24. April 2005 Hinter den Kulissen tut sich etwas. Vorsichtig bringen die türkischen Medien die Annäherung zwischen der Türkei und Armenien der Öffentlichkeit näher. In geheimen Treffen hätten sich die beiden Außenminister Gül und Oskanyan auf ein ebenso geheimes Paket von zehn vertrauensbildenden Schritten verständigt, enthüllte die türkische Tageszeitung Milliyet.
Gül will den Bericht von Milliyet weder bestätigen noch dementieren. Sybillinisch spricht er nur davon, daß er schon sechs Mal den armenischen Außenminister Oskanyan getroffen habe. Geheim waren die Treffen nur für diejenigen, die vor ihnen ihre Augen verschlossen haben. Meist fanden sie in aller Öffentlichkeit statt. Aber weder in Ankara noch in Eriwan, sondern in Drittstaaten im Rahmen der OSZE oder der Nato.
Die Grenze bleibt geschlossen
Gül versichert, in der Türkei gebe es keine Feindschaft gegenüber Armenien. In den vergangenen Jahren seien Flugverbindungen von Istanbul und Antalya nach Eriwan eingerichtet worden, in der Türkei arbeiteten 40.000 Bürger aus der Republik Armenien, und die Türkei wolle ihren Beitrag zur Lösung der Wirtschaftskrise Armeniens leisten. Die Grenze zwischen den beiden Nachbarn ist aber weiter geschlossen. Diplomatische Beziehungen haben sie bis heute nicht aufgenommen, obwohl die Türkei 1991 die neue Republik Armenien als einer der ersten Staaten anerkannt hatte.
Auf mehr Flugverbindungen und eine Zusammenarbeit auf weiteren Gebieten hätten sich die Außenminister verständigt, schreibt Milliyet. Eine Zusammenarbeit soll es zum Schutz von historischen Denkmälern geben und bei Tourismusprojekten, zwischen wissenschaftlichen Instituten und Organisationen der Zivilgesellschaft, zwischen Berufsverbänden und den Parlamenten. Auch wolle man versuchen, auf beiden Seiten über die Medien die Vorurteile abzubauen.
Zeugnisse verfallen
Besonders liegt den Armeniern der Schutz ihrer alten Kirchen und Klöster in Anatolien am Herzen. Sie sind die letzten Zeugnisse einer großen Kultur. Nur noch wenige armenische Christen leben im Osten Anatoliens. Ihre Väter und Mütter hatten dort eine Hochkultur geschaffen und immer wieder für kurze Zeit Königreiche gegründet. Das armenische Patriarchat in Istanbul zählte 1914 in Anatolien noch 210 Klöster, mehr als 700 Klosterkirchen und 1639 Gemeindekirchen. Die meisten von ihnen gibt es nicht mehr. Archäologen und Historiker aus aller Welt haben wiederholt, die Türkei tue nichts, um diese Denkmäler, wie die Heiligkreuzkirche auf der Insel Achtamar, zu retten. Sie unternehme nichts, um das letzte sichtbare Zeugnis einer armenischen Präsenz auf dem Boden der heutigen Türkei nicht verfallen zu lassen.
Bevor nun etwas geschehe, erwarte die Türkei von Armenien aber Gesten, sagt Gül, ohne indessen konkret zu werden. Die Zeitung Milliyet will wissen, daß es sich bei den Gesten um vier Punkte handelt, die Armenien vor einer Unterzeichnung des Protokolls über die vertrauensbildenden Maßnahmen erfüllen soll: Armenien solle Andeutungen in seiner Verfassung auf territoriale Forderungen gegenüber der Türkei streichen, den Grenzverlauf entsprechend des Vertrags von Kars 1921 zwischen der Türkei und der Sowjetunion anerkennen, den Vorwurf des Völkermords nicht mehr außenpolitische Priorität geben und sich aus den besetzten Gebieten Aserbaidschans zurückziehen.
Schwierige Forderungen
Die schwierigste Forderung ist der Rückzug aus den besetzten Gebieten Aserbaidschans, also aus Nagornyj Karabach und den Pufferzonen um diese Bergregion. 1990 hatten Aseris aus der Enklave Nachitschewan Dörfer in Armenien angegriffen. Von 1992 an überrannten aserbaidschanische Einheiten Nagornyj Karabach und massakrierten dort die armenische Bevölkerung. In zwei Jahren aber warfen militärisch unterlegene armenische Milizen die hochgerüsteten aserbaidschanischen Verbände zurück. Seither beklagt Aserbaidschan, daß es in einem Krieg, den es selbst angezettelt hatte, Karabach verlor; erst Stalin hatte es Aserbaidschan zugeschlagen.
Aserbaidschan hat aber viel Öl und ist daher, anders als Armenien, heute reich. Einen Krieg zur Rückgewinnung von Nagornyj Karabach will es nicht führen, um nicht die ausländischen Investoren zu verscheuchen und den noch jungen Wohlstand aufs Spiel zu setzen. Also setzt Baku auf politischen Druck, und der Hebel ist die Türkei. Aus Sympathie für das türkische Brudervolk der Aserbaidschaner hatte die Türkei 1993 die Grenze zu Armenien geschlossen. Es hat seitdem nur noch offene Grenzen zu Georgien und zu Iran. Als vor einem Jahr die Regierung Erdogan kurz vor der Öffnung der Grenze stand, reiste der aserbaidschanische Staatspräsident Alijew eilends nach Ankara. Die Türkei solle nicht leichtfertig die für August 2005 geplante Inbetriebnahme der Ölleitung von Baku an den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan gefährden, drohte er.
Anerkennung des Genozids keine Vorbedingung
Aserbaidschan erwartet von der Türkei, daß sie ihre Beziehungen zu Armenien erst normalisiert, nachdem Nagornyj Karabach wieder seinem Staat einverleibt worden ist, und die Türkei ließ sich bereitwillig zur Geisel von Alijews Regime machen. Außenminister Gül versicherte zu Jahresbeginn dem Außenminister aus Baku, er brauche sich keine Sorgen über eine Öffnung der Grenze zu machen, solange aserbaidschanischer Boden besetzt sei. Das wiederholte am 30. März der türkische Marinekommandant bei einem Besuch in Baku.
Weniger strittig sind die anderen Vorbedingungen für den Beginn einer Normalisierung mit Armenien. Die armenische Führung, die 1998 an die Macht gekommen war, hat in ihrer Außenpolitik zwar der Anerkennung des Genozids durch die Türkei eine höhere Priorität gegeben. Die Anerkennung wurde aber nie Bedingung für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen - selbst wenn es mächtige armenische Parteien, wie die nationalistische Daschnaksutiun, wünschten. Zudem hat der armenische Außenminister Oskanyan wiederholt versichert, für Armenien gelte als Nachfolgestaat der Sowjetunion der Vertrag von Kars, der 1921 die Grenze zwischen Armenien und der Türkei festgelegt habe. Bisher habe es keinen armenischen Politiker gegeben, der diesen Vertrag in Frage gestellt habe, sagt Oskanyan.
Die Bewertung der Ereignisse änderte sich
Heftiger gestaltet sich dagegen die Diskussion über mögliche armenische Gebietsansprüche gegenüber der Türkei. Ilter Türkmen, Abgeordneter der oppositionellen CHP und Architekt der türkischen Politik gegenüber Armenien und in der Genoziddebatte, kann sich nicht vorstellen, daß das kleine Armenien von der Türkei Gebietsabtretungen und Entschädigungszahlungen verlangen könne. Alle Initiativen dazu scheiterten schon daran, daß es keine Gerichte gebe, bei denen solche Forderungen eingeklagt werden könnten, sagt Türkmen.
In Istanbul bedauern indessen Türkeiarmenier, daß mächtige Kreise der Diaspora, insbesondere in der Umgebung der Daschnaksutiun, die Aufarbeitung des Genozids durch die Türkei erschwerten, indem sie an ihren territorialen und finanziellen Entschädigungsforderungen gegenüber der Türkei festhielten. In der Türkei war über die Massaker an den Armeniern bis 1945 als Verbrechen an den Armeniern offen diskutiert worden. Am 21. März 1945 forderte Stalin aber die Abtretung der ostanatolischen Provinzen Kars und Ardahan, und er begründete seine Gebietsforderungen als Entschädigung für die Armeniermassaker von 1915. Von da an bewertete die Türkei die Ereignisse des Jahres 1915 anders, und sie wurde rasch Gründungmitglied der Nato.
Die vier T
Der türkische Sozialwissenschaftler Hikmet Özdemir veröffentlichte jüngst eine britische Karte aus dem Ersten Weltkrieg. Sie soll zeigen, daß London auf dem Boden der heutigen Türkei um Van und in Kilikien zwei armenische Staaten vorgesehen hatte. Die orthodoxe türkische Linie faßt der türkische Generalstab auf seiner Internetseite zusammen. Dort unterstellen die Generäle den Armeniern, einem Plan zu folgen, den sie auf Türkisch die vier T nennen. Dazu zählen sie die Anerkennung (tanimak) des Genozids, Entschädigungszahlungen (tazminat) und Gebietsforderungen (toprak).
Der türkeiarmenische Intellektuelle Hrant Dink sagt gerne, daß die Armenier, die in aller Welt am 24. April auf den Straßen marschierten, nur einmal im Jahr Armenier seien. Wir aber sind es jeden Tag, sagt der Herausgeber der in Istanbul erscheinenden armenischen Wochenzeitung Agos. Mit seinen mutigen Auftritten in der Öffentlichkeit hat er entscheidend zur Entspannung des Verhältnisses zwischen Türken und Armeniern, aber auch zwischen der Türkei und Armenien beigetragen. Solange Teile der armenischen Diaspora aber an Entschädigungs- und Gebietsforderungen festhalten, liefern sie in der Türkei nur denen billige Argumente in die Hand, die ein Schreckgespenst für den Fall an die Wand malen, daß die Türkei von ihrer hartnäckigen Weigerung abrückt, den Genozid anzuerkennen.
Todesmärsche und Massaker
Die Vertreibung der Armenier aus ihren Wohngebieten im Osmanischen Reich begann am 24. April 1915. Rund 1,5 Millionen Menschen dieser Volksgruppe kamen auf Todesmärschen und in Massakern um - etwa zwei Drittel der Armenier im Osmanischen Reich. Der 24. April ist in der Republik Armenien nationaler Trauertag.
Es ist nicht bewiesen, ob schon vor dem Ersten Weltkrieg von der Türkei geplant war, sich der armenischen Volksgruppe physisch zu entledigen. Allerdings wurden die Armenier von politischen Ideologen der "Jungtürken" immer mehr als gefährlicher Fremdkörper angesehen, den es auszumerzen gelte. Der historische Hintergrund des Völkermords sind der Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft fast im gesamten europäischen Teil des Reiches und die politisch-militärische Rivalität mit dem russischen Zarenreich, unter dessen Herrschaft ebenfalls ein Teil des armenischen Volkes lebte, im Ersten Weltkrieg.
Rußland gebärdete sich als Schutzmacht der christlichen Armenier und rief zur Kollaboration auf. In der Tat kämpfte eine kleine Minderheit der Armenier aus dem Osmanischen Reich als Freiwillige auf russischer Seite. Dafür wurde die gesamte armenische Volksgruppe haftbar gemacht und deportiert, selbst aus strategisch unwichtigen Gebieten. Hinzu kam, daß im Übergang vom Osmanischen Reich zum modernen türkischen Staat die auch andernorts verbreitete Vorstellung ihre verheerende Wirkung entfaltete, auf dem Boden der alten Vielvölkerreiche müßten ethnisch homogene Nationalstaaten entstehen - notfalls auch durch Zwangsumsiedlungen.
Begonnen hatte der Völkermord an den Armeniern schon im Januar 1915 vor der Deportation der Zivilbevölkerung ab 24. April mit ersten Pogromen. Bevor die Armenier in Elendszügen durch die Wüste nach Aleppo getrieben wurden, wurden die gesunden Männer ausgesondert und umgebracht. Türkische und kurdische Stämme überfielen immer wieder die Marschkolonnen, um sich Frauen und Kinder zu greifen. Wer nicht weiterkonnte, verendete am Straßenrand. Die rund 50.000 Menschen, die diesen Marsch überlebten, wurden in syrische Konzentrationslager gebracht. Deutschland, im Ersten Weltkrieg Verbündeter des Osmanischen Reiches, hat die Verbrechen, obschon es davon wußte, nicht verhindert und zählt bis heute nicht zu den Staaten, die die Massenmorde an den Armeniern als Völkermord eingestuft haben. (M.L.)
Text: F.A.Z., 25.04.2005, Nr. 95 / Seite 6
Bildmaterial: REUTERS
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