Merkel als Kanzlerin?

Die deutsche Frage

Von Monika Maron

Zu ostdeutsch fürs Kanzleramt?

Zu ostdeutsch fürs Kanzleramt?

26. August 2005 Wahlkampf ist eine Dummheitsverschwörung. Alle tun so, als wären sie dümmer, als sie sind; und alle tun so, als glaubten sie den anderen, daß sie noch dümmer sind, als man bis dahin ohnehin schon dachte.

Die Ankündigung der heißen Phase des Wahlkampfes ist das Signal zur endgültigen freiwilligen Verblödung. Hirnrissige Sätze werden wie Knallfrösche unter das Volk geschmissen, von der Öffentlichkeit quittiert mit der nachsichtigen Bemerkung: „Es ist eben Wahlkampf“ oder: „Im Wahlkampf passiert das schon mal.“ Bagatellen werden zu Staatsaffären, die berüchtigten dreißig Prozent aus dem Osten genießen die Stoiberschen und sonstigen Kränkungen, weil sie ihnen noch mehr Aufmerksamkeit und zudem schmeichelhafte Entschuldigungen garantieren. Was im Wahlkampf gesagt wird - das wissen wir -, darf man nicht glauben. Und wenn Angela Merkel ankündigt, daß sie aber wirklich nicht lügen will, glaubt man ihr trotzdem nicht, weil man ja nie sicher sein kann und weil man einfach nicht glauben kann, daß jemand wirklich so dumm oder leichtsinnig ist, uns die Wahrheit zuzumuten.

Die grausamsten Maßnahmen

Ich wüßte gerne, was Merkel kann: Monika Maron

Ich wüßte gerne, was Merkel kann: Monika Maron

Wahlkampf sollte verboten werden. Statt dessen tobt er. Und weil wir, im Gegensatz zu den Briten, Holländern, Schweden und den Bewohnern anderer Monarchien, niemals eine Königin hatten und uns darum eine Frau an der Spitze des Staates gar nicht vorstellen können, tobt er noch dümmer als sonst. Die Union verlor schon in den ersten Tagen nach ihrer Kandidatinnenkür vollkommen die Orientierung und verkündete aus allen Ecken des Landes die grausamsten Maßnahmen, die das Volk unter der Kanzlerin Merkel zu erwarten hätte, so daß man denken mußte, sie hätten vergessen, daß es ihre eigene Kandidatin ist.

Denn anderenfalls hätte man glauben müssen, sie gönnten ihrer Kandidatin, die so unverhofft und sicher nur durch den Coup von Gerhard Schröder ihren Status errungen hatte, nun den Sieg nicht, und das war schließlich unmöglich. Aber wer weiß, immerhin wurden von der Wahlkampfblödigkeit dieses Sommers sogar namhafte Schriftsteller befallen. Einer von ihnen behauptete, Frau Merkel könne schon wegen ihrer lächerlichen, piepsigen Stimme nicht Kanzlerin werden, weil diese Stimme bestenfalls für eine Lehrerin oder gehobene Bürokraft ausreiche, was aber, da Frau Merkel in einer für Frauen durchaus normalen Tonlage spricht, nur bedeuten kann, daß für diesen Schriftsteller eine nichtlächerliche Kanzlerstimme unbedingt männlich sein muß.

Ausfälle gegen Merkel

Eigentlich hatte ich nicht vor, mich in diesem von mir verachteten Wahlkampf für die eine oder andere Partei zu engagieren. Und hätte ich den Eindruck, die Ausfälle gegen Angela Merkel gälten weniger ihr persönlich als ihrer Partei, wäre ich bei diesem Vorsatz auch geblieben.

Was hat Angela Merkel nur an sich, daß sogar Leute, denen ihr intellektuelles Niveau sonst lieb und teuer ist, plötzlich mit hängenden Mundwinkeln und Kleiderfarben argumentieren?

Zuerst war es die Frisur, die zum nationalen Gesprächsthema erhoben wurde. Jahrelang blieb Frau Merkel standhaft, und ich bedaure sehr, daß sie sich den Visagisten, Friseuren und Schneiderinnen nun doch ergeben hat. Letztlich ohne Erfolg, jetzt spricht man über die neue Frisur, das neue Make-up und die neuen Kleider, kraucht bei Gluthitze unter ihre Achseln und macht dort Schweißflecken aus, die, wenn man sich überhaupt entblödet, davon zu berichten, eher der Schneiderin anzulasten wären.

Im Osten gibt es nur die Ostdeutschen

Oder Frau Merkels Herkunft. Frau Merkel kommt aus dem Osten. Andere kommen woanders her. Aber kein Woandersher kann den Menschen verdächtiger machen als der Osten. Im Osten wohnen nämlich die Ostdeutschen. Woanders gibt es Arme, Reiche, Arbeiter, Mittelständler und Arbeitslose, CDU-, SPD-, FDP- und Grünen-Wähler; im Osten gibt es nur die Ostdeutschen, und die sind alle gleich. Ist Angela Merkel vielleicht zu ostdeutsch, um aller Deutschen Kanzlerin zu werden? Oder fühlt sie vielleicht nicht mehr ostdeutsch genug, um von den Ostdeutschen gewählt zu werden? Verleugnet sie gar ihre Wurzeln, weil sie diesen maßstabsetzenden dreißig Prozent nicht gleicht, die, weiß der Himmel, warum, das Bild des Ostdeutschen noch fünfzehn Jahre nach der Vereinigung medial bestimmen?

Der Ostdeutsche wählt PDS, jammert oder protestiert pöbelnd, will mehr Geld und weiß sich selbst nicht zu helfen. Warum ist dieses knappe Drittel eigentlich zum Sinnbild der Ostdeutschen geworden? Warum nicht die Mehrheit? Warum nicht Angela Merkel selbst? Die Frage lenkt allerdings schon auf den nächsten Verdacht: Sie soll ja besonders machtgierig sein, eine Männermörderin, treu- und skrupellos. Wer keine Macht haben will, darf nicht in die Politik gehen. Wer gewinnen will, wird Verlierer hinter sich lassen. Angela Merkel will Macht und will gewinnen wie alle anderen, die sie daran hindern wollen, auch. Aber sie ist eine Frau, obendrein aus dem Osten, da schickt es sich wohl nicht, nach der Macht zu greifen und vielleicht sogar zu gewinnen.

Dabei wüßte ich gerne, was sie wirklich kann, wenn sie das Schmierentheater der parteiinternen Machtkämpfe und des Wahlkampfes endlich verlassen und auf der großen Bühne der Politik spielen dürfte.

Monika Maron lebt in Berlin. Von ihr erschien zuletzt „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“.



Text: F.A.Z., 26.08.2005, Nr. 198 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa

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