Von Thomas Thiel
06. April 2008 Die nationale Bloggerkonferenz re:publica, die für gewöhnlich jeder Form des Zukünftigen huldigt, begann mit einem unerwarteten Moment der Besinnung: In zeremonieller Rhetorik und fast ohne den Einsatz multimedialer Hilfsmittel sprach Victor Mayer-Schönberger von der Harvard-Universität über Informationsökologie, meinte damit die Nützlichkeit des Vergessens angesichts der wachsenden Diskrepanz zwischen menschlichem Erinnerungsvermögen und maschineller Speicherungskapazität und ebnete den Weg zu zwei neuen Kollektivsubjekten: dem Netz und seinem Superagenten Google.
Das Netz vergesse nichts oder zumindest nicht so schnell. Es vergaß beispielsweise nicht, dass die amerikanische Lehramtsanwärterin Stacy Snyder einmal ein Bild auf ihre Myspace-Seite gestellt hatte, das sie im Faschingstreiben als betrunkene Piratin zeigte, weshalb das Ministerium ihr die Lehrerlaubnis verweigerte. Es vergaß auch nicht, dass der kanadische Psychotherapeut Andrew Feldmar einmal einen Text über seine LSD-Erfahrung verfasst und im Netz zugänglich gemacht hatte, weshalb ihm ein Grenzbeamter die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigerte, nachdem er die Publikation bei Google gefunden hatte.
Eine kritische und ökonomisch unabhängige Gegenöffentlichkeit?
Erinnern - vergessen, der Redner skandierte diese Begriffe, wog sie reiflich gegeneinander ab und empfahl die Anstrengung des privaten Sich-Erinnerns. Zwar wisse Google mehr, als wir uns selbst in Erinnerung rufen könnten, weiß es jedoch auch, an was wir uns erinnern sollten? Kann der Einzelne angesichts des wachsenden Datenstroms noch rational entscheiden, was ihm erinnerungswert ist, oder ist er dem hilflos ausgeliefert, was der anonyme Google-Algorithmus an die vorderste Stelle setzt? Am Ende soll die Technik den Weg aus dem Dilemma bahnen, das sie selbst geschaffen hat. Mayer-Schönberger plädierte für ein Verfallsdatum der im Netz gespeicherten Informationen, das vom Benutzer selbst festzulegen sei.
Der Konzentration des Eröffnungsvortrags folgte die Zerstreuung: physisch auf die vielen Ebenen der Berliner Kalkscheune mit ihren Lounges, Workshops und Podiumsdiskussionen; geistig in die kontinuierliche Teilanwesenheit, die sich angesichts der vielfach zu beobachtenden Aufmerksamkeitsökonomie einstellte, gleichzeitig einem Vortrag zuzuhören und im Internet zu surfen. Doch das Begriffspaar Erinnern und Vergessen hallte nach, zumal die Konferenz auch die ersten Rechenschaftsberichte nach den euphorischen Verheißungen der vergangenen Jahre einforderte.
Erinnert man sich noch, dass man einmal eine kritische und ökonomisch unabhängige Gegenöffentlichkeit zu etablierten Medien hatte bilden wollen? Die Reihen des Auditoriums schlossen sich wieder zur dichten Phalanx, als auf dem Podium die Möglichkeit des Geldverdienens mit Blogs debattiert wurde. Einzig Deutschlands erfolgreichster Blogger Robert Basic konnte stolz auf die rund dreitausend Euro monatlich verweisen, die er mit Werbung einnimmt. Ansonsten verbleiben die Verdienstmöglichkeiten mit Blogs auf dem Niveau von Praktikantengehältern, die etwas aufgebessert werden können, wo man sich entschließt, sich mit dem einstmals heftig befehdeten Gegner einzulassen, will heißen: für etablierte Medien zu bloggen.
Das Provisorische ist das Gute - das Organisierte das Schlechte
Sascha Lobo, der Gründer des Unternehmens Adical, das Werbekunden für Blogs einwirbt, sah sich von den bohrenden Fragen des Auditoriums (Ihr habt versagt!) von einem Begründungsnotstand in den anderen gestürzt. Mehrere Monate lang hatte Adical die Kommunikation mit der Blogosphäre eingestellt, was Lobo den Vorwurf einbrachte, nicht minder arrogant zu sein als jene etablierten Medien, denen er dies unterstellt. Auch die Bloggerszene vergisst nicht, etwa, dass Adical Werbung für die Suchmaschine Yahoo geschaltet hatte, die der chinesischen Regierung im Kampf gegen kritische Blogger assistiert hatte.
Die Forderung des Auditoriums, es entweder ganz oder gar nicht zu machen, lehnte Lobo ganz im Sinne seiner Programmschrift Wir nennen es Arbeit ab. Deren Elementarsatz lautet, dass Arbeit immer auch Spaß machen und entspannt sein soll, weshalb Lobo auch weiterhin nicht mehr als einen Tag pro Woche für die Arbeit in seinem Unternehmen erübrigen will. Das Provisorische ist das Gute und das Organisierte das Schlechte.
Analyse, Reportage oder Essay sind Fremdgattungen
Das Böse vermutet man daher in den Printmedien, denen man mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit eine Restlebensdauer von fünf bis maximal zehn Jahren einräumt. Das Gute hingegen in der Bloggerkultur, die das Kommunizieren gelernt habe. Auf der SMS-Wand im Hintergrund einer Podiumsdiskussion, die der journalistischen Qualität des Bloggens galt, liefen derweil Kommentare, die von dem erreichten Kommunikationsstandard Zeugnis ablegten: Sorry, meine Schuhe quietschen. Twittern nennt sich der Netzdienst, der es ermöglicht, anderen über das Netz mitzuteilen, was man gerade so tut, unabhängig davon, ob das Resultat überlieferungswürdig ist. Die re:publica widmete dem Twittern einen vielbesuchten Workshop.
Sollte die Berichterstattung binnen fünf bis zehn Jahren tatsächlich von alternativen Medien, etwa dem Bloggen und dem Onlinejournalismus, getragen werden müssen, wäre viel Arbeit zu leisten. Die Podiumsdiskussion reduzierte den Begriff des Journalismus auf den der Informations- und Nachrichtenübermittlung. Analyse, Reportage oder Essay sind Fremdgattungen in einem Diskurskosmos, der seinen Kurs ständig mit den neuesten technischen Fortentwicklungen abzugleichen hat und daher keine Zeit zu inhaltlicher Beschäftigung findet. Die Frage, welcher der Tagenden eine eigenständige Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft entwickelt hatte, die sich nicht in der Anpassung an das erschöpft, was die Kommunikationsindustrie auf den Markt spült, wollte man da lieber nicht stellen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS
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