Reaktionen auf „The Queen“

Begeisterte Untertanen

Von Gina Thomas, London

Original oder Fälschung? Fälschung!

Original oder Fälschung? Fälschung!

11. Januar 2007 Stephen Frears bekennt, dass ihm ein vielsagendes Detail bei „The Queen“ entgangen ist. Der Regisseur war außer Landes, als die Briten Anfang September 1997 im Diana-Fieber schwelgten. Von dem Schlüsselmoment, in dem die Königin sich beim Leichenzug vor dem Sarg ihrer ehemaligen Schwiegertochter verneigte, erfuhr Frears zu spät, um ihn noch in seine Darstellung jener Tage des Widerstreits zwischen altmodischer Reserviertheit und neumodischer Sentimentalität, zwischen privater Neigung und öffentlicher Pflicht, zwischen Prinzipientreue und politischem Kalkül einzubringen.

Wer Frears eher Hohn und Spott zugetraut hätte, dürfte überrascht sein, dass er die ihm entgangene Szene als überaus bewegend bezeichnet, weil die Königin so „würdig und anmutig“ gewesen sei. Von einem Filmemacher, der keinen Hehl daraus macht, die Institution der Monarchie als „völlig absurd“ zu betrachten, war nicht dieses einfühlsame Porträt einer „außergewöhnlichen Frau“ erwartet worden.

Vor Darstellungen der Royals wird gewarnt

Frears wusste, dass die reine Tatsache, dass er einen Film über die Königin drehen wollte, als „frech, unverfroren und umstritten“ aufgefasst werden würde. Schließlich hatte der Aufsichtsrat des National Theatre noch Ende der achtziger Jahre die erste Bühnendarstellung eines lebenden Monarchen in Alan Bennetts Stück „A Question of Attribution“ über den als sowjetischen Spion enttarnten Betreuer der königlichen Gemäldesammlung Anthony Blunt als derart heikel empfunden, dass der Direktor Richard Eyre mit Rücktritt drohen musste, um die Zustimmung des Gremiums zu erzwingen. Dabei hatte Bennett die Königin keineswegs in schlechtes Licht gerückt.

Als das unabhängige Fernsehen Mitte der siebziger Jahre die Biographie von Königin Viktorias Sohn Eduard VII. auf den Bildschirm bringen wollte, sollen Bedenken die Programmmacher veranlasst haben, das Drehbuch dem Palast vorzulegen. Damals wirkten noch die Vorgaben in der Anleitung nach, welche die BBC 1948 an Autoren und Produzenten verteilt hatte. Darin war selbst in einem fiktiven Rahmen vor der Verwendung von Figuren gewarnt worden, die mit lebenden Personen identifiziert werden konnten. Zudem bedurften „alle Personifizierungen der Genehmigung derer, die personifiziert werden“. Darstellungen von Churchill und anderen Politikern waren untersagt. Das Königshaus wurde nicht genannt, weil sich alle bewusst waren, dass das Thema tabu war.

Die Kontroverse blieb aus

Im Fernsehen sind diese Zeiten längst vorbei. Die ulkige Puppe der Königin mit hausfraulichem Kopftuch über ihrer Krone war ein Fixum in der populären Satiresendung „Spitting Image“, und der Parodist Rory Bremner imitiert die Monarchin häufig. Auch das Schicksal ihrer engsten Verwandtschaft hat den Programmmachern reichhaltigen Stoff für melodramatische Verfilmungen geliefert. Die zerrüttete Ehe des Thronfolgers, das ungezügelte Leben von Prinzessin Margaret sind in Dokudramen von dubioser Qualität dargeboten worden, ohne dass es zum Aufstand kam. Nach und nach sind hier die alten Barrieren umgestoßen worden, nicht zuletzt, weil Prinz Charles und Diana sich mit ihren freizügigen Fernsehinterviews als willige Komplizen hergaben.

Nichtsdestoweniger hatten die Vorankündigungen für „The Queen“ eine Kontroverse in Aussicht gestellt. Aber der Furor blieb aus. Der Rezensent des antimonarchischen „Guardian“ bedauerte, dass das Königshaus mehr oder weniger ungeschoren aus den Krisen der neunziger Jahre hervorgegangen sei. Die großen Erneuerungshoffnungen, welche die Linke auf Tony Blairs Wahlsieg gesetzt hatten, seien verflogen, und der Film hinterlasse ein Gefühl der Traurigkeit, dass sich so wenig verändert habe. Andere Kommentatoren wiesen auf dem Rollenwechsel hin, der sich in den Jahren seit Dianas Tod vollzogen habe, als die Monarchie auf einem absteigenden Ast zu stehen schien, während sich Neu-Labour in der Euphorie des Sieges sonnte. Unterdessen zollen selbst Anti-Monarchisten wie Stephen Frears und die Schauspielerin Helen Mirren der Königin Respekt, das Ansehen des lange als Teflon-Premier beneidete Tony Blair hingegen ist schwer angeschlagen.

In britischen Kinos rief die Szene, wo die Königin ihren frischgewählten Premierminister vor genau diesem Schicksal warnt, das lauteste Gelächter hervor. Der Orkan sei, wie Helen Mirren es in einem Interview formulierte, vorübergezogen, und nun, da sich der Staub gelegt habe, bleibe die kleine Figur mit dem Hut zurück, die unbeirrt alle Moden durchgestanden habe. Kein britischer Film hat im vergangenen Jahr an der Kinokasse derart hohe Erträge gebracht wie „The Queen“, die Kritik schenkte nahezu einhelliges Lob. Auch jene Intellektuelle, die sich sonst gerne rühmen, nichts mit dem Königshaus am Hut zu haben, ertappten sich dabei, wie sie nicht nur über die grandiose schauspielerische Leistung Helen Mirrens schwärmten, sondern auch die Vorzüge der Königin diskutierten. „The Queen“ hat sich als versteckter Tribut an die Verdienste Elisabeths II. entpuppt.

Text: F.A.Z., 11.01.2007, Nr. 9 / Seite 31
Bildmaterial: ddp

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