MTV-Serie „Popetown“

Empörung auf Weltniveau

Von Jürgen Kaube

23. April 2006 Der Fernsehsender MTV, bei dem zumeist Reklame für Popmusik läuft, wird ab dem 3. Mai den Trickfilm „Popetown“ ausstrahlen. Produziert wurde die Serie, die sich über das Papsttum, den Vatikan und den katholischen Klerus lustig machen will, von der BBC. Gezeigt worden ist sie bislang nur in Neuseeland; begleitet von Boykottaufrufen der katholischen Kirche. Im eigenen Land scheuten die Auftraggeber nach ähnlichen Protesten im vergangenen September eine Ausstrahlung.

Seit ein paar Wochen laufen solche Proteste auch hierzulande. Jüngster Höhepunkt: Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) appelliert an MTV, den Trickfilm nicht zu senden. Zuvor hatte das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken einen direkten Angriff auf das Christentum erkannt. Das Erzbistum München und Freising geht rechtlich gegen den Sender vor. Kardinal Wetter meint, man könne nicht zulassen, „daß Christus und seine Leiden, die Mitte unseres Glaubens, so verhöhnt werden“.

Stark vereinfachter Sinn für Humor

Der Generalsekretär der CSU, Markus Söder, nimmt die Sache zum Anlaß, die schon häufig erfolglos erhobene Forderung Bayerns nach höheren Strafen für Gotteslästerung zu erneuern. Auch Edmund Stoiber hat sich in diesem Sinne geäußert. Die Senioren-Union verlangt von den Landesmedienanstalten, im Ernstfall MTV die Lizenz zu entziehen. Wie viele der Empörten mögen sich die DVD von „Popetown“ besorgt haben? Kardinäle und politische Spitzenkräfte, die Comicfilme studieren, wären tatsächlich eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung.

Immerhin gewinnt aber, wer auch nur eine einzige Folge der Serie gesehen hat, gute Gründe diesseits von Paragraph 166 StGB (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen), auf weiteres Einschalten zu verzichten. Denn sie wendet sich an einen doch stark vereinfachten Sinn für Humor. Der Papst: eine schwererziehbare, ständig quengelnde und triebgesteuerte Nervensäge im Vorschulalter, entworfen, möchte man sagen, nach dem Modell der allerjüngsten Zuschauer, die auch immer spielen und weder ins Bett noch ins Bad wollen.

Die Kleriker: treuherzig oder korrupt oder besoffen oder indolent. Die Geschichten: wie der Papst von einem jüdischen Entertainer aus Brooklyn gedoubelt wird; wie die Kirche mit einem Diktator kollaboriert - erfolglos, weil die vatikanische Küche seiner tierlieben Gattin einen gebratenen Panda serviert; der Geburtstag des Babypapstes, der sich einen Kampf mit einem Catcher wünscht. Der schlechte Geschmack war schon unterhaltsamer.

Pennälerphantasien

Die Religionssatire auch. Religionsspezifisch ist der Streifen überhaupt nur dort, wo er die Zweckentfremdung von Symbolen witzig findet: Meßwein als Deodorant, das Kreuz als aufblasbares Spielzeug oder Trimmdich-Gerät. Ansonsten reproduziert die Pennälerphantasie, als deren Erzeugnis die Trickfilme durch einen Vorspann dargestellt werden, wohlbekannte und abgegriffene Verhöhnungsmuster. Auf einen Staat, einen Konzern oder einen Fernsehsender ließen sich die Schablonen vom unzurechnungsfähigen Chef, den verkommenen Managern und vom Massenbetrug genausogut legen.

Wenn das Satire sein soll, steht es jedenfalls um den Antiklerikalismus ähnlich schlecht wie um die hiesigen Gottesdienstbesuche am Sonntag. Anders formuliert: Werden keine besseren Witze über die Kirche mehr gerissen, als solche, dann dokumentiert das die Erwartung der Massenmedien, andere würden auch gar nicht mehr verstanden.Es bleibt der Eindruck, hier wurden übliche Späße für ein genügsames Publikum nachträglich mit der Aufschrift „Papst“ versehen, um es zum Skandal zu bringen.

Weltreligiöse Empörungsstandards

Daß MTV seinen Skandal jetzt bekommt, indem sich die für Reflexe zuständigen Stellen melden, hat insofern nichts mit der Sache selbst zu tun. Edmund Stoibers Einlassung, Muslime hielten uns „auch(!) deshalb für ungläubig, weil wir unseren Glauben nicht ausreichend verteidigen“, bezeichnet, worum es statt dessen geht. Um die von manchem empfundene Pflicht zum Schritthalten mit den weltreligiösen Empörungsstandards, die einige Islambewirtschafter anläßlich der dänischen Mohammed-Karikatur zuletzt hochgeschraubt haben.

