Von Andreas Kilb
02. Mai 2005 An einem Frühlingsabend im Mai 1789, während im fernen Paris die Wache auf den Wällen der Bastille patrouilliert, hält der neue Geschichtsprofessor der Universität Jena seine Antrittsvorlesung. Um 18 Uhr soll die Veranstaltung beginnen. Halb sechs ist der Hörsaal voll.
Der Professor schaut aus dem Fenster und sieht "Trupp über Trupp die Straße heraufkommen", bis das Gebäude überquillt. Er entschließt sich, in einen Saal am anderen Ende der Stadt umzuziehen. Der Weg dorthin, durch die Menge der Studenten und Schaulustigen, wird zum Triumphzug. Endlich findet der Gefeierte im Gewühl das Katheder, besteigt es unter lautem Beifallklopfen und sieht sich "von einem Amphitheater von Menschen umgeben ... und ich las mit einer Stärke und Sicherheit in der Stimme, die mich selbst überraschte".
Wider die Brotgelehrten
Schiller ist neunundzwanzig. Vor neun Jahren hat er die "Räuber", vor fünf Jahren "Kabale und Liebe", vor drei Jahren "Don Karlos" geschrieben. Eine Gelegenheitsarbeit für die von ihm herausgegebene "Rheinische Thalia", die "Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande", hat ihm den Ruf nach Jena eingetragen. Dort, vor dem Amphitheater der Studenten und Ordinarien, doziert er über den Unterschied zwischen "Brotgelehrten", die nur für den Arbeitsmarkt denken und lernen, und "philosophischen Köpfen". Es ist klar, für welchen Typus er wirbt.
"Beklagenswerter Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet als der Taglöhner mit dem schlechtesten! der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!" Die Zuhörer, begierig danach, aus ihrer Rokoko-Behaglichkeit gerissen zu werden, hängen an seinen Lippen. Noch Jahrzehnte später wird der "Brotgelehrte" in Deutschland ein Schimpfwort sein.
Die deutsche Variante der Revolution
Es ist der hohe Moment, der kairos, in Schillers Leben. Bis spät in die Nacht gibt es Trubel in den Jenaer Straßen, man spielt Musik, brüllt "Vivat!", und anderntags ist das Auditorium wieder genauso voll.
In Frankreich mag man, drei Monate später, die Aristokraten an die Laterne hängen und drei Jahre darauf dem König den Kopf abschlagen - dies hier, der tolle Tag von Jena, ist die deutsche Variante der Revolution, ein Sturm im Hörsaal, ein Aufstand im Kopf. Ein Woodstock der Wissenschaft. Und Schiller begreift sofort, was passiert, im Angesicht der jubelnden Menge entwirft er das Programm einer säkularen Heilsgeschichte, die unaufhaltsam auf "unser menschliches Jahrhundert" zuläuft, einer Geschichtsbetrachtung, die in dem Strom des Geschehens "nur hie und da eine Welle" beleuchten muß, weil sie das Ganze, den Sinn und Zweck aller Dinge längst erkannt hat.
Es ist, in ein paar kühnen Sätzen zusammengefaßt, das Programm eines historischen Idealismus, den Hegel zum System und Marx zur Ideologie entwickeln und an dem erst das zwanzigste Jahrhundert verzweifeln wird. Dieses Geschichtsdenken war die wirkungsmächtigste philosophische Strömung der Moderne, und an ihrem Anfang steht - Schiller.
Keines der Klischees ist ganz unwahr
Wenn man die Aufsätze und Festreden liest, die jetzt zum zweihundertsten Todestag des Dichters erscheinen, möchte man die Akte Schiller am liebsten gleich wieder zuklappen. Schiller, der "Glocken"- Mann, der "Bürgschafts"-Krämer, der "Wallenstein"-Heilige; der Unspielbare, der Nazi-Klassiker, der Groß-Pneumonide im Siechenhaus des deutschen Geistes.
