Marco Weiss im Fernsehinterview

Endlich wieder zu McDonald's

Von Jörg Thomann

17. Dezember 2007 Marco Weiss, den man hierzulande lange nur als Marco W. kannte, scheint es gut zu gehen. Mit wieder längerem Haar sieht er ganz anders aus als der kahlgeschorene, hagere Häftling im türkischen Antalya, dessen Schicksal Medien und Politiker über mehr als ein halbes Jahr beschäftigt hat; ein sehr großgewachsener, hübscher Junge, der die zermürbenden acht Monate in der Untersuchungshaft erstaunlich gut überstanden hat. Diesen Eindruck jedenfalls erweckte Marco in seinem gut zwanzigminütigen Auftritt gestern abend bei RTL, wo das erste Fernsehinterview mit dem Schüler ausgestrahlt wurde.

RTL hat Marco exklusiv an sich gebunden (siehe auch: Das doppelte Verschwinden des Marco W.) - und verfügt doch nur über Bruchteile seiner Geschichte. Das Verfahren gegen Marco, dem die sexuelle Nötigung einer damals dreizehn Jahre alten Britin vorgeworfen wird, läuft weiter. Eine Verurteilung wegen Vergewaltigung droht nach wie vor - weshalb alles, was die vermeintliche Tat angeht, der Öffentlichkeit verborgen bleiben muss. Die in Marcos Fall alles entscheidende Frage von Schuld oder Unschuld bleibt somit ausgeklammert, nicht Aufklärung ist das Ziel, sondern die Übermittlung von Emotionen. So kam es, dass RTL mit Hilfe der glücklichen Gesichter des jungen Spätheimkehrers und seiner Familie das Happy End einer traurigen Geschichte schilderte, die tatsächlich noch lange nicht abgeschlossen ist.

Fragwürdiger Medienpartner

Als vor anderthalb Jahren das achtzehn Jahre alte Entführungsopfer Natascha Kampusch erstmals vor die Fernsehkameras trat, staunte die Welt über eine unnatürlich reif wirkende junge Frau von frappierender Eloquenz und einer durch intensiven Konsum von Radio und Fernsehen - ihrer einzigen Verbindung zur Außenwelt - vorzüglichen Medienkompetenz. Sie selbst entschied, an welchen Sender sie sich binden und von wem sie sich befragen lassen wollte; der ORF-Interviewer Christoph Feurstein hat für seine behutsamen Gespräche mit Natascha viel Lob und Auszeichnungen bekommen. Schwer vorstellbar, dass Marco Weiss sich im türkischen Gefängnis einen vergleichbaren Überblick über die hiesige Medienlandschaft verschaffen konnte. Jedenfalls kann man sich vertrauenerweckendere Partner vorstellen als das Boulevardmagazin „RTL-Explosiv“, das uns gestern abend das erste Interview mit Marco präsentierte.

Seriöse RTL-Köpfe wie Günther Jauch oder Peter Kloeppel hätten sich für ein Gespräch, bei dem ein investigativer Ansatz von vornherein ausgeschlossen war, vermutlich nicht hergegeben. So fiel die Aufgabe, dem Publikum Marco persönlich vorzustellen, dem „Explosiv“-Moderator Markus Lanz zu, der bislang nicht als Koryphäe seines Fachs aufgefallen war und gestern abend erkennen ließ, warum. Selten hat ein Mittdreißiger im Fernsehen so alt ausgesehen wie gestern abend Lanz, gerade weil sich dieser so verbissen um einen jugendlichen Jargon bemühte. Als Marco beim gemeinsamen Spaziergang über einen Feldweg berichtet, sich auf die Rückkehr an seine Schule und auf seine Freunde zu freuen, knufft ihn Lanz verbal in die Seite mit der Bemerkung, er werde doch bestimmt „zu McDonald's gehen“. Und sicher auch am Computer spielen und ins Kino gehen, gell? Marco, wie so oft, lächelt. Als er später einen Wäschekorb mit der Post zeigt, die im Gefängnis ankam, begeistert sich Lanz: „Mann! Das sind die ganzen Briefe?“ Ja, Mann, Donnerwetter.

Weihnachtsbaum und Kaminfeuer

Für das Zwiegespräch hatte RTL an einem unbekannten Ort einen Raum hergerichtet, der mit Weihnachtsbaum und Kaminfeuer urdeutsche Gemütlichkeit ausstrahlte; da passte es, dass Lanz überm Hemd einen Pullunder trug, was ihn noch onkelhafter wirken ließ. Der Erkenntnisgewinn des Gesprächs war gering. Was hätte Marco auch antworten sollen auf Lanzens Frage, wer über seine Freilassung erleichterter sei, er selbst oder seine Eltern: „Eindeutig ich selbst“ etwa oder „Ich glaube, meine Eltern“? Er entschied sich dafür, dass alle gleich erleichtert seien. Eindeutig festlegen konnte er sich bei der ähnlich profunden Frage, ob er nach seiner Freilassung eher das altvertraute Essen genieße oder die Gespräche mit der Familie: Die Familie machte das Rennen.

Selbst für die knappe Sendezeit waren Lanz nicht genügend Fragen eingefallen. Er klang wie eine Reinhold-Beckmann-Platte mit Sprung, als er gleich dreimal in den zwanzig Minuten wissen wollte, ob die Zeit im Gefängnis aus Marco einen anderen Menschen gemacht habe. Gleich dreimal versicherte der Befragte, er sei „immer noch derselbe Marco“ geblieben - nur ein wenig erfahrener vielleicht. Und fügte hinzu: „Das wird sich ja alles noch zeigen, momentan ist ja alles noch unwahr.“ Das wirkte schon sehr abgeklärt.

Drei Zentimeter größer

Überhaupt machte Marco einen guten Eindruck; zwar zeigte er sich nicht redegewandt (was man von einem soeben aus dem Gefängnis entlassenen, siebzehn Jahre alten Hauptschüler bei seinem ersten Fernsehinterview auch nicht erwarten kann), aber freundlich, ruhig und optimistisch. Er berichtete von der „sehr ungewohnten Situation“ in der Haft, die er sich mit Sport, Fernsehen, Schachspiel und dem Studium von Schulbüchern vertrieben habe, und sogar von Freundschaften, die er dort geschlossen habe. Stoisch ertrug er es, als Lanz ihm ein Maßband an den Körper hielt, um festzustellen, dass er im Gefängnis um knapp drei Zentimeter gewachsen sei.

In Erinnerung bleibt Marcos strahlendes Lächeln beim Blick ins Cockpit des Privatjets, der ihn zurück in die Heimat brachte. Da wehte ein Hauch des „Fliegenden Klassenzimmers“ durch den RTL-Beitrag, der die Geburt eines neuen Medienstars eingeleitet haben könnte: der siebzehnjährige Uelzener. Am Schluss jedoch sah sich der Sender gezwungen, die graue Realität in Erinnerung zu rufen und festzustellen, dass die „Schuldfrage offen“ bleibe. „Er sagt selbst, dass er manches falsch gemacht hat“, teilt der Off-Kommentar über Marco mit und verschweigt uns, welche Fehler damit gemeint sind. Doch das werden wir vielleicht im nächsten Kapitel der Geschichte des Marco Weiss erfahren, welches womöglich nicht ganz so heiter ausfallen wird - demnächst exklusiv bei RTL.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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