Von Patrick Bahners
12. September 2006 Hätte Joachim Fest dem Rat seines Vaters folgen sollen, von Hitler, dem ekelhaften Gegenstand, die Finger zu lassen und lieber das große Buch über die italienische Renaissance zu schreiben? Einer der Gründe dafür, daß Fest dieses Buch nicht geschrieben hat, liegt darin, daß es seit 1860 in der Welt ist. Jacob Burckhardt ist Fest zuvorgekommen, und zwar in durchaus spezifischem Sinne: nicht nur durch die Wahl des Themas, sondern auch in der Art der Behandlung. Die Renaissance gehört zu jenen historischen Themen, an denen erst durch die gestaltende Arbeit des Historikers hervortritt, daß sie überhaupt als Stoff der Geschichtsschreibung geeignet sind. Das kann man auch von Hitler sagen, und jedenfalls in diesem rein formalen Sinn ist Fests Hitler-Biographie tatsächlich der Ersatz für das Buch, das sein Vater sich von ihm versprochen hatte.
Wie sähe Die Kultur der Renaissance in Italien aus, wenn Burckhardt den Marmorblock seines Sujets unbehauen gelassen und erst Fest hundert Jahre später den Meißel angesetzt hätte? Sicher möchte man annehmen, daß auch Fests Werk den Untertitel Ein Versuch getragen hätte. Daß es ähnliches versucht hätte, darf man sich ausmalen. Burckhardt löste eine Revolution der Methode aus, indem er dem in ganz Europa herrschenden, gleichsam industriell reproduzierten Modell der Fortschrittsgeschichte das Panorama einer Epoche entgegensetzte. Keineswegs das Bild eines goldenen Zeitalters: Die Stimmung des Buches wird bestimmt durch das Problematische des Individualismus, das Provisorische der für die Neuzeit typischen Selbstermächtigungen.
Geschichte hat kein Ziel
Burckhardt nahm den Ruf auf den Berliner Lehrstuhl seines Lehrers Ranke nicht an, weil er fehl am Platz gewesen wäre, wo von den Historikern die Herleitung der glorreichen Gegenwartsverhältnisse erwartet wurde. Fest nahm mit der Freiheit des Außenseiters an den Historikerdebatten der siebziger und achtziger Jahre teil. Der Sozialgeschichte Bielefelder Provenienz trat er entgegen, weil er sah, daß dort unter dem Banner der Kritik weiter Legitimationswissenschaft betrieben wurde: Man rechtfertigte die noch nicht bestehenden, aber von Interessengruppen und Parteileuten gewünschten Zustände.
Hinter den Modernisierungstheorien, die mit großem Aufwand aus Nachbardisziplinen importiert wurden, steckte der alte liberale Glaube an die kontinuierliche Verbesserung der Welt, über den schon Burckhardt gespottet hatte und der Fest im Lichte der seitherigen Geschichte nur noch töricht erschien. Fests Mißtrauen gegenüber dem Entwicklungsdenken, seine Ablehnung aller Versuche, der Geschichte ein Ziel oder eine Richtung zu unterschieben, ist ein durch und durch unbürgerlicher Zug seines Wesens.
Konservatorische Aktivität
So konnte Fest an Burckhardt rühmen, daß er es sich zur Lebensaufgabe gemacht habe, das zähe Aufderstelletreten in allem Vorwärtsdrängen zur Anschauung zu bringen: Es war diese Einsicht, die ihn gegen den Optimismus der Zeitgenossen wappnete. Burckhardts tiefer Pessimismus stand nach Fest auch hinter der unermüdlichen Leidenschaft des Sammelns und Beschreibens; der Konservativismus des Basler Patriziers war nicht bloß Haltung, sondern konservatorische Aktivität.
Freilich war Burckhardt kein Sammler nach Art der fürstlichen Kunstkammergründer, die das universalistische Moment der humanistischen Bildungswelt illustrieren. Seine Kultur der Renaissance hatte nichts zu tun mit der Kulturgeschichte seiner Zeit, die in Kuriositätenkabinette stopfte, was im Zusammenhang der Haupt- und Staatsaktionen nicht der Rede wert schien. Die Entdeckung der Welt und des Menschen, die ein berühmtes Kapitel schildert, war ein wissenschaftlicher, künstlerischer und politischer Vorgang. Ohne Zentralperspektive keine Geopolitik. Der als Fachdisziplin verfaßten Historie hielt Fest vor, sie habe sich den offenen Blick verbaut, der der Anfang aller empirischen Wissenschaft ist.
