Neues Goethe-Institut in Sibirien

Pop, an den sozialistischen Realismus erinnernd

Von Kerstin Holm, Nowosibirsk

Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann: Das Institut hat in Russland seine erste sibirische Filiale eröffnet

Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann: Das Institut hat in Russland seine erste sibirische Filiale eröffnet

20. März 2009 Die Hauptstadt Sibiriens hat alles, was an Russland begeistert, und nichts, was an ihm abstößt. Die Architektur zeigt sich in echt russischer Grandezza und frei von russischem Pomp. Nowosibirsk besitzt eine hochkarätige Kultur- und Forschungsszene, die der Geistesaristokratie indes materiell wenig einträgt. Doch gekränkter Stolz ist den Sibiriern fremd. Auch demographisch entwickelt sich Nowosibirsk, das im Herzen des rapide sich entleerenden asiatischen Landesteils auf fast zwei Millionen Einwohner anwuchs, gegen den Trend. Darin folgte ihm das Goethe-Institut, das nach einer Phase der Kürzungen und Schließungen seinen weltweit 134 Büros jetzt ein neues in der Taiga-Metropole hinzufügte, das dritte vollwertige Institut in Russland.

Nowosibirsk, heute Russlands drittgrößte Stadt, entstand als Brückendorf an der Stelle, wo die Transsibirische Eisenbahn den Ob überquert, und als Kind der Utopie. Sein Wahrzeichen wurde die gigantische Oper. Der alle europäischen Theater überragende Kuppelbau wurde in den dreißiger Jahren in Angriff genommen, als hier gerade einmal 40.000 Menschen in Holzhütten hausten. Weil die Oper als „bourgeoise“ Kunstform galt, war zunächst ein futuristisches Theater geplant, wo 4000 Zuschauer sich an Zirkusakrobaten, Synchronschwimmern, einem Planetarium und der Musik unsichtbarer Instrumentalisten ergötzen sollten.

Höhepunkt der Eröffnungsfeierlichkeiten

Der Kunsttempel, wohin im Zweiten Weltkrieg die Tretjakow-Galerie, die Leningrader Philharmonie, aber auch historische Waffen und eine Scheinwerferfabrik evakuiert worden waren, beherbergt heute eines der besten russischen Musiktheater, dessen Chefdirigent Theodor Kurenzis im April in Paris Verdis „Macbeth“ aufführt. Auf seiner 32 Meter breiten Bühne kredenzte das Goethe-Institut als Höhepunkt der Eröffnungsfeierlichkeiten den spätstalinistischen Farbfilm „Romeo und Julia“, zu dem Frank Strobel, Leiter der Europäischen Filmphilharmonie, Prokofjews Kinomusik dirigierte. Strobel hatte die Partitur aus einer alten Tonspur eigens rekonstruiert. So konnten die Deutschen den Russen ein Stück ihrer eigenen Kultur zurückgeben.

Das von Lew Arnstam 1954 gedrehte Opus passt zu diesem Ort. Das Bühnenbild imaginiert mit Versatzstücken aus Venedig und Florenz ein Ideal-Verona im Kaukasus, dessen Pathos durch das Symphonieorchester erst richtig zur Geltung kommt. Auch dass bei Arnstam die nach Renaissancegemälden kostümierten Montagues und Capulets anfangs noch von den Garden eines Fürsten gewaltsam befriedet werden, ist ein Tribut an Stalin. Dieser „Romeo“ repräsentiert die einzigartig sowjetische Gattung des Dram-Balletts. Freien Kunsttanz gibt es nicht. Alle Choreographie wird durch dramatische Handlung motiviert - als höfische Prozession, Volksvergnügen oder in Freudensprüngen. Die legendäre Galina Ulanowa tanzt die Julia mit wilder Intensität. Als ihre für eine Ballerina eher stabile Gestalt am Ende über Romeo zusammenbricht, wirkt das wie das Selbstopfer einer jungen Heidin, das die frömmelnden Alten endlich versöhnt.

Als Student in Berlin

Auch das deutsche Kulturinstitut setzt auf die sibirische Jugend. Im Wissenschaftsstädtchen Akademgorodok nimmt die Delegation, an der Spitze der Institutspräsident Klaus Dieter Lehmann, das Gymnasium Nummer 3 feierlich ins internationale Netz der Partnerschulen auf. Die Waldsiedlung wurde nach Stalins Tod gegründet, als Ausländern unzugängliche Oase für Grundlagenforschung. Heute kooperieren die hiesigen Luftfahrttechniker und die Archäologen mit deutschen Partnern. Im Gymnasium Nummer 3 lernt man ab der ersten Klasse Englisch, ab der fünften Deutsch. Die Sechstklässler haben sich T-Shirts mit Partnerschullogo übergezogen und legen eine deutsche Rap-Show hin. Martin Kobler, Leiter der Abteilung für Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, ist begeistert: Er hoffe, den einen oder andern Schüler als Studenten in Berlin wiederzusehen. Aber dazu müssten sie, mahnt der Beamte, erst sehr gut lernen.

Als Investition in die Zukunft versteht das Goethe-Institut auch seine Künstlerresidenzen. Die literarische Ernte der Nowosibirsk-Besuche von Georg Klein, Hendrick Jackson und Nora Gomringer kam rechtzeitig in einem zweisprachigen Band heraus. Im Kunstmuseum eröffnen der Direktor Dubrowin und Lehmann eine Ausstellung des Fotografen Andreas Herzau, der Straßenszenen, vor allem aber Garagen vor Wohnsilos ablichtete, zudem eine Multimediainstallation von Jovana Popic, die sich von sibirischen Piloten inspirieren ließ, die mit radioaktiven Stiften Flugkarten zeichnen mussten. Kunst solle Spaß machen, beschwört Lehmann das studentische Vernissage-Publikum.

Sibirische Utopiestadt

Dubrowin freut sich über Herzaus „fremden Blick“, kann dann aber in den Fotos weder eine nationale noch eine individuelle Handschrift ausmachen. Jovana Popic hat in einem dunklen Raum phosphoreszierende Modellflugzeugflügel aufgehängt. Im Nebenraum zeigt sie ein vom Hubschrauber über Nowosibirsk aufgenommenes Breitwandvideo. Er freue sich über den geschäftlichen Erfolg von Jovana Popic, sagt ein Nowosibirsker Künstler mit feinem Lächeln. Ein hiesiger Kunstkritiker und eine Galeristin aus Tomsk bekennen, von deutschen Projekten hätten sie sich etwas mehr Substanz erhofft.

Dubrowin eröffnet unterdessen schon die nächste Kunstschau. In einem Saal im ersten Stock hängen zu Ehren der Bulgarischen Tage in Nowosibirsk bunte Leinwände mit phantasievoll verzierten kyrillischen Buchstaben. Als dann noch Kinder in bulgarischer Volkstracht auftreten und im Wechsel Verse über die Heldengeschichte ihrer Heimat, die schöne Schwarzmeerküste und die alte Freundschaft mit Russland deklamieren, fühlt der Besucher sich zurückversetzt in sowjetische Zeiten, da Kunst vor allem den Massen verständlich sein und helfen sollte, sie zu beherrschen. Merkwürdig: Der westlich-liberale Weg führt offenbar zum gleichen Ziel. Leicht konsumierbare Popkultur, die lieber Banalitäten produziert, als dass sie es riskierte, durch Ansprüche jemand vor den Kopf zu stoßen, ist, so erlebt man in dieser sibirischen Utopiestadt, der sozialistische Realismus unserer globalisierten Welt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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