Lang Lang spielt Chopin und Beethoven

Bloß keine Todesangst

Von Eleonore Büning

12. Juni 2007 Wer dieser Tage durch Youtube flaniert, kann zugucken, wie Lang Lang eine Apfelsine in die Luft wirft (siehe auch: Lang Langs Orangen-Chopin auf youtube.com). Der Pianist sagt dazu, er sei ein Pianist - aber diesmal nicht mit den Fingern oder nicht wirklich oder nicht wichtig oder so ähnlich. Genaueres ist nicht zu verstehen, was teils an Lang Langs weichzeichnerischem Akzent liegt, teils an der Akustik dieser Amateuraufnahme. Danach spielt Lang Lang die Etüde op. 10 Nr. 5 Ges-Dur von Frédéric Chopin. Dieses Stück hatte in der Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts noch den politisch völlig unkorrekten Beinamen „La négresse“ (Die Negerin), weil die rechte Hand ausschließlich schwarze Tasten greift. Mittlerweile sagen alle, sogar die Franzosen, „Black-Keys-Etüde“ dazu.

Die kaskadenartig abstürzende Melodielinie dieser Etüde scheint die Schwerkraft zu überwinden. Chopin, der sein Opus 10 mit dreiundzwanzig Jahren komponierte, wollte damit an die Grenzen des pianistisch noch Machbaren vorstoßen. „Wer verrenkte Finger“ habe, könne sie sich hier wieder geradebiegen, spottete der Musikkritiker Ludwig Rellstab im Jahr 1834. Und noch Artur Rubinstein bekannte, er habe „eine Todesangst“ vor diesen Etüden, denen „gerecht zu werden“ er tatsächlich nicht den Mut habe.

Siehe da: Es funktioniert

Anders Lang Lang. Er ist im schönsten Revolutionsetüdenalter, kennt klaviertechnisch keine Grenzen und neigt zu jugendlichem Übermut. Die Kaskadenfiguren spielt er nicht mit den Fingern seiner rechten Hand. Er rollt seine Apfelsine über die schwarzen Tasten. Und siehe da: Das funktioniert. Solange nämlich die linke Hand für das harmonische Gerüst sorgt, bleibt Chopins Musik auch in dieser scheppernden Cluster-Fassung erkennbar. Ja, stellenweise hört es sich beinahe an wie die superschnelle Horowitz-Aufnahme oder aber die Welte-Mignon-Rolle, die Artur Schnabels Spiel aus dem Jahr 1905 für immer konserviert hat, mit zwei der schnabelüblichen Verstolperungen (Tacet 140, Musikvertrieb Johannes Gebhardt). Horowitz, aber auch Schnabel nähern sich dem Cluster an. Lang Lang verwirklicht es. Er treibt mit seiner Apfelsinenvariation der „Black-Keys-Etüde“ nur etwas, was dieser Musik ohnehin einbeschrieben war, auf die Spitze. Nennt man so etwas noch „Interpretation“? Und wo, bitte sehr, beginnt die Grenze zum Gimmick, zur Willkür?

Auch Beethovens erstes Klavierkonzert ist (noch) ein Virtuosenkonzert, das pianistisch an die Grenze geht. Dieses fünf Jahre nach der Französischen Revolution entstandene Werk „bringt auf dem Clavier Schwierigkeiten und Effecte hervor, von denen wir uns nie etwas haben träumen lassen“, meinte Etüdenfabrikant Carl Czerny, der bei der Uraufführung anwesend war. Beethoven hatte den Klavierpart für sich selbst geschrieben. So verrät gerade dieses Konzert einiges über seine Improvisationskünste, es lebt im ersten Satz weitflächig von den Skalen, Oktavgängen und in Sequenzen sich glanzvoll steigernden Figurationen des Solisten. Stünde die Musik nicht in blankem C-Dur, könnte Lang Lang also auch hier an einigen Stellen, etwa ab Takt 119, seinen Trick mit der Orange ausprobieren.

Exerzitium, dann viel Pedal

Stattdessen phrasiert er zunächst sehr ordentlich, stur nach Vorschrift. Es ist, als solle der Militärcharakter des Marschthemas auch über den weiteren Verlauf des Satzes seinen disziplinierenden Schatten werfen. Fast durchgängig wird „marcato“ gespielt: Viertel verkürzen sich zu Achteln, Achtel zu Sechzehnteln. Der gesamte erste Satz klingt bis zum Eintreten des zweiten Themas im Klavierpart wie durchexerziert. Dann freilich folgt kein weich wippendes Legato, vielmehr ausgiebiger Pedalgebrauch. Und in den Takten 169 und 171 setzt sich, unmotiviert, das spitzige, zickige, sture „marcato“ wieder durch. Sogar bei Passagen, die eindeutig gebunden sind, was freilich des Pedals halber, nicht wirklich oder nicht wichtig, gnädig verschwimmt.

Wie anders geht Mikhail Pletnev in seinem jüngst veröffentlichten Live-Mitschnitt des C-Dur-Konzertes just mit dieser „Dolce“-Stelle um! Die Ausgestaltung des Seitenthemas fließt bei ihm leicht wie Seide, schon das Marschthema zuvor war mit einer improvisatorischen Binnendynamik ausgestattet, die innerhalb einer Phrase verschiedenste farbliche Abstufungen aufträgt; manchmal beschleunigend, dann wieder verlangsamend, so dass die Melodielinie atmen kann, lebendig wirkt (DG 477 6415). Und selbst Schnabel, virtuoser Eigensinn in Person, zeigt in seiner 1932 in den Abbey Road Studios entstandenen Aufnahme mehr Flexibilität und Freiheit. Er setzt den lyrischen Seitensatz perlend klar vom Anfangsthema ab, unter Auslassung der Akzente. Penibel geht dagegen Rudolf Serkin mit dieser Passage um (im Herkulessaal 1977 unter Rafael Kubelik), entgleist aber beim Melodiehöhepunkt in Takt 172, aus Chuzpe oder aus Versehen, vorübergehend ins Moll.

Alle diese Lesarten sind, in ihrer extremen stilistischen Verschiedenheit, von höchster Lebendigkeit beseelt. Es wären noch eine Reihe weiterer Lieblingsinterpretationen dieses wilden Konzertes zu nennen. Die mechanisch-sprunghaft gestaltete Neuaufnahme mit Lang Lang kann in dieser Liga jedenfalls nicht mithalten. Keine Atemspur von Walzer im Rondo, alles reine Mechanik. Der Klavierklang wird zwar brillant an die Rampe gestellt von der Aufnahmetechnik, doch um den Preis, dass das Orchester unter Christoph Eschenbach entfernt wie auf einer anderen Bühne spielt. Lang Lang ist gewiss ein großartiger Pianist mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten. Er ist jung. Scheint aber, zumindest bei seiner Plattenfirma, nicht die besten Berater zu haben.

Ludwig van Beethoven, Klavierkonzerte Nr. 1 C-Dur op. 15 und Nr. 4 G-Dur op. 58. Lang Lang, Orchestre de Paris, Christoph Eschenbach. CD plus Bonus-DVD. Deutsche Grammophon DG 4776427 (Universal)



Text: F.A.Z., 12.06.2007, Nr. 133 / Seite 38
Bildmaterial: REUTERS

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