Sarkozys Schulpolitik

Geschichtsunterricht zum Besten der Republik

Von Elise Cannuel

Der Oberlehrer seines Landes

Der Oberlehrer seines Landes

20. Juni 2008 Die Beschäftigung mit der Geschichte scheint in Frankreich aktueller denn je zu sein. Ob Erster oder Zweiter Weltkrieg, frühere Helden oder jene, die aus den nationalen Gedanken verbannt wurden: alle sollen jetzt in die Geschichtsbücher für die Schulen eingehen. Seit Präsident Nicolas Sarkozy im Amt ist, ließen sich mehrere Versuche beobachten, den Inhalt der Schulbücher zu beeinflussen.

Schon am 16. Mai 2007, dem Tag seines Amtsantritts, griff Sarkozy zum ersten Mal in den Unterricht ein. In einer programmatischen Rede bat er Bildungsminister Darcos darum, den