Von Edo Reents
08. Januar 2008 Beleidigung, Mundraub, Diebstahl, Hausfriedensbruch, Tierquälerei, versuchter Meuchelmord, jeweils in mehreren Fällen - das Sündenregister ist lang bei Max und Moritz. Und wozu das alles? Aus Lust an der Heimtücke, aus Freude daran, andere zu quälen und ihnen Schaden zuzufügen. Auch wenn von begleitenden Lebensumständen nichts bekannt ist, lässt sich vermuten, dass die beiden keinen Migrationshintergrund haben. Übers Elternhaus wissen wir nichts; kaum anzunehmen aber, dass sie Patchwork-Familien entstammen.
Es sind einfach zwei böse Buben, denen es augenscheinlich an nichts fehlt und denen niemand etwas getan hat, und das ist, aus heutiger Sicht, der eigentliche Skandal: Ihre Taten erscheinen ausschließlich als Produkt ihres Charakters, der sich in der kriminellen Aktion offenbart und an dessen gleichsam grundlose Schlechtigkeit der Schopenhauerianer Busch glauben mochte. Obwohl man Abstand davon genommen hat, Menschen und zumal Jugendliche auf ihre unerfreulichen Charaktereigenschaften zu reduzieren, macht der Leser diese Verengung der Perspektive mit und fragt nicht nach dem Warum.
Außerordentlicher Sadismus
Die Bekannt- und Beliebtheit dieser Geschichte mutet angesichts ihres außerordentlichen Sadismus wie ein Missverständnis an, wenn man in Busch den schnurrig-gemütvollen Erzähler zu sehen gewohnt ist. Ihr Erfolg verdankt sich auch den treffsicheren Reimen und den genialen Zeichnungen. Mit dazu beitragen mag aber auch das Ausblenden weiterer Faktoren, so dass Bosheit als Selbstzweck erscheint und nicht als etwas, das einen im Grunde guten und nur auf die schiefe Bahn gekommenen Charakter verbirgt, der noch der Besserung zugeführt werden könnte. Wie sollte die auch aussehen? Erziehungscamps gab es damals noch nicht. Max und Moritz stammen vielleicht nicht aus bildungsfernen Schichten und beherrschen auch die deutsche Sprache; aber lernen wollen sie buchstäblich nichts.
Was sie wissen, reicht ihnen, nämlich: wie man andere böse hereinlegt. Ethiklehrer, Kriminologen und Sozialarbeiter würden daran verzweifeln, dass jemand nach vollbrachter Untat, frei von Einsicht, gleich und systematisch zur nächsten schreitet und sich dabei an Arg- und Wehrlosen vergreift - wie die Jugendlichen, die in der Münchner U-Bahn einen Rentner zusammenschlugen. Hätten Max und Moritz überlebt, das Jugendgericht wäre ratlos, weil über sie außer der reinen Tat ja nichts vorliegt. Wir stehen vor dem Paradox, dass wir das eigentlich Unverständliche als klaren, bündig abgeschlossenen Fall erleben. Das auch durch wiederholtes Lesen nicht abgenutzte Vergnügen, das man dabei empfindet, entspricht der Schadenfreude, mit der heute mancher fordert, endlich Schluss zu machen mit einer angeblich alles verstehenden Kuschelpädagogik.
Von Trauer keine Spur
Über den Sadismus bei Wilhelm Busch wurde schon vieles gesagt - zu Rande kommt man damit nicht. Er ist die unhintergehbare Kategorie, psychosozialen Erklärungen nicht zugänglich. Will man ihn beseitigen, muss man seine Träger physisch vernichten. Mit kaustischem Witz mutet uns Busch die Ironie zu, dass eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft nur unter dem Aspekt einer noch minimalen Verwertbarkeit denkbar ist: damit die Enten etwas zu fressen haben. Weil von Anfang an der Eindruck erweckt wird, bei diesen Helden wären Hopfen und Malz verloren, sind wir auch mit dem ungeheuerlichen Ende einverstanden und nehmen sogar das freudige Gebrumm hin, das nach diesem klaren Fall von Lynchjustiz wieder im Dorf herrscht: von Trauer keine Spur, allenthalben fröhliche Erleichterung, als hätte man die Täter nur weggesperrt oder ausgewiesen.
So umstandslos, wie die Übeltäterei eingeführt wird, so umstandslos verschwindet sie auch wieder, fast wie ein böses Gespenst, das sich von humanistischen Reden nicht verscheuchen lässt. Rechtsstaatliches Empfinden wird, ohne dass wir es zunächst merken, am Schnellgericht von Bauer Mecke und Meister Müller zuschanden. Und die Moral? Bosheit ist kein Lebenszweck! Mit Schopenhauer teilte Busch die Besessenheit von Schuld und Strafe und hatte es von ihm schriftlich, dass nicht nur der Mensch dem Menschen ein Wolf, sondern dass jeder dem andern ein Teufel und die Hölle bereits auf Erden ist. Das ist ein ontologischer Befund, der von der Härte, mit der die Gesellschaft dann doch zurückschlägt, nur bestätigt wird. Heute haben wir, sollte man meinen, die geeigneten Mittel, ihm zu begegnen.
Text: F.A.Z., 08.01.2008, Nr. 6 / Seite 31
Bildmaterial: Wilhelm-Busch-Museum Hannover
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