28. Februar 2008 Westen ohne Werte? In diesen Tagen eröffnet Russland in Paris und New York Institute, die Westeuropa das russische Demokratieverständnis näherbringen wollen. Kerstin Holm hat mit der Direktorin des Instituts für Demokratie und Zusammenarbeit in Paris gesprochen.
Frau Narotschnizkaja, Sie leiten die neue Niederlassung des russischen Instituts für Demokratie und Zusammenarbeit in Paris. Welche russischen Ideen werden Sie nach Europa exportieren?
Propagandaveranstaltungen wird es ganz bestimmt nicht geben. Der Akzent liegt vielmehr auf der Forschung und dem Erfahrungsaustausch mit den Europäern. Mir ist vor allem wichtig, tiefer zu verstehen, wie die großen Ideen der Freiheit und Menschenrechte entstanden und sich wandelten. In meinem Land gefällt mir sehr vieles nicht. Russland begeht viele Sünden. Wir entwickeln uns immer sehr stürmisch, probieren etwas aus, verwerfen es, ändern jäh die Richtung. Ich würde mir eine stärkere russische Zivilgesellschaft wünschen. Die Diskussion mit europäischen Partnern kann hoffentlich dazu etwas beitragen.
Was unterscheidet die russische Auffassung der Menschenrechte von der westlichen?
Das Ideal ist natürlich die Harmonie von der Freiheit des Einzelnen und den Interessen der Allgemeinheit, die vom Gesetz geschützt werden. Im Westen wird die menschliche Freiheit vor allem als Abwesenheit von Einschränkungen verstanden. In Russland fragt man eher, wozu Freiheit da ist. Meine Position ist moderat konservativ. Freiheit soll der christlichen Tugend dienen. Gesetze sind für sich genommen keine Quelle des Guten. Rechtsbewusstsein ist immer auch moralisch begründet.
Darum steht es in Russland derzeit leider nicht gut. Gesetze werden oft nicht befolgt. Als wir mit Georgien politisch im Streit lagen, hielten Polizisten auf der Straße Leute mit kaukasischem Aussehen fest. Das war widerrechtlich. Verglichen mit Europäern, ist die Heimatbindung der meisten Russen sehr groß. Bei einer Umfrage nach Verbrechen, die man nicht verzeihen dürfe, antworteten zweiundneunzig Prozent: Vaterlandsverrat. Dem Filmregisseur Nikita Michalkow sagte ein französischer Kameramann: Meine Heimat ist da, wo die Steuern am niedrigsten sind. Das Sprichwort Ubi bene ibi patria gilt für Russen nicht.
Wo haben Sie als Russin denn dann Probleme mit dem Umgang mit Menschenrechten in Westeuropa?
Menschenrechte haben immer Grenzen. Manchmal scheint es, als gehe das Gefühl dafür den Europäern verloren. Ich finde es sehr wichtig, die Rechte von Kindern zu schützen. Aber in Frankreich werden einige Kinder regelrecht dazu angehalten, ihre Eltern bei Amtsjuristen zu denunzieren. Vielleicht ärgert sich ein Kind über die Strenge des Vaters. Es gibt sogar die Möglichkeit, Eltern vorzuwerfen, sie erdrückten durch übertriebene Liebe die Entwicklung ihres Sprösslings. Bei den letzten Präsidentenwahlen in den Vereinigten Staaten fuhren russische Wahlbeobachter durch die Provinz. In manchen Wahllokalen wurde überhaupt nicht kontrolliert, wer da seine Stimme abgab. Man hätte sich ohne weiteres als Leonardo da Vinci oder Johann Wolfgang von Goethe eintragen lassen können.
Das Budget für die russischen Demokratieinstitute im Westen steht noch nicht fest. In der Presse ist von etwa sechzig Millionen Euro die Rede. Wer wird Ihre Arbeit finanzieren?
Wir erwarten Spenden von der russischen Geschäftswelt, die, wie mir scheint, an vergleichenden Forschungen über das soziokulturelle Umfeld in Russland und denjenigen Ländern interessiert sein sollte, wo unser Finanzkapital seine Zukunft plant. Über die zivile Kammer werden wir uns, wie andere Nichtregierungsorganisationen auch, um staatliche Stipendien bewerben. Vor allem aber rechnen wir auf die Privatwirtschaft.
Der Mönchspriester Tichon, der als Beichtvater des scheidenden Präsidenten Putin gilt, hat in der Fernsehsaga Untergang eines Imperiums über das Byzantinische Reich den Westen zu Russlands Hauptfeind erklärt. Das bürokratisch organisierte Kaiserreich erscheint darin als Ideal, dessen Niedergang auf das Konto kreuzritterlicher Raubzüge und des aus Europa eingeschleppten Virus des Egoismus und Individualismus geht. Anspruchsvolle Kommentatoren halten das für ein Propagandamanifest für den neuen Untertanengeist.
Der Film Untergang des Imperiums ist natürlich plakativ und übertrieben. Aber im zwölften Jahrhundert blühten in Konstantinopel tatsächlich Bildung und Künste, während Frankreich ein eher elendes Bild abgab. Das können Sie bei Jacques le Goff nachlesen. Die Kreuzzügler hielten damals alle bessergestellten Jünglinge auf der Straße wegen ihrer schönen Kleidung für Prinzen.
Byzanz ist unsere Urmutter. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert war unsere Kultur stark westeuropäisch geprägt. Damals haben wir auch die Verachtung westlicher Denker, beispielsweise Herders, für die byzantinische Geschichte übernommen. Im zwanzigsten Jahrhundert herrschte bei uns der Marxismus, auch ein Import aus Westeuropa, der allerdings von seinen Wurzeln abgeschnitten war. Das östliche und westliche Christentum sind Bruderzivilisationen. Deshalb ist das Ressentiment zwischen beiden so bitter.
Wie beurteilen Sie aus menschenrechtlicher Sicht die Entscheidung der Europäischen Union, dem Kosovo eine kontrollierte Unabhängigkeit zu gewähren?
Bei der Kosovo-Entscheidung dienten die Menschenrechte als pharisäerhafter Vorwand, um aggressiv gegen einen souveränen Staat in Mitteleuropa vorzugehen und im militärstrategischen Interesse der Vereinigten Staaten neue Grenzen zu ziehen. Europa ist so kurzsichtig! Ethnische Konflikte werden hochkochen, und Amerika wird die Konfliktparteien gegeneinander ausspielen. Unter dem Vorwand der Menschenrechte wird die Weltkarte umgezeichnet. Selbst zu Zeiten der Tyrannen genoss das Völkerrecht mehr Respekt. Dass die Rechte der Serben sicher sind, bezweifle ich. Als albanische Kämpfer die Altäre orthodoxer Kirchen mit Exkrementen schändeten und zerschossene Ikonen mit der Aufschrift UÇK beschmierten, haben die Besatzungstruppen der Nato keinen Finger gerührt.
Die russische Intelligenzija, die mit dem Westen sympathisierte, ist heute wie vom Erdboden verschluckt. Journalisten, Kulturwissenschaftler, Filmregisseure werden orthodoxe Priester. In ihrem Buch Anti-Achmatowa versammelt Tamara Katajewa Erinnerungen an die Dichterin, um nachzuweisen, dass Anna Achmatowa eitel an ihrem Image strickte.
Dass sich Russland von Europa entfremdet, ist eine traurige Entwicklung. Daran sind aber leider auch unsere Liberalen schuld, die für die russische Geschichte und russische Traditionen nur Verachtung übrighatten. Sie verachteten das Volk ebenso wie die Obrigkeit. Für den Staat haben sie nichts geleistet, sie haben ihn nur ausgelacht. Die nihilistische Haltung vieler Intellektueller provoziert eine fundamentalistische Reaktion aus dem Volk. Das russische Demokratie-Institut soll auch das europäische Vorurteil hinterfragen, wir seien eine barbarische Nation.
Aber sind nicht Russen tatsächlich insgesamt, im europäischen Vergleich, unberechenbarer, großzügiger, wilder - eben etwas barbarisch?
Wie war das bei Schiller? Von seinem Löwengarten / das Kampfspiel zu erwarten / saß König Franz. / Und um ihn die Großen der Krone / und rings auf hohem Balkone / die Damen in schönem Kranz, und so weiter - Der Handschuh.
Das kann heute kaum ein Deutscher aufsagen.
Und wer weiß noch, dass der Prolog im Himmel von Goethes Faust auf die Hiobs-Geschichte verweist? Die Liberalen des neunzehnten Jahrhunderts waren bereit, für die Freiheit zu sterben. Heute würde kaum jemand für eine Idee sein Leben aufs Spiel setzen. Im Russland des zwanzigsten Jahrhundert wurde Schiller mit seinen Ideen von Zola mit seinen Problemen des täglichen Brots verdrängt. Heute gehen dem Westen die nichtökonomischen Werte aus.
Diese Art Freiheit führt in die Sklaverei des Fleisches. Angesichts des Andrangs nichtchristlicher Zivilisationen ist das besorgniserregend. Dass die christliche Tradition in der europäischen Verfassung nicht erwähnt wird, ist skandalös. Wenn ein katholischer Politiker wie Rocco Buttiglione nicht sagen darf, dass in der Bibel Homosexualität zur Sünde erklärt wird, ist das eine neue Form von Totalitarismus. Ich bin kein Feind der Homosexuellen. Aber ich werde nicht das Europa der Gay-Paraden verteidigen, sondern das von Mozart, Goethe und Schiller.
Das Gespräch führte Kerstin Holm.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kerstin Holm
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