Dem Zeitalter der „Best practice“-Ideale, wonach von Pisa-Tests über Steuersätze bis zu Umsatzrenditen die gültigen Normen von denen gesetzt werden, die in einer Sache weltweit am meisten herausgeholt haben, kann auch Religion sich offenbar nicht entziehen. Im „Benchmarking“ der Glaubensintensität wird auf diese Weise Beleidigtsein zum Wettbewerbskriterium.

Cholerischer Glaubensbeweis

Ständig beleidigt zu werden ist seit einiger Zeit schon ein Grundgefühl von Minderheiten - und je mehr es von ihnen gibt, desto mehr auch ein Grundgefühl der Weltbewohner überhaupt. Die Behauptung, beleidigt worden zu sein, beweist durch Konfliktbereitschaft sowohl Gefühle wie auch, ein normativ anspruchsvolles Leben zu führen. „Sie haben mich fixiert!“ sagte einst der duellfreudige Adlige. „Was guckst du?“ blafft heute in der U-Bahn jeder, der Streit sucht, weil am leichtesten und für manche überhaupt nur im Streit demonstriert werden kann, daß man jemand ist. Die „Respekt!“-Litaneien der Hip-Hopper unterlegen diesen Film mit Musik. Die Existenz von Ehre wird durch Ehrverletzungsfeststellung erwiesen, die von tief empfundenen Gefühlen durch aufgeführte Zornausbrüche.

In diesem Sinne eines Übergangs vom ontologischen Gottes- zum cholerischen Glaubensbeweis behaupteten Muslime, die dänischen Karikaturen hätten sie fixiert, und Katholiken jetzt, ein Comic, den sie weder gesehen haben noch überhaupt sehen müssen, gucke sie beleidigend an. Es kann noch so blöd, so unerheblich und unmaßgeblich sein, was mitgeteilt wird, eine dadurch eintretende Gefühlsverletzung findet sich immer; und als religiöse ist sie selbstverständlich höchstrangig. Die ältere Idee, daß es nichtsatisfaktionsfähige Subjekte gibt, scheint zu verblassen.

Maximale Beleidigtenzahlen erwünscht

Nach dem Strafgesetzbuch kann die Beschimpfung eines Bekenntnisses nur geahndet werden, wenn sie den öffentlichen Frieden stört. Die Logik der Empörung möchte diese Konditionalität in der Gegenrichtung nutzen: Wenn wir den öffentlichen Frieden aufmischen, dann muß der Anlaß ja strafwürdig sein. Außerhalb des Orients begnügt man sich dabei freundlicherweise zumeist mit verbalen Aufmärschen - Stoiber mag daran auffallen, daß uns auch das Respektpunkte bei den Muslimen kosten wird. Dort wie hier sticht jedenfalls das strategische Moment am Empörtsein ins Auge.

Auf den Internetseiten katholischer „Popetown“-Gegner werden schon Vorschläge gemacht, wie man die Serie zu Fall bringen könne: durch Skandalisieren im Herkunftsland des Mutterkonzerns von MTV, den Vereinigten Staaten, dort sei man für religiöse Bestürzung empfänglicher als hierzulande. Auch die evangelische Kirche sieht sich dem Wunsch katholischer Amtsinhaber gegenüber, mitzutun beim Protestieren: Maximale Beleidigtenzahlen sind erwünscht; daß Lutheraner ganz eigene Maßstäbe für drastische Vatikanbeschreibungen haben mögen, bleibt dabei unbeachtet.

Privatsache von Katholiken

Säkularisierung heißt: die Privatisierung konfessioneller Entscheidungen. Das gilt auch für das Einschalten von Fernsehsendungen mit pubertären Heiterkeitsansprüchen. Denn selbstverständlich wäre es eine uferlose Debatte, würde man mit dem Ziel kollektiver Verbindlichkeit darüber streiten wollen, ob religiöse Gefühle mehr durch Bilder oder durch Bilderverbote, mehr durch Kitschpostkarten oder durch Comics, mehr durch aufblasbare oder mehr durch mit Juwelen besetzte Kreuze verletzt werden.

Insofern ist es eine Privatsache von Katholiken und denen, die für sie zu sprechen glauben, sich über „Popetown“ zu empören. Wenn aber ein Kulturstaatsminister oder ein Ministerpräsident, die für nichtprivate Entscheidungen zuständig sind, in dieser Frage die Partei der Glaubensgefühle ergreifen, handelt es sich um erste öffentliche Mimikry an die unfreien Zustände, für die wir gegenwärtig den Namen des Fundamentalismus verwenden.



Text: F.A.Z., 24.04.2006, Nr. 95 / Seite 35
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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