250. Geburtstag

Eindeutig Mozart

Von Heike Schmoll

Es genügen schon wenige Takte: Mozart, eindeutig Mozart. Kein einigermaßen geübter Hörer wird seine Musik seinen Konkurrenten Salieri, Haydn oder Johann Christian Bach zuschreiben. Der quirlige Spielwitz, die ansteckende Fröhlichkeit, bei aller Leichtigkeit auch die jähen Klänge aus dem Abgrund - nicht nur in den getragenen Sätzen - sind unverwechselbar. Sie sind von entwaffnender Selbstverständlichkeit.

Wenn die Welt den 250. Geburtstag des Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus („Amadé“) Mozart feiert, wird so viel von seiner Musik erklingen wie kaum jemals zuvor. Das wird all denen nicht zuviel werden, die sie mögen. Denn im gewöhnlichen Konzertleben gibt es viele Kompositionen Mozarts, die gern ausgespart werden. Seine Lieder, oft Opernminiaturen, seine Violinsonaten, seine Kammermusik. Viele Künstler haben das nicht ganz unberechtigte Gefühl, beim Musizieren dieser durchsichtig leicht klingenden Kompositionen gewissermaßen nackt auf der Bühne zu stehen. In der Tat ist diese Musik entblößend, sie darf nämlich nicht mit zu großer Vorsicht gespielt werden, sondern mit einer geradezu spielerischen Selbstvergessenheit.

Auch der kleinste Patzer verschwindet nicht im Klangrausch, sondern stört jene Harmonie, die wohl dazu geführt hat, daß Mozarts Musik in gefährlichen U-Bahnhöfen gespielt wird, um die Verbrechensrate zu senken. Scheinbar hat seine Musik auch Studenten während der Examensvorbereitung durch bloße Beschallung zu einem besseren Lernen verholfen; Kühe sollen zu einer höheren Milchproduktion angeregt und Ratten zu einem liebevolleren Umgang mit ihrem Nachwuchs animiert worden sein. Jedenfalls behaupten das sogenannte wissenschaftliche Studien.

Bilder- und Biographenstreit im Mozartjahr

Wer Schwierigkeiten mit schlichter Schönheit und einfacher Natürlichkeit hat, wird wenig Gefallen an seiner Musik finden. Sonderlich neu sei nichts an diesem Kompositionsstil, meinen die Musikwissenschaftler ernüchternd, es sei eher die geniale Kombination verschiedener musikalischer Elemente zu neuen Formen. Es ist ungewiß, was im Mozart-Jahr 2006 vorherrschen wird: das Bestreben derer, die am Bild des Götterlieblings um jeden Preis herumkritteln, Mozart vom Sockel holen wollen und damit zuweilen besonders abgeschmackt erscheinen, oder die Begeisterung der Anhänger über das „Wunderkind“. Eine Fülle hagiographischer Schriften, neuer Biographien und Handbücher ist schon erschienen. Ganz zu schweigen vom „Wolferl“-Rummel, der sich in Wien und Salzburg abspielen wird.

So wird sich die Öffentlichkeit auch in diesem Jahr ein ganz eigenes, ihr gemäßes Künstlerbild schaffen: Mozart, der moderne Zappelphilipp, der Irrwisch, der alles gleichzeitig machte, am liebsten obsessiv mit den Fingern trommelte - auch wenn er Musik hörte - und in finanziellen Dingen noch nachlässiger war als Beethoven. Die Biographen werden sich abermals darum streiten, ob seine ständige Geldnot auf kostspielige Kleidung, Freude am Luxus oder die angeblichen Spielschulden beim geliebten Billard und Glücksspielen zurückgehen. Bei aller Leichtigkeit des Seins gehört er sicher zu den Komponisten, die am härtesten gearbeitet haben. Erfüllt hat ihn die Musik, nicht sein Dasein. In einem Brief an seine Frau Constanze beklagt er „eine gewisse Leere“, ein „gewisses Sehnen, welches nie befriedigt wird und aufhört - immer fortdauert, ja von Tag zu Tag wächst“.

Die Menschen durchschauend, mit dem Tode versöhnt

So eindeutig seine Musik wiedererkennbar ist, so vieldeutig erscheinen die Bilder des Künstlers und Menschen Mozart auch in den neuen Biographien. Seine Persönlichkeit entzieht sich den eindeutigen Zuordnungen und Schablonen. Der schrille Amadeus in Peter Shaffers gleichnamigem Film, der seine Mitwelt unaufhörlich herausfordert, findet sich in den unflätigen Bäsle-Briefen wieder. Doch das ist längst nicht alles. Wer Mozart als Menschen authentisch kennenlernen möchte, sollte seine die Sprachen mischenden, sich um Orthographie nicht scherenden, geradezu anarchischen Briefe lesen.

Knapp zwei Monate vor dem Tod Leopold Mozarts am 28. Mai 1787 schreibt Mozart, der selbst nur noch vier Jahre zu leben hat, an den kranken Vater: „Da der Tod (genau zu nemmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein Paar Jahren mit diesem wahren, besten freunde des Menschen bekannt gemacht, daß sein Bild allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes! Und ich danke meinem gott, daß er mir das Glück gegönnt hat mir die gelegenheit (sie verstehen mich) zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen.“ Auch wenn der 31 Jahre alte Mozart sich vielleicht zu dieser Passage von Moses Mendelssohns 1767 erschienener Schrift „Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele“ hat inspirieren lassen und viel freimaurerisches Gedankengut mitschwingt, entspricht sie seiner innersten Überzeugung. Sie mag manchem in ihrer schlichten Sprache als Erklärung für die heitere Gelassenheit seiner Musik erscheinen, die sich selbst von noch so großem Elend nicht ersticken läßt.

Nur wenige Tage nach dem Tod des Vaters komponierte er den „Musikalischen Spaß“, eine Parodie auf das Spiel der Dorfmusikanten, wobei drittklassige Musiker mit falschen Tönen und schiefen Rhythmen sowie absurden Harmonien imitiert werden. Einige Wochen später folgte das zerbrechlich-melancholische Lied für Sopran „Abendempfindung“, dann die „Kleine Nachtmusik“ sowie die Vollendung des Don Giovanni. Mozarts Musik ist leidenschaftlich, dunkel, abgründig und dabei so fröhlich und heiter wie keine andere. So ausgelassen konnte nur einer komponieren und leben, der die Menschen durchschaut und sich mit dem Tod versöhnt hatte.



Text: F.A.Z., 02.01.2006, Nr. 1 / Seite 1
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