Geschichte als Mengenlehre
Es muß für ihn ein tiefschwarzer Gedanke gewesen sein, daß er ausgerechnet der Wissenschaft, die man als Weltkenntnis definieren könnte, Weltfremdheit attestieren mußte. Die Erforschung der Geschichte werde neuerdings als eine Art Mengenlehre betrieben, stellte Fest mit bitterem Hohn fest, als er vor sechs Jahren die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen entgegennahm; den Menschen habe sie unseligerweise ins Abseits gestellt und Strukturen, Gruppen oder anonyme Schubkräfte in den Mittelpunkt gerückt.
Wer die Sorge äußert, die Historiker hätten die Entdeckungen der Renaissance aus dem Auge verloren, wird vor dem Zunftgericht unter die Anklage des naiven Realismus gestellt. Aber der lakonische Stil der klassischen Historiker, den Fest wiederbelebte, so daß man einzelne seiner Sätze tatsächlich bei Burckhardt oder Droysen einfügen könnte, war alles andere als naiv. Es war eine moralische Entscheidung, auch von Zerstörung und Zerfall des alten Europa so einfach als möglich berichten zu wollen - als verstünde sich der Standpunkt der Beurteilung für den mitdenkenden Leser von selbst.
Erklärung der moralischen Unabhängigkeit
Daß die neueste Avantgarde der Zeitgeschichtsforschung unter der Losung eines radikalen Konstruktivismus ins Feld zieht, bestätigt Fests Diagnose des Erfahrungsverlusts der akademischen Historiographie: In begriffsgeschichtlicher Unschuld proklamiert dieser Radikalismus, daß das wissenschaftliche Subjekt alles unter Kontrolle hat. Dramatischer als jeder Kathederrevoluzzer hat Fest in seiner Leuschner-Dankrede den Historiker als Baumeister in einer Trümmerlandschaft geschildert. Käme die Geschichtschreibung ab von ihrer Menschenferne, dann könnte sie wieder zu dem werden, was sie war und dem Wesen nach ist: die Spiegelung eines nie zu Ende kommenden Umwälzens, verwirrender Bildermengen, ständiger Spasmen und Entladungen, alles ziellos und nur in Form gebracht von Geist und Hand der Historiker.
Die Geschichte ist ein Umwälzen, das die Historie nicht stillstellt, nur spiegelt: Das ist im Geist und mit den Worten des neunzehnten Jahrhunderts gesagt, das aus seinem revolutionären Charakter auf die Natur der bisherigen Geschichte zurückschloß. Ich nicht: Die Erklärung der moralischen Unabhängigkeit, die Fest seinem Vater nachgesprochen hat und wie einen Wappenspruch auf das Titelblatt seines letzten Buches setzte, stand unter dem stillschweigenden Vorbehalt der Sentenz Burckhardts, wir seien die Welle selbst.
Faszination Speer
Nicht Tatsachen sind in letzter Analyse die Materialien des Historikers, wenn auch die Überlieferung Umwälzung ist. Er hat es nach Fests Worten immer mit Bildern zu tun, in verwirrender Menge: Insofern ist alle Geschichte Kulturgeschichte. Bei allem Respekt vor der Eigengesetzlichkeit der Potenzen von Politik und Kunst hat Burckhardt in seinem Renaissancebuch eine politische Ikonographie der neuzeitlichen Welt entworfen: In emblematischen Gestalten nehmen die Möglichkeiten moderner Existenz Form an.
So sucht Fest in den Charakterbildern seiner Essays das Typische, und so hat es ihn an Speer fasziniert, daß ihm aus Hitlers Umgebung ein Gebildeter neuen Typs entgegentrat, der das fünfhundert Jahre lang in Europa verbindliche Bildungsziel verfehlt und vielleicht gar nicht angestrebt hatte: die Ausbildung der Persönlichkeit. Speer paßte auf den zweiten Blick gar nicht schlecht zu den verkrachten Existenzen am Hof des Tyrannen: Er hatte die Schule des Lebens abgebrochen.
Hitler als monstergleicher Wiedergänger
Den Anfang des modernen Individualismus markiert bei Burckhardt der Gewaltmensch, der Usurpator, Söldnerführer oder Malerfürst, der alles aus eigener Kraft und auf eigene Rechnung macht. Wie der Staat als Kunstwerk betrachtet wird, als Energieprodukt und Sache der Technik, so ist auch der Ruhm etwas Gemachtes, produziert von Spezialisten, den Journalisten und Schriftstellern, die durch Lobhudeleien und Schmähreden die eigenen Größenphantasien tarnen. Fests Hitler ist ein monstergleicher Wiedergänger der neuen Fürsten, der Letzte dieses Geschlechts der Vater- und Kinderlosen, ein Renaissanceunmensch. Mit dem Diktator verschmolz dessen Schatten, der vom Projekt der eigenen Bedeutung berauschte Literat. Hitler kam aus dem Nichts und riß die Welt mit ins Nichts, die ihn hatte groß werden lassen.
Wer Fests Hitler-Biographie ins Zwielicht setzen möchte, begnügt sich häufig mit dem Hinweis darauf, daß Fest die Frage nach Hitlers historischer Größe stellt. Diese Kritiker übersehen, daß der Autor eine Kategorie Burckhardts übernimmt, unter der Handelnde gefaßt werden, die den Rahmen unserer sittlichen Welt sprengen. Wo die kräftigen Ruinierer die Bühne beherrschen, ist die Einheit des Schönen, Guten und Wirksamen verloren. Die Geschichte eines solchen Lebens in klassischem Stil zu schreiben ist ein Unding, womöglich ein notwendiges.
Gegner des Irrationalismus
Fests Nachwort zu einer Buchclubausgabe der Weltgeschichtlichen Betrachtungen läßt sich auch als Epilog zu seinem Hitler lesen. Er nennt das Vergöttlichungsverlangen derer, durch die das große oder nur scheinbar große Individuum erst zur Größe kommt, mit Burckhardt ein Gefühl der unechtesten Art. Der ganze romantische Konservatismus ist durch Hitler unmöglich geworden; man kann nicht mehr mit Disraeli sagen, der Mensch sei geschaffen worden, um zu verehren und zu gehorchen.
Es nimmt den selbstgesetzten Ursachen auf dem Weg des gefährlich freien Individuums nichts von ihrer Wirklichkeit, in ihnen Symptome ansteckender Hybris zu erkennen. Als junger Mann hatte Joachim Fest kein Organ zur Aufnahme der von Hitler auf die Hitler-Gläubigen überfließenden Gefühlsenergie. Keineswegs hat er aus dieser Erfahrung der Immunität den Schluß gezogen, sich für den anthropologischen Normalfall zu halten und die von Hitler ausgehende Anziehungskraft wegerklären zu wollen. In der politischen Sache strikter Gegner des Irrationalismus der deutschen Tradition mißtraute er gleichwohl in der historischen Methode dem Rationalismus.
Ein Wunder der Selbstdisziplin
Es war seine Art der Skepsis, die ihn den Satz aufstellen ließ, die Macht, die ein sogenanntes großes Individuum über die Geschichte gewinne, verweigere sich jedem nur rationalen Deutungsschema. Mit Kopfschütteln muß er quittiert haben, daß sein Hauptgegner im Methodenstreit der Siebziger, Hans-Ulrich Wehler, der Biographien den wissenschaftlichen Sinn bestritt, im vierten Band seiner menschenleeren Gesellschaftsgeschichte darauf verfallen ist, die Wirkung Hitlers aus dem Charisma des Führers zu erklären.
Aus Joachim Fests Erinnerungen haben wir erfahren, wie früh er erwachsen geworden ist. Nicht zur Hellsicht, in der Hellsicht hat Johannes Fest ihn erzogen. Die Hitler-Biographie ist ein Wunder der Selbstdisziplin. Das individualisierende Verfahren bewährt sich am schlechthin abstoßenden Gegenstand, als sollte dem Menschen ernsthaft nichts Unmenschliches fremd bleiben. Hätte Joachim Fest wirklich erzählen wollen, wie es zur Kultur der Renaissance in Italien gekommen ist, hätte er seine Phantasie nicht weniger anstrengen müssen. Aus eigenem Erleben wußte er nicht, wie das ist, wenn man den Schleier aus Kindesbefangenheit und Wahn abwirft.
Text: F.A.Z. vom 12. September 2006
Bildmaterial: ddp, dpa
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