
Nicht der Regen trübt den Platz des Himmlischen Friedens: Zwanzig Jahre nach dem Tiananmen-Massaker blockieren Zivilpolizisten die freie Sicht
04. Juni 2009 Leser der Global Times, der frisch gegründeten englischsprachigen Zeitung der Kommunistischen Partei Chinas, glaubten ihren Augen nicht zu trauen: Da stand tatsächlich ein zweiseitiger Artikel über jenen Zwischenfall vom 4. Juni, der sonst überall im Land unter schärfster Geheimhaltung steht, und über die Entwicklung der chinesischen Intellektuellen seither. Aus dem Beitrag geht zwar nicht hervor, dass die Volksbefreiungsarmee an diesem Tag vor zwanzig Jahren auf dem Platz des Himmlischen Friedens Hunderte Studenten und Arbeiter, die zuvor friedlich gegen die Regierung demonstrierten, getötet hatte. Aber immerhin erfährt man, dass dem Ereignis eine Bewegung für Freiheit und Demokratie vorausgegangen war und dass die Intellektuellen danach in Schweigen verfielen.
Über die Gründe bringt der Text eine Reihe Zitate von chinesischen Wissenschaftlern bei, die er Aufsätzen oder eigens mit ihnen geführten Gesprächen entnimmt. Das so entstehende Mosaik führt die Unruhen auf ein Gefühl der Unsicherheit aufgrund der bloß halbherzigen Wirtschaftsreformen in den achtziger Jahren zurück. Die Sorgen hätten sich nach dem Zwischenfall noch verstärkt, wären dann aber 1992 durch Deng Xiaopings Reise in den Süden und die damit einsetzende beschleunigte Marktliberalisierung zerstreut worden. Einer der befragten Intellektuellen nennt seine früheren Ansichten nun lachend naiv, ein anderer findet, die Leute seien reifer geworden: Sie glauben nicht mehr, dass westliche Ideen Chinas letztes Ziel sind.
Schweigen durch die Begriffswolke
Tatsächlich sind Informationen über den Westen und seine Geistesgeschichte in China heute ungleich weiter verbreitet als damals, und auch die Haltungen dazu haben sich ausdifferenziert. Doch aus der Perspektive des Artikels scheinen Ideen überhaupt, an einer Stelle abschätzig als Ismen bezeichnet, bloß als bedauerliche Nebenprodukte eines noch unzureichend verankerten Kapitalismus in Frage zu kommen. Man fühlt sich an die Murti-Bing-Pillen erinnert, über die der polnische Lyriker Czeslaw Milosz, seinen Landsmann Witkiewicz zitierend, in dem Buch Verführtes Denken schrieb: Wer diese Pillen einnahm, wurde vollständig verändert. Er wurde ein heiterer und glücklicher Mensch; die Probleme, mit denen er sich bis dahin herumgeschlagen hatte, erschienen ihm plötzlich ganz oberflächlich und höchst gleichgültig. In solcher Verabreichung stellt die Erwähnung des 4. Juni tatsächlich kein Risiko dar, wenigstens nicht vor ausländischem Publikum. Und gleichzeitig wird der Eindruck erweckt, es gebe in China eine Diskussion über die Studentendemonstrationen von 1989 und deren Niederschlagung, als deren Ergebnis man heute eben zu anderen Schlüssen als damals komme.
In Wirklichkeit wird jede Diskussion zu diesem Thema im Keim erstickt; seit zwanzig Jahren herrscht ein Schweigegebot, das in einem immer groteskeren Missverhältnis zu den Bemühungen der regierenden Partei steht, sich ein rechtliches und souveränes Ansehen zu geben - und diese von innen her vergiftet. Kein Chinese, der aufgrund seines Erinnerungsvermögens eine Begriffswolke wie Zwischenfall in ihrer gewaltsamen Diffusität durchschaut, wird gegenüber dem Staat mehr unvoreingenommen sein können, mögen sich seine Ansichten sonst auch noch so sehr geändert haben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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