Von Gina Thomas, London
14. Oktober 2005 Um zwanzig Minuten vor zwölf Uhr hat Harold Pinter am Donnerstag mittag ein Telefonat seines Agenten erreicht, der ihm wiederum einen Anruf aus Stockholm avisierte. Warum? behauptet Pinter gefragt zu haben. Weil die Ihnen den Nobelpreis geben wollen.
Fünf Minuten später klingelte das Telefon, und der Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees übermittelte dem britischen Dramatiker förmlich die Nachricht. Später trat er vor die Tür seines Hauses in Holland Park, eine erschütternd abgemagerte, greise Erscheinung in schlotternden Kleidern, versehen mit einem Stock und einer Mütze, welche die Kopfwunde verdecken sollte, die er sich zwei Tage zuvor an seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag bei einem Sturz zugezogen hatte.
Blair-Beschimpfung
In brüchigem Flüsterton gab Pinter zu Protokoll, er sei sprachlos gewesen. Von seiner Sprachlosigkeit hat er im Laufe des Nachmittages mehrfach geredet, aber immerhin hatte ihm der Schock die Sprache nicht dahin gehend verschlagen, die Gelegenheit zu versäumen, seine stetig wachsende Verachtung für die verlogenen, korrupten und ungerechten Handlungen der ,freiheitsliebenden' westlichen Demokratien kundzutun und Tony Blair wieder einmal als Massenmörder zu beschimpfen, der vor ein Kriegsgericht gehöre.
Nicht wenigen entging die Ironie, daß diese Auszeichnung just an dem Tag gekommen ist, da Mrs. Bloody Thatcher, wie Pinter die ehemalige Premierministerin nennt, in Anwesenheit der Königin und mehr als sechshundert anderer Gäste ihren Achtzigsten beging - mit einer ganz und gar unpinterschen Geburtstagsfeier in einem Nobelhotel auf der anderen Seite des Hyde Park. Er habe nichts Schändlicheres in seinem Leben getan, als bei der Wahl von 1979 seine Stimme für sie abzugeben, hat Pinter Ende der neunziger Jahre gesagt, es sei idiotisch, infantil von ihm gewesen. Damals war Tony Blair gerade zwei Jahre im Amt. Inzwischen dürfte er es für genauso infantil halten, ihn 1997 gewählt zu haben.
Seine längste Rede
Harold Pinter machte keinen Hehl daraus, daß er seine Danksagung bei der Preisverleihung zu einer seiner politischen Polemiken nutzen werde. Mit einer Dauer von fünfundvierzig Minuten werde es die längste Rede sein, die er je gehalten habe. Die Tatsache, daß das Nobelpreiskomitee ihn nicht nur für sein Werk, sondern auch für sein politisches Engagement würdigt, schien ihm besondere Freude zu bereiten. Die Kriterien für den Preis interessierten ihn sehr, darüber wolle er bei seinem Besuch in Stockholm mehr erfahren.
Aus Downing Street kam weder Lob noch Tadel. Die Regierung schickte die Kulturministerin vor, die einige leere Floskeln abgab über Pinter als kolossale Figur und die Freude, daß er jetzt breitere Anerkennung gefunden habe. Das britische Theater jedoch stellte sich geschlossen hinter den Preisträger. Peter Hall, der zahlreiche Stücke von Pinter inszeniert hat, nannte ihn einen großen Dichter des Theaters. Tom Stoppard zeigte sich hoch erfreut: Pinter habe sich fünfzig Jahre lang nicht erschüttern lassen. Michael Frayn rühmte ihn als einen mutigen Mann mit einem großen Herzen, der für die Unterdrückten eingetreten ist. Und David Hare pries ihn als großen britischen Intellektuellen, der frische Luft in den muffigen Dachboden der konventionellen englischen Literatur geblasen hat, indem er darauf besteht, daß alles, was er macht, eine öffentliche und politische Dimension hat.
Der größte und schärfste Stock
Vom allgemeinen britischen Lob setze sich einzig und allein der Leitartikler der Times ab in einem Kommentar mit dem Titel Denkpause. Darin wurde Pinter zwar zugestanden, daß er beachtenswerte Stücke geschrieben habe, doch gab der Verfasser zu bedenken, daß ein anderes Motiv die Jury bewogen haben könnte: daß Pinter so ungefähr der größte und schärfste Stock ist, mit dem das Nobelkomitee Amerika ins Auge stechen kann. In seinem Zorn gehe Pinter so sparsam mit der Logik um wie einst mit der Sprache.
Als die Moderatorin von Sky News den Namen Harold Pinter unter den neuesten Meldungen las, meinte sie in der Eile, er sei gestorben, und kündigte seinen Tod an. Dann korrigierte sie sich schnell und gab den Nobelpreis bekannt. Pinter, der nach seinem Sturz glaubte, dem Tode nahe zu sein, sagte, er komme sich nun vor ein Wiederauferstandener.
Text: F.A.Z., 15.10.2005, Nr. 240 / Seite 37
Bildmaterial: REUTERS
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