Lang Lang, Anna Netrebko und Knut

Die dem Schicksal in den Rachen greifen

Von Eleonore Büning

11. Juni 2007 Das Besondere an dem Knuddelbären Knut und an Lang Lang (und an Anna Netrebko) ist ihre unerhörte Popularität. Sie sind Popstars geworden. Andere in ihrer Branche haben das nicht geschafft. Wie konnte es dazu kommen? Über die Gründe, warum so viele Menschen ausgerechnet auf diesen kleinen Bären, diesen jungen Pianisten und diese schöne Sopranistin fliegen, wurden schon viele gescheite Artikel geschrieben.

Besonders beliebt ist dabei der Hinweis auf die bedauerlich große Kluft zwischen den kalten, verkniffenen Fachleuten, die kein gutes Haar an dem Objekt öffentlicher Begierden lassen, und dem warmherzig-ehrlichen Bauchgefühl des großen Publikums. „Nur kein Neid!“, scheint man da immerfort dem Knut- oder auch Musikkritiker zurufen zu wollen. Und unterstellt, dass eine wahre Liebe zu großer Musik (oder zu kleinen Tieren) mit der Benutzung des Gehirns eigentlich nicht kompatibel sei. Dieser Tage wieder wurde in einer Illustrierten der auch nicht eben unpopuläre Kritikerkollege Joachim Kaiser dümmlich dafür angemault, dass er Lang Lang mal so und mal anders beurteilt, mal seine stupende Technik bewundert, mal seine Lesart bezweifelt, je nach Konzert.

Bald werden sie echtes Blut sehen wollen

Auch Gefühle sind differenziert zusammengesetzt, und der Kopf ist, wie ein vielverhunzter Aphorismus von Francis Picabia sagt, gerade deshalb rund, weil das Denken ab und zu die Richtung wechselt. Je mehr Köpfe unterwegs, umso ruckartiger dieser Vorgang. Aber auch Knut und Lang Lang und Netrebko haben Köpfe, auffallend runde sogar. Alle drei verfügen kindchenschemamäßig über kirschdunkle, runde Kulleraugen, alle drei sind „süß“.

Knut ist jetzt ein halbes Jahr alt geworden und nicht mehr ganz so „süß“, wie der Halbjahresgeburtstagsartikel in der „Berliner Morgenpost“ mit einem Foto dokumentiert. Es zeigt den Bären, spitznasig geworden und schmuddelig, wie er seinem Pfleger Dörflein gerade raubtiermäßig an die Wäsche geht. Sicher werden die Knut-Paparazzi demnächst echtes Blut sehen wollen.

Das Lang-Lang-Fieber - hoffentlich ansteckend

Lang Lang, fünfundzwanzig Jahre alt, ging schon nicht mehr wirklich als Wunderkindchen durch vor acht Jahren, als er seinen internationalen Durchbruch beim Ravinia Festival mit Tschaikowskys erstem Klavierkonzert erzielte. Damals dirigierte Christoph Eschenbach das Chicago Symphony Orchestra. Eschenbach, diesmal mit dem Orchestre de Paris, akkompagniert nun auch den Durchbruch Lang Langs ins Raubtieralter. Er wird plattenrepertoiremäßig erwachsen, er soll jetzt dem Schicksal in den Rachen greifen. Auf seiner neuesten CD-Veröffentlichung arbeitet Lang Lang nicht mehr frühe Kindheitseindrücke auf (Gelber-Fluss-Konzert, Ungarische Rhapsodie, „Tom & Jerry“), er spielt das erste und das vierte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven (Deutsche Grammophon 477 6719).

Beide hat er schon öfters in Konzerten vorgetragen, trotzdem muss leider festgestellt werden, dass es sehr viel bessere Neu- und Altaufnahmen gibt. Das Orchester klingt topfig, der Pianist zickt wie ein Zirkuspferd. Zu den Details haben wir eine Fachkritik veröffentlicht, die natürlich äußerst warmherzig und ehrlich ausgefallen ist: Bloß keine Todesangst: Lang Lang spielt Chopin und Beethoven. Wie nämlich das Knutfieber dem gesamten Zoowesen mächtig Auftrieb gab, so hilft hoffentlich auch das Lang-Lang-Fieber dem kranken Klassikwesen wieder auf die Beine.



Text: F.A.Z., 09.06.2007, Nr. 131 / Seite 36
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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