Tourauftakt

Ein Gefühl von Leibhaftigkeit: „Air“ live

Von Andreas Rosenfelder

Mutterleibmusikmeister: “Air“

Mutterleibmusikmeister: "Air"

23. Februar 2004 

Als Erfinder der Klangtapete gilt Erik Satie. Als der Komponist seine musikalischen Möbelstücke von genialer Monotonie entwarf, standen in den Bars noch keine Sitzeier herum. Auch gab es noch keine Flughafenlounges mit Lautsprecherberieselung, keine Softpornos für Intellektuelle und keine bemannte Raumfahrt.

Eine Jahrhundertwende später dehnten die Franzosen Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel den Begriff der Klangtapete ins Unendliche aus. Die handverlesenen Sphärenklänge, welche die Franzosen auf ihrem 1998 erschienenen Meisterstück "Moon Safari" zu einem Klangteppich von berückender Schönheit verknüpften, schienen die Bewohnbarkeit des Alls zu beweisen. Natürlich wuchs mit zunehmender Verbreitung das Gefühl, hinter der Odyssee im Weltraum stecke womöglich bloß ein Streifzug durchs Wohnzimmer oder allenfalls eine Fahrt mit dem Fahrstuhl. Aber wie jeder Romantiker weiß, finden die schönsten Reisen in den eigenen vier Wänden statt - da genügt mitunter ein Tapetenwechsel.

Psychedelische Blütenträume

Im bodenständigen Ostwestfalen, wo "Air" im Bielefelder Ringlokschuppen mit dem Album "Talkie Walkie" im Gepäck ihre Deutschlandtournee begannen, berief sich das Duo auf die deutsche Romantik. Die zuckersüße Auskopplung "Cherry Blossom Girl" stelle die "französische Version" dieser Tradition dar. Und tatsächlich treffen sich die psychedelischen Blütenträume von "Air" mit der Spätromantik in einer Grundstimmung der Sehnsucht: "Der Winter wird vorübergehen", heißt es in besagtem Stück, "und du wirst an meiner Seite sein." Der Unterschied liegt jedoch darin, daß "Air" als Gesamtkunstwerk die Erfüllung des knisternden Begehrens und die Einlösung der geheimsten Wünsche in Aussicht stellt - nicht nur mit der in jedem Interview verhandelten These, die Musik eigne sich besonders gut als Klangkulisse für zärtliche Augenblicke.

Das Formelgewirr, welches den Hintergrund des Covers zu "Talkie Walkie" ziert, enthält vermutlich auch eine Glücksformel. Und wenn der Architekt Godin und der Physiker Dunckel im neuen Song "Biological" die Genetik des Sexualpartners feiern ("Ich brauche deine DNA"), dann könnte sofort der Hobby-Chansonnier Michel Houellebecq zum Mikrofon greifen und der Ex-Musiker Claude Vorilhon alias Rael seine schneeweiße Elektrogitarre umschnallen.

Körperliche Gewißheit

Die Bühnenshow von "Air" ist an Perfektion kaum zu überbieten. Nicht nur die im Existentialistenschwarz gehaltenen Hemden, Hosen und Krawatten des Duos, sondern das Licht selbst stammt aus dem Hause Dior. Die Optik einer Modenschau bietet den entscheidenden Mehrwert beim Abhören der alten und neuen Hits. Da Godin an den Saiten und Dunckel an den Tasten als eiskalte Engel an der Rampe stehen, gibt lediglich die Präsenz der von den eingeschworenen Computerfeinden verehrten Instrumente - das Duo tritt mit einem großartigen Schlagzeuger und einem zweiten Keyboarder auf - ein Gefühl von Leibhaftigkeit.

Besonders der Magmastrom des Basses scheint mitten durch den Solarplexus zu fließen. Und im Flirren der pinkfloydesken Zwölfminutenstücke entsteht die körperliche Gewißheit, daß genau dies die Musik sein muß, die wir in den Mutterleibern der siebziger Jahre zu hören bekamen. Bei diesen Klangtapeten, daran besteht kein Zweifel, handelt es sich um erstklassige Designerware.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2004, Nr. 45 / Seite 29
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