Architekturgeschichte

Synagogen aus Bits und Bytes

Von Georg Küffner

Die Synagoge in Hannover

Die Synagoge in Hannover

09. November 2005 Am Anfang war Martin Koob, Architekturprofessor an der Technischen Universität Darmstadt, recht skeptisch. 1994, wenige Wochen nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Lübeck, waren der technikbegeisterte Architekturstudent Marc Grellert und einige seiner Kommilitonen mit einer Idee auf ihn zugekommen: die durch die Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 unwiederbringlich zerstörten Synagogen mit Hilfe des Computers zu rekonstruieren. Ihr Ziel war es damals, die drei Frankfurter Synagogen mit Hilfe der unter dem Begriff CAD (Computer Aided Design) zusammengefaßten (rechnergestützten) Konstruktionstechniken wieder begehbar zu machen - wenn auch nur virtuell.

Koobs Bedenken schwanden schnell, als die Jüdische Gemeinde ihre Zustimmung signalisierte. Auch in Salomon Korn vom Zentralrat der Juden in Deutschland fand das Projekt einen Befürworter: „Die Studenten, die rekonstruieren, was ihre Väter zerstört haben, zeigen etwas von den besseren Möglichkeiten der deutschen Geschichte.“ Zurückblickend ist Koob froh, damals seine Zustimmung gegeben zu haben. Das Projekt habe sich als ein vorzüglicher Weg herausgestellt, Geschichte aufzuarbeiten. Zudem habe sich durch diese Arbeit die Ausbildung im computergestützten Architekturzeichnen grundlegend verändert. So wird heute in Darmstadt in einem Ausmaß über Disziplingrenzen hinaus zusammengearbeitet, das früher undenkbar war.

Mittlerweile sind 19 Synagogen im Rechner wiederauferstanden. Dabei war die Nachbildung der Sakralbauten insgesamt schwerer, als Grellert, der längst sein Studium beendet hat, anfangs vermutet hatte. Denn die Datenbasis war in den meisten Fällen recht mager. In Zusammenarbeit mit Stadtämtern und Jüdischen Gemeinden wurden alle verfügbaren Pläne, Bilder, Zeichnungen und Texte gesichtet und bewertet. Erst als das Material analysiert war, folgten die ersten Arbeiten am Rechner.

Schnurgerüste als Basis

Das Grundmuster ist dabei stets das gleiche: Im ersten Schritt werden horizontale und vertikale Schnurgerüste erzeugt, die die Struktur der Gebäude widerspiegeln. Dadurch entstehen maßstäbliche Gerüste, die als Orientierungshilfe für das spätere Plazieren der einzelnen Bauelemente dienen. Die Gerüste liefern eine Anlagestruktur für die Einzelteile der virtuellen Synagoge.

Die nächsten Schritte folgen streng dem Vorgehen konventioneller Bautechnik und -logik. Die Geometrie der Einzelteile wird definiert und danach zunächst zweidimensional entwickelt. Je weiter die Rekonstruktion fortschreitet, um so öfter kann auf diese Arbeit verzichtet werden, da man mit zunehmender Kenntnis vom Gebäude direkt dreidimensional arbeiten kann. Auf diese Weise entstehen dann Volumenmodelle der einzelnen Bauteile, die jederzeit identifiziert und lokalisiert werden können. Die virtuell erstellten Bauteile lassen sich zudem leicht duplizieren, um sie später an mehreren Stellen im Gebäude einzubauen.

Diesem Grundmuster folgend, werden aus den entwickelten Einzelelementen Baugruppen zusammengestellt. Betrachtet man etwa eine Säule, so besteht die aus den Teilen Basis, Schaft und Kapitell - und kann komplett als Säule im Rechner abgelegt werden. Das hat den Vorteil, daß beim Zusammenbau der Synagoge dieses Bauteil dann so oft kopiert werden kann, wie es benötigt wird. So verfährt man auch mit Fenstern, Mauern und Dachflächen und hat so bei der Endmontage am Bildschirm die Möglichkeit, sich aus dem Fundus der vorfabrizierten Baugruppen bedienen zu können. Nach dem Zusammenbau bietet die Technik schließlich die Möglichkeit, das fertige Bauwerk aus allen nur denkbaren Perspektiven von innen und außen zu betrachten. Durch die konsequente Bearbeitung jedes einzelnen Elements in der dritten Dimension ist die Gesamtstruktur des Bauwerks sichtbar.

Schlüssel zur Visualisierung: das Licht

Was allerdings in diesem Stadium auf dem Bildschirm erstrahlt, ist noch recht blaß und farblos. Erst wenn den einzelnen Körpern das entsprechende Material und damit ihre Oberflächenstruktur wie ihre ganz individuelle Farbgebung zugewiesen ist, kommt die einzigartige Atmosphäre der zerstörten Synagogen zum Ausdruck, wie sie erhaltene Fotos und Zeichnungen erahnen lassen. Dabei stehen den virtuellen Rekonstrukteuren zwei Methoden zur Verfügung: Beim sogenannten Texturieren werden anhand überlieferter Vorlagen - oder aus eingescannten und dann retuschierten Bildern - flächige Tapeten gewonnen, die den diversen Baukörpern übergezogen werden. Oder die Strukturen werden generiert, worunter man das einmalige farbliche Anlegen einer recht kleinen Fläche versteht, die dann durch Vervielfältigen den virtuellen Wänden und Dächern ihre Farbigkeit gibt. Speziell dem zweiten Verfahren ist zu verdanken, daß größere (Stein-)Flächen natürlich und nicht stereotyp wirken.

Doch den eigentlichen Schlüssel zur Visualisierung liefert das Licht. Da die technischen Parameter der Originalbeleuchtung wie auch der natürliche Lichteinfall in den meisten Fällen nicht genau überliefert sind und zudem die Wechselwirkungen von Licht und Material nur schwer im Rechner nachvollzogen werden können, ist dieser Part der computergestützten Rekonstruktion überaus sensibel. Doch mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl ist auch diese Aufgabe zu meistern, wie die Ergebnisse der Darmstädter Arbeiten zeigen. Durch das Positionieren von Lichtquellen im Raum lassen sich Stimmungen erzielen, die die gebotene Ehrfurcht und den angemessenen Respekt aufkommen lassen.

Virtuelle Kamerafahrten

Mit dem Licht ist bereits ein wichtiger Akzent gesetzt. Doch die Faszination, die von den im Rechner aufgebauten Synagogen ausgeht, ist dann am größten, wenn man auf einer virtuellen Kamerafahrt durch die virtuellen Sakralbauten fährt. Daß dabei derart spektakuläre Perspektiven möglich sind, ist der Tatsache zu verdanken, daß, anders als beim herkömmlichen Film, die virtuelle Kamera über alle Freiheitsgrade verfügt und sich problemlos an alle Stellen innen wie außen bewegen und die Bauten aus jedem nur denkbaren Blickwinkel aufnehmen kann.

Jede Fotografie entspricht dabei einem vom Computer errechneten zweidimensionalen Bild. Schaltet man diese Aufnahmen schnell hintereinander, entsteht ein Film. Für eine Sekunde Spielzeit wird eine Abfolge von 25 Standbildern benötigt, für einen Film von einer Minute bedeutet das 1500 Perspektiven. So mußten für die von den Darmstädter Rekonstrukteuren zusammengestellte 22 Minuten lange virtuelle Kamerafahrt durch die Synagogen von Hannover, Köln, Plauen, München und Berlin 33.000 Einzelbilder gerechnet werden.

Diesen Film kann betrachten, wer das im Birkhäuser Verlag erschienene Buch „Synagogen in Deutschland - eine virtuelle Rekonstruktion“ erwirbt. Er ist als DVD dem Band beigefügt. Außer den im Film gezeigten Rekonstruktionen werden in diesem Buch auch die im Computer neu aufgebauten Synagogen von Nürnberg, Dortmund, Dresden, Frankfurt, Hannover, Kaiserslautern, Leipzig und Mannheim gezeigt. Mit dieser Veröffentlichung ist ein Zugang zu der von den Darmstädter Studenten geleisteten Erinnerungsarbeit gegeben. Auch im Internet: Unter www.cad.architektur.tu-darmstadt.de kann man sich durch die rekonstruierten Synagogen klicken.

Israelis überrascht über Pracht deutscher Synagogen

Daß diese Arbeit mehr Öffentlichkeit verlangt, war schon klar, als die ersten Bilder der Synagogen auf den Monitoren auftauchten. Im Jahr 2000 konnte, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn organisiert werden. Obwohl diese Präsentation ursprünglich eher klein geplant war, wie sich Koob erinnert, stieß sie auf großes Interesse. Mehr als 60.000 Besucher kamen. Auch der amerikanische Nachrichtenkanal CNN berichtete, und das Projekt wurde auf einmal weltweit wahrgenommen. Ein „Glückstreffer“ sei es dann gewesen, daß es sich die Kulturstiftung der Deutschen Bank und die Deutsche Bank Americas Foundation zur Aufgabe gemacht haben, die Ausstellung ins Ausland zu bringen. Sie gaben das Geld, um den nicht gerade leicht zu vermittelnden Inhalten eine Form zu geben, die den internationalen Standards der Ausstellungspräsentation genügt.

Unter der Ägide des Instituts für Auslandsbeziehungen in Stuttgart wurde die Wanderausstellung nun im vergangenen Jahr im Diaspora-Museum in Tel Aviv gezeigt. Auch in Israel seien die Besucher über die einst in Deutschland existierende Pracht der Synagogen überrascht gewesen, sagt Grellert. Das Ziel der Ausstellung, auf dem Umweg über virtuelle Rekonstruktionen den kulturellen Verlust zu verdeutlichen, ist aus seiner Sicht gelungen. Und welche neuen Formen des kulturellen Gedächtnisses mit Hilfe der modernen Informations- und Kommunikationstechnik inzwischen möglich sind, zeigt sie auch.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6.11.2005
Bildmaterial: TU Darmstadt, TU Darmstadt

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