Jürgen Rüttgers

Überlegen?

Von Christian Geyer

Auf der Suche nach Wahrheit: Jürgen Rüttgers

Auf der Suche nach Wahrheit: Jürgen Rüttgers

25. April 2005 Man weiß eigentlich nicht, was dämlicher ist: nach der „Überlegenheit“ des christlichen Menschenbildes gegenüber anderen Menschenbildern zu fragen - oder auf diese Frage auch nur zu antworten. Der CDU-Politiker Rüttgers hatte, vielleicht um Kurzschließung seines Wahlkampfes mit dem Kraftwerk Vatikan bemüht, auf Nachfrage im Fernsehen über sein „christliches Menschenbild“ gesagt: „Ich glaube, daß es das Richtige ist, wenn Sie so wollen, auch überlegen.“

Er sei Katholik, stehe dazu, etwas für „wahr“ und „unwahr“ zu halten, und halte sein Menschenbild in diesem Sinne für „unvergleichbar“. Danach gab es viel Aufregung in anderen Parteien und in seiner eigenen.

Lanzen für das Relative brechen

Rüttgers schien gar nicht zu wissen, wie ihm geschah, wollte er doch nur das gerade munter sprudelnde päpstliche Wasser auf die Mühlen seines Parteiprogramms leiten, als sei der demokratische Prozeß ein Ausleseprozeß von „Menschenbildern“, ein Stimmenkampf zwischen „dem Richtigen“ und „dem Falschen“, mit der C-Partei als Auslege-Instanz der religiösen Wahrheit.

Daß die Wahrheitsfrage sich nicht im Börsen-Vokabular von erstwahr, zweitwahr, drittwahr traktieren läßt, ist freilich common sense bei Philosophen und Theologen - gegen jede Überlegenheitsrhetorik des parteipolitischen Marktes. Und in der Tat: bevor es im Windschatten der Papst-Konjunktur so weit kommt, daß Politiker ihre Wahlkämpfe als Mobilmachung gegen die „Diktatur des Relativismus“ führen, möchte man doch lieber ganz schnell wieder ein paar Lanzen für das Relative brechen.

Glaube ist unveräußerlich

Der Schriftsteller Alexander Kluge, befragt nach einer Gegenreformation in unserem Lande, antwortete, die gebe es doch nun schon seit vierhundert Jahren, und legte am Wochenende in der „Stuttgarter Zeitung“ dar, daß der katholische Wahrheitsbegriff gerade kein systemtheoretisch geschlossener sei, den man wie ein System gegen das andere ausspielen könne.

„Glaube bedeutet: es gibt etwas in mir, das unverkäuflich ist, das ich auf keinen Markt trage, worauf keine Börse reagiert. Glaube ist also etwas Unveräußerliches, was wiederum mit der Würde des Menschen zu tun hat. Das ist auch der Grund, warum Ratzinger mit Jürgen Habermas, der wie ich eben kein Katholik ist, sprechen konnte.“

Keine Überzeugungskraft mehr

Daß Ratzinger mit Rüttgers gesprochen hätte, ist jedenfalls nicht überliefert. Wohl aber hat Ratzinger einmal in dem Sinne Popper und Kelsen Recht gegeben, daß die Demokratie als alternativlose Notordnung gerade keine Methode der Wahrheitsfindung sei, sondern im Gegenteil Wahrheitsfragen als solche bewußt ausklammere. Wo die Politik sich ihre „Überlegenheit“ dadurch erkauft, daß sie mit der Wahrheitsfrage Politik macht, geht vielleicht ein theatralisches Kalkül auf, aber die Überzeugungskraft ist keine stabile.

Unter dieser Perspektive vergleicht Kluge die unterschiedliche theatralische Qualität von Weißem Haus und Petersplatz in diesen Tagen. „Wenn der Präsident mit einem Jagdflugzeug auf einem Flugzeugträger einschwebt, er also gleichsam als himmlischer Botschafter der Sicherheit auftritt, dann hat das eine theatralische Qualität, keine Frage. Es hat aber keine Überzeugungskraft mehr.

Hitliste der Menschenbilder

Dagegen der Vatikan: das Angebot, das eine fast zweitausend Jahre alte Institution macht, ist um ein Vielfaches überzeugender als die Hollywood-Kopie aus dem Weißen Haus, zumal das Angebot aus einem Theologen besteht, der die Schriften selbst kennt und sie auszulegen versteht. Das bringt einen Seriositätsgewinn.“ Von dieser Schriftauslegung machte der Papst gestern Gebrauch, als er bei seiner Amtseinführung auf dem Petersplatz Christus als Lebensform gegen eine Auffassung von Christentum setzte, die sich vorwiegend an ein spekulatives System klammere.

Gestern wurde nicht der Gott der Philosophen verkündet, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der nichts wegnimmt von dem, „was das Leben frei, schön und groß macht“, sondern im Gegenteil „überhaupt erst die großen Möglichkeiten des Menschseins“ aufgehen läßt. Hier kündigte sich natürlich eine Art „Überlegenheitsanspruch“ an, aber doch ein solcher, der seine Evidenz erst in der persönlichen Christuserfahrung geltend macht und nicht etwa mit einer Hitliste der Menschenbilder hantiert.

Ziemlich lächerliche Figur

In dieser Christuserfahrung, die Ratzinger schon vergangene Woche ins Zentrum seiner „Regierungserklärung“ gestellt hatte, wird der Wahrheitsanspruch des Christlichen freilich nicht ins Mystische zurückgenommen, sondern radikalisiert im Sinne Tertullians, der schrieb: Christus habe nicht gesagt: „Ich bin die Gewohnheit“, sondern „Ich bin die Wahrheit“. So gesehen, wären jene Deutungen der momentanen Hinwendung zum Kraftwerk Vatikan falsch, die darin nur eine „Renaissance der Tradition“, ja eine neuartige „Religion des Altertums“ erblicken.

Mögen sich religiöse Traditionen damit begründen, daß sie Tradition sind, das Christentum wollte immer mehr sein als durch Traditionen, Gewohnheiten, Kulturen gerechtfertigt. In Christus öffne sich seine Religion allen Kulturen und Menschenbildern, so die gestrige Botschaft des neuen Papstes. Damit ist ein Universalitätsanspruch formuliert, dessen Übertragung in die Kategorien von „überlegen“ oder „unterlegen“ eine ziemlich lächerliche Figur macht.

Text: F.A.Z., 25.04.2005, Nr. 95 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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