Keines der Klischees, die jetzt aus den Archivmappen aufsteigen, ist ganz unwahr, aber zusammengenommen sind sie höchstens so erkenntnisträchtig wie die Ansichten des Frühmittelalters über Homer und Vergil. Um den Schwung, den Furor, auch das pathetische Klappern von Schillers Versen und Sätzen wirklich zu verstehen, muß man sich zuerst klarmachen, daß die späten achtziger und frühen neunziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts ziemlich genau das waren, was für uns die sechziger Jahre gewesen sind. Eine Zeit des Aufbruchs, der Ideale und Ekstasen, der politischen und lebensweltlichen Experimente. Und Schiller mittendrin, als Kultobjekt.
Der Pop-Poet seiner Zeit
Schon vor 1790 gibt es Schiller-Fanclubs in Leipzig, Hamburg und Kopenhagen, und als der Dichter 1804 nach Berlin reist, wird er empfangen und bestaunt wie ein Märchenkönig - und, im Bund mit Goethe, als elitärer Nonkonformist. Er ist der Pop-Poet dieser Zeit, eine Kreuzung aus Rudi Dutschke und Peter Handke, Katheder-Aktivist und Einsiedler; und er will es sein. Seine Balladen und Dramen suchen den Ohrwurm-Effekt, sie sind ganz auf Wirkung geschrieben: "Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich / Damon, den Dolch im Gewande." Das ist so genial und peinlich wie nur je eine Zeile von Grönemeyer, eine Strophe von John Lennon. "Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder, / den Jüngling bringt keines wieder."
Die Deutschen haben hundertfünfzig Jahre gebraucht, um diese Verse wieder aus dem Kopf zu kriegen, und noch heute hört man sie gelegentlich im Deutschunterricht der Oberstufe - weil sie alles in allem das beste sind, was man aus der Sprache Luthers herausholen kann, wenn sie von so unmodischen Themen wie Freundschaft, Mut, Ehre, Tyrannenmord handeln soll. Sie klingen komisch, diese Verse, wenn man sie außerhalb von Hör- und Theatersälen aufsagt, so wie ein Liebesbrief oder ein Volkslied aus der Postkutschenzeit heute komisch klingt. Aber es führt kein Weg über sie hinaus.
Heute kriegen die Intendanten Hitzepickel
Noch tragischer als Schillers Tragödien sind die immer neuen Versuche, sie den deutschen Bühnen als Pflichtstücke anzudienen. In einem der lesenswerteren Schiller-Bücher dieses Frühjahrs bricht der Feuilletonist und Lateindozent Burkhard Müller eine Lanze für die handwerkliche Genialität des "Fiesco" und des "Karlos" ("Der König hat geweint. Schiller und das Drama der Weltgeschichte", Zu-Klampen-Verlag) - als hätte irgend jemand außerhalb des Big-Brother-Containers je daran gezweifelt, daß diese Stücke gut sind.
Aber die Gaugrafen des heiligen Subventionstheaters deutscher Nation bekommen schon Hitzepickel, wenn sie die Wörter "König" oder "Freiheit" nur hören, vielleicht, weil sie sie daran erinnern, daß ihre Häuser tatsächlich einmal Bollwerke der Gegenmacht waren, bevor sie zu Museen des Personalstils wurden. Schillers Sprach- und Gedankenfeuer falle "in eine nasse Epoche", stellt Müller zutreffend fest. Immerhin brennt sein Buch eine Weile sehr munter, ehe es in einem Hymnus auf das antikische Klagegedicht "Nänie" erlischt.
Reden wir also, bevor das letzte Jubiläumskerzchen ausgegangen ist, von Schiller, dem Geschichtsschreiber, dem Historiker. Im Hin und Her der Leseempfehlungen, Indienstnahmen, Gehässigkeiten (Nietzsches "Moraltrompeter von Säckingen") und Lobhudeleien der vergangenen zwei Jahrhunderte ist in Vergessenheit geraten, daß der Dichter des "Wallensteins" der erste war, der in Deutschland Geschichte überhaupt geschrieben statt bloß zusammengestellt hat. Mit ihm, der von Plutarch und Voltaire das Nötige gelernt, aus eigener Kraft aber das Entscheidende dazugetan hat, beginnt die eigentliche deutsche Historiographie.
Er bringt die Geschichte unters Volk
Schiller holt die Geschichte aus den Kanzleistuben und hochwohllöblichen Folianten heraus und bringt sie unters Volk, er macht dem barocken Umstandsgeschwätz den Garaus und erzählt, was es zu erzählen gibt: die holländische Revolution ("Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung"), die Hugenottenkriege ("Geschichte der französischen Unruhen, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen"), den Dreißigjährigen Krieg. Seine Darstellungen, die, wie auch der Roman vom "Geisterseher" und die Erzählung vom "Verbrecher aus verlorener Ehre", zuerst in Zeitschriften erscheinen (die "Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs" etwa im "Historischen Kalender für Damen auf das Jahr 1791"), sind für ihre Zeit ein Muster an Sachlichkeit, an gedankenstrichfreier analytischer Schärfe.
Die kalte Prosa, die Büchner im "Lenz" schreibt, hat er, wie Kleist die Kunst der Anekdote und die Verachtung des "Brotberufs", bei Schiller gelernt. Und wenn man Golo Manns "Wallenstein" den beiden schillerschen Versionen des Stoffes, der historiographischen und der theatralischen, gegenüberstellt, merkt man erstaunt, wieviel Schiller noch in Manns Geschichtserzählung steckt, obwohl der Dichter an den Duodezhöfen von Thüringen, zweihundert Jahre zuvor, unendlich viel weniger Quellenmaterial zur Verfügung hatte als sein gebildeter Epigone.
Geschichte als Kampf der Individuen
Die Historiker des neunzehnten Jahrhunderts haben sich alle Mühe gegeben, das Erbe Schillers zu verleugnen, aber gerade in ihren besten Augenblicken, etwa in Droysens "Alexander"-Buch oder in Mommsens Cäsar-Porträt am Ende der "Römischen Geschichte", bricht es immer wieder durch. Was ist es? Es ist der Entschluß, Geschichte nicht als Mosaik, sondern als Drama zu lesen, als Kampf der Individuen, die der Epoche ihr Bild einprägen, wie sie es von ihr empfangen haben. Vom derzeit wuchernden Biographismus ist diese Betrachtungsweise ebensoweit entfernt wie von den historischen Rasterfahndungen der Wehler-Schule. Sie hat, offen gesagt, etwas Hollywoodeskes. Aber vielleicht ist Hollywood ja der deutschen Historikerzunft viel weiter voraus, als diese sich träumen läßt.
Es gibt Dichter, die man lieben kann, wie Hölderlin, Büchner und Kleist, und solche, die man immer wieder neu ergründen kann, wie Goethe. Schiller gehört zu keiner der beiden Kategorien. Vor der Umarmung der Nachwelt schützt ihn der doppelte Skandal seines Lebens, das den Gebrechen des Körpers die "große Gesundheit" (Nietzsche) des Schreibens abrang, und seines Stils. Wo die Gescheiterten, Frühverstorbenen uns als Mitfühlende in ihr Verstummen ziehen, da spricht Schiller in jeder Silbe sich herrisch aus. "Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?"
Deshalb brauchen wir ihn
Anders als Wallenstein, der vor den Folgen seines Wollens zurückschreckt, kann Schiller alles, was er denkt. Dabei gerät er unvermeidlich in Aporien. Die "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges", drei Jahre nach der Antrittsvorlesung in Jena geschrieben, ist kein Lichtspiel heller Wellen mehr, sondern ein düsterer Karneval des Todes. So trübt sich auch Schillers Mitwelt immer mehr ein seit dem herrlichen Tag von Jena, die Französische Revolution zieht herauf, Danton, Robespierre, dann Napoleon.
Schiller aber, längst sterbenskrank, will selbst dessen Gewaltherrschaft, die er heraufziehen sieht, noch "dem Begriff nach vernichten", sprich: in Kunst verwandeln. Seine letzte literarische Anstrengung gilt einer Napoleon-Figur, dem Usurpator Demetrius. Sie bleibt Fragment, wie sein Leben, wie die deutsche Klassik überhaupt. Einer Epoche, die im Kino Porträts von Hitler, im Fernsehen Stilleben vom Gutshausdasein vor hundert Jahren malt, muß die Unbedingtheit seines Anspruchs unerträglich sein. Schiller ist uns peinlich. Deshalb brauchen wir ihn.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 23
Bildmaterial: AP
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