Von Cord Riechelmann
22. März 2008 Erst kürzlich konnte man in einer Berliner Galerie einen vermeintlichen Kenner der urbanen Fauna den Satz sagen hören, es wimmele in der Stadt nur so von Hasen: Selbst auf dem Alexanderplatz habe er welche sitzen sehen. Auch wenn es stimmt, dass der Hase im Werk von Joseph Beuys eine zentrale Rolle - unter anderem als Verkörperung des Friedensprinzips - spielt, muss man den Kunst- und Tierfreund korrigieren. Die von ihm als Hasen bezeichneten Tiere in der Mitte Berlins sind Wildkaninchen. Sie haben kleinere Ohren, und ihnen fehlt der auffällige weiße Schwanz der Hasen.
Das Europäische Wildkaninchen, wissenschaftlich: Oryctolagus cuniculus, hat es durch die Förderung des Menschen im Unterschied zum Europäischen Feldhasen (Lepus europaeus) zu fast weltweiter Verbreitung gebracht. In Melbourne gehören sie genauso zum Stadtparkbild wie in Berlin. Was auch daran liegt, dass sie wesentlich besser mit Straßen und Autos zurechtkommen als Hasen.
Kaninchen mögen Qualitätsrasen
Kaninchen sind Kurzstreckenläufer. Sie fliehen vor ihren Feinden mit einem kurzen schnellen Spurt in Betonröhren, Hecken, Holzstapel oder Baumaterialien, wo sie dann bewegungslos verharren. Wildkaninchen finden in städtischen Parks, auf Friedhöfen, Sportplätzen und Gärten optimale Nahrungsbedingungen. Denn Kaninchen bevorzugen kurzgemähten Qualitätsrasen. Hoch gewachsene Grasflächen meiden sie. Wahrscheinlich, weil das Gras ihnen die Sicht vor Raubfeinden wie Habichten oder Füchsen verstellt.
Kaninchen lernen schnell und stellen sich in Städten auf die Menschen ein. In Leipzig konnte man beobachten, wie sie auf einer Baustelle die regelmäßigen Arbeitspausen nutzten, um genau dann zu fressen, wenn die Arbeiter ruhten. Man muss übrigens in Städten auch keine Angst davor haben, in die Eingänge ihrer unterirdischen Bauten zu treten: Denn dort graben Kaninchen - anders als auf dem Land - nur ausnahmsweise.
Ihr Vermögen, mit außergewöhnlichen Bedingungen umgehen zu können, wird nicht mal durch extreme Temperaturen und einseitige Nahrung beeinträchtigt. So haben Kaninchen es selbst geschafft, sich auf den antarktischen Kerguelen stetig zu vermehren, seit sie 1875 dort von Menschen ausgesetzt wurden. Dass sie dort die inseltypische Pflanzenart, den Kerguelenkohl, fast vollständig vernichteten, konnte ihnen auch nichts anhaben.
Text: F.A.Z., 22.03.2008, Nr. 69 / Seite Z2
Bildmaterial: AP, dpa
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