Von Joachim Müller-Jung
26. Mai 2004 Das Sacre Coeur vom Sturm zerstört. Einschlag von Fünf-Pfund-Hagelkörnern in Tokio. Nachmittagssiesta im Schneegestöber von Madrid. Tödliche Tornados in Illinois, Iowa, Kansas und Michigan. Abertausende Hitzeopfer in Europa. Zehntausende in Bangladesch von einer Riesenflut mitgerissen. Wirklichkeit oder Illusion? Wer wollte bei solchen Meldungen noch sicher unterscheiden, wo die Grenze von der traurigen Realität zur schlimmen Phantasie überschritten wird? Tatsächlich handelt es sich bei den ersten drei Meldungen um fiktive "globale Wetterwarnungen", die der deutsche Illusionsfabrikant und Hollywoodregisseur Roland Emmerich effektvoll über die Website seines neuen Streifens "The Day after Tomorrow" laufen läßt. Für Emmerich ist der Klimaschocker ein Menetekel, in seinem Kern eine politische Botschaft: Schützt endlich das Weltklima. Verpackt ist das filmische Manifest allerdings in ein wissenschaftliches Kostüm, das Millionen von Zuschauern vermutlich erschaudern lassen mag. Sieht so tatsächlich der lange angekündigte Klimakollaps aus?
Unbestreitbar trägt das Drehbuch die Handschrift der Wissenschaft. Wie sehr, das ist in den vergangenen Wochen deutlich geworden, nachdem die Werbemaschinerie des 125-Millionen-Dollar-Projektes angelaufen war. Die wissenschaftliche Zunft geriet in Aufruhr. Einer der ersten ernst zu nehmenden Kommentatoren und offenbar unfreiwilligen Co-Autoren Emmerichs, der öffentlich reagierte, war Wallace S. Broecker vom Lamont-Doherty Earth Observatory an der Columbia-Universität in Palisades. Er war es, der Mitte der neunziger Jahre das dem Film zugrunde liegende Szenario entwickelte. In einem Übersichtsartikel für die Zeitschrift "Science" (Bd. 278, S. 1582) erklärte er, wie es mit der zunehmenden, durch Treibhausgas-Emissionen forcierten Erwärmung der Erdatmosphäre zu einem abrupten Klimaumschwung speziell auf der Nordhalbkugel kommen könnte. Der Einbruch einer neuen Eiszeit schien plötzlich wieder möglich. Die Analyse paläoklimatologischer Daten hatte Broecker zu der Überzeugung gebracht, daß sich die sogenannte thermohaline Zirkulation in den Weltmeeren als "Achillesferse des Klimasystems" erweisen könnte.
Eiszeitszenario nur eine von mehreren Thesen
Die These des versiegenden warmen Golfstroms, die zu einer mehr oder weniger schnellen Abkühlung im Einflußbereich des Nordatlantiks führen könnte, hatte Broecker seinerzeit zu einem beinahe alarmistischen Tonfall veranlaßt. Heute warnt er vor Übertreibungen. "Überzogene Szenarien dienen nur der weiteren Polarisierung in der Klimadebatte", schrieb er vor kurzem in einem Leserbrief an die Zeitschrift "Science". Gerichtet war die Attacke an die beiden Autoren einer düsteren Klimastudie, Peter Schwartz und Doug Randall, die im Auftrag des Pentagons in Washington eine Studie über "Abrupte Klimaänderungen" ausarbeiteten. Die Studie liefert gewissermaßen die Blaupause für Emmerichs Katastrophenfilm.
Was der Hollywoodproduzent allerdings ebenso wie die beiden Autoren der Pentagon-Studie übersehen hat, bleibt auch von Broecker aus naheliegenden Gründen unerwähnt: Das neue Eiszeitszenario ist nur eine von mindestens zwei möglichen Thesen, die zudem noch immer nicht genügend untermauert sind. Wenn also Emmerich nun wie unlängst davon spricht, daß der Film "auf wissenschaftlichen Fakten", nämlich "auf einer ganzen Reihe von anerkannten Theorien", beruht, dann nutzt er das Privileg des Künstlers, Theorie und Faktum großzügig miteinander zu vermischen.
Schnelle Umschwung eher unwahrscheinlich
Seriöse Wissenschaft hingegen trennt beides und argumentiert vorsichtig. So vorsichtig etwa wie vor knapp zwei Jahren eine international zusammengesetzte Gruppe von Klimaforschern, die im Auftrag der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften einen umfangreichen Report schrieb, der frappierende Ähnlichkeiten mit dem sensationsheischenden Pentagon-Bericht trägt: "Abrupt Climate Changes: Inevitable Surprises". In diesem Dokument wird wie in dem knapp ein Jahr zuvor veröffentlichten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change - einer Art klimawissenschaftliches Schiedsgericht und politischer Ratgeber - der Kollaps des Golfstroms zwar für grundsätzlich denkbar gehalten. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, daß dies auch nur näherungsweise in den kommenden hundert Jahren geschieht, wird nach dem Stand der Dinge praktisch ausgeschlossen. Jedenfalls hat die andere Hypothese, daß die Meeresströme sich zwar möglicherweise leicht abschwächen, aber die weitere globale Erwärmung dennoch nicht unterbrechen, ein deutliches Übergewicht. Nicht einmal die in dieser Hinsicht sensibelsten Klimamodelle prophezeien einen schnellen Umschwung - geschweige denn einen so apokalyptischen Einbruch, wie ihn Emmerichs Film jetzt nahelegt.
Wie generell bei der langfristigen Klimavorhersage sind die Grenzen solcher Klimamodelle freilich schnell erreicht. Darauf haben im Hinblick auf den Emmerich-Film besonders eindringlich auch die beiden kanadischen Ozeanographen Andrew Weaver und Claude Hillaire-Marcel hingewiesen ("Science", Bd. 304, S. 400). Mindestens zwei neuere Modelle besagen sogar, daß die Stabilität der globalen Meeresströme in einem wärmeren Erdklima durch die dann veränderten Verhältnisse in den tropischen Meeren erhöht statt gemindert werden könnte.
Entscheidend: Süßwasser-Menge im Nordatlantik
Als entscheidendes Maß, und darauf berufen sich paradoxerweise die Protagonisten wie die Kritiker der Eiszeit-These, gilt der Eintrag an Süßwasser in den Nordatlantik. Während der großen Eiszeiten sollen schmelzende Eisbergmassen die Mengen an Süßwasser, die das sensible subpolare Atlantikgebiet speisen, mitunter drastisch erhöht und den Golfstrom offenbar teils massiv abgeschwächt haben. Zuletzt wollen amerikanische und kanadische Forscher Hinweise in der Irischen See gefunden haben ("Science", Bd. 304, S. 1141). Die Sedimentanalysen des Meeresbodens lassen ihrer Ansicht nach auf einen gewaltigen Schmelzwasserzufluß vor rund 19.000 Jahren schließen. Das Süßwasser habe den Meeresspiegel innerhalb von wenigen hundert Jahren um mindestens zehn Meter anwachsen lassen. Nicht viel weniger dramatisch werden die darauf folgenden Ereignisse von einer Gruppe amerikanischer Forscher in der Zeitschrift "Nature" (Bd. 428, S. 834) beschrieben. Sie haben die Zusammensetzung bestimmter Isotope im Meeressediment des Atlantiks analysiert und Hinweise auf einen massenhaften Zustrom von Eisbergen aus dem Polargebiet vor rund 17.500 Jahren gefunden - mit dem Ergebnis, daß die globale Meereszirkulation für mindestens zweitausend Jahre fast zum Erliegen kam.
Solche riesigen Eisschmelzen gehören zum Schlimmsten, was manche Klimaforscher fürchten. In der Zeitschrift "Nature" (Bd. 428, S. 616) warnten - auch das offenkundig ein willkommener Artikel zum bevorstehenden Filmevent - britische Forscher vor dem Abschmelzen des Grönlandeisschildes. Noch vor dem Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts, so sollen ihre Berechnungen ergeben haben, sei mit großer Wahrscheinlichkeit der Schwellenwert von drei Grad erreicht. Der dann entstehende Schmelzwasserzufluß könne den Meeresspiegel um sieben Meter anheben. Als drastisches Lehrbeispiel gilt ein vor rund 8200 Jahren abgelaufenes Ereignis auf dem nordamerikanischen Kontinent. Damals hatten sich riesige Mengen Schmelzwasser des Laurentidischen Eisschildes im sogenannten Ojibway-See aufgestaut. Innerhalb kürzester Zeit ergoß sich, als der Damm zur Hudson-Bay gebrochen war, mehr als hundertmal soviel Süßwasser in den Nordatlantik, wie derzeit sämtliche arktischen Flüsse in die Region einspeisen.
Veränderungen in Jahrhunderten, nicht in Wochen
Bis heute fehlen allerdings stichhaltige Beweise dafür, daß die Meereszirkulation damals nachhaltig gebremst wurde. Auch der gegenwärtige Anstieg des Meeresspiegels um ein bis zwei Millimeter pro Jahr und der absehbare Trend der Regen- und Flußwasserzuströme sind nach Ansicht Weavers weit davon entfernt, auf ein Versiegen des Golfstromes hinzudeuten. Der Gründer der jungen Eiszeit-Theorie, Broecker, ist vorsichtiger geworden: "Bisher hat kein einziges Klimamodell die immensen Veränderungen, die mit dem erhöhten Schmelzwassereintrag aus Flüssen und mit dem Regen verbunden sind, zuverlässig reproduziert." Und was die neuesten Katastrophenszenarien aus dem Pentagon und Hollywood angeht, mahnt er zur Entdramatisierung: "Die Zeit, die solche Ereignisse benötigen würden, dürfte sich über Jahrhunderte erstrecken" - und nicht über Jahrzehnte oder gar Wochen wie in Emmerichs spektakulärem cinematographischen Höllentrip ins ungewisse Dunkel einer Klimatheorie.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2004, Nr. 121 / Seite N1
Bildmaterial: Nasa