Niederlande

Das rote Auge

Von Hussain Al-Mozany

Gegen den Haß: Demonstration in Amsterdam

Gegen den Haß: Demonstration in Amsterdam

11. November 2004 Hinter dem Mord an dem niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn vom 6. Mai 2002 scheint es keine Drahtzieher gegeben zu haben; der Mörder war wohl ein linksorientierter Einzeltäter. Im Falle des Mordes an dem Filmemacher und Publizisten Theo van Gogh ist das anders: Er muß im Auftrag irgendeines religiösen Führers oder einer solchen Macht geschehen sein. Denn ein Islamist kann sein Leben nicht ohne weiteres aufs Spiel setzen, wenn nicht bestimmte radikal-religiöse Kreise solche Taten gutheißen und dem Attentäter dafür das Paradies versprechen.

Zahlreich sind bereits die unanfechtbaren Koranverse, auf die sich solche Auftragsmörder und ihre Vollstrecker berufen. In der dritten Sure des heiligen Buches spricht Gott etwa: "Ich werde keine eurer Handlungen unbelohnt lassen, gleichviel ob männlich oder weiblich. Ihr gehört ja zueinander. Darum werde ich denen, die um meinetwillen ausgewandert und aus ihren Häusern vertrieben worden sind und Unrecht erlitten haben und die gekämpft haben und dabei getötet worden sind, ihre schlechten Taten tilgen, und ich werde sie in Gärten eingehen lassen, in deren Niederungen Bäche fließen. Das soll ihre Belohnung von Gott sein."

Aus allen Fugen

Daß bislang keine einzige namhafte arabische oder islamische Persönlichkeit, sei es eine politische oder kulturelle, diesen Mord an einem Künstler in gebührender Form verurteilt hat, dürfte den Attentäter mit Genugtuung erfüllen, denn so darf er eine, wenn vielleicht auch nur stillschweigende Duldung oder Komplizenschaft voraussetzen. Gerade in diesem Schweigen, das auch der Amsterdamer Politologe Paul Scheffer beklagt, zeigt sich der hilflose Zustand einer aus allen Rahmen und Fugen der Geschichte und der Vernunft geratenen islamisch-arabischen Gesellschaftsordnung, die sich gegen jede Idee der Freiheit, des fairen Dialogs und der Meinungsvielfalt stellt und einem festgefahrenen Diskurs verfallen ist, aus dem sie sich nur durch noch mehr Blutvergießen zu retten versucht.

Manche Hochschullehrer, Islamgelehrte und Fernsehprediger sind nämlich gegenwärtig darum bemüht, ihren Gegnern das "rote Auge", wie manche Araber sagen, zu zeigen. Der bekannte Al-Dschazira-Fernsehprediger Yusuf al-Yarzawi forderte seine Anhänger mit einer "Fatwa" sogar öffentlich dazu auf, amerikanische Zivilisten zu entführen und zu töten. Und aus dem Beispiel eines Mordanstifters wie des libyschen Revolutionsführers Gaddafi, dessen Blutspuren bis nach Berlin reichen, lernen die potentiellen Dunkelmänner des Terrors gegenwärtig, daß der Westen Terror durchaus vergibt.

Der namenlose marokkanische Attentäter von Amsterdam hat nun einen namhaften Künstler, dessen Urgroßonkel Vincent das ganze irdische Elend, aber auch das menschliche Paradies in unergründlicher Schönheit veranschaulichte, ausgelöscht. Das klingt wie eine genealogische Rache, genauso wie die Tat jener Muslime, die aufgrund machtpolitischer Interessen nicht davor zurückschreckten, die ganze Nachkommenschaft des Propheten Mohammed, des Islamstifters, im Jahr 680 in Kerbala zu massakrieren. Mit dem Amsterdamer Mord wollte der islamistische Fanatiker das Leben einer Million Muslime in den friedfertigen Niederlanden, die als Musterbeispiel für Integrationspolitik und kulturelle Vielfalt galten, vergiften. Was kümmert es ihn, der doch schnurstracks im Paradies landet, ob allen anderen die Hölle auf Erden beschieden sein wird?

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2004, Nr. 265 / Seite 40
Bildmaterial: AP

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