auf ein nur im Embryonalgewebe gebildetes Eiweiß, Connexin 43, ankommt. Ausschließlich Muskelzellen, die gentechnisch entsprechend aufgerüstet wurden, erwiesen sich als ebenbürtiges Zellmaterial. Kurz gesagt: Man lernt voneinander. Die Zeit, Noten zu verteilen, ist jedoch offenkundig längst noch nicht reif. Noch viel weniger ist es die für Versetzungszeugnisse.



Text: F.A.Z., 07.12.2007, Nr. 285 / Seite 35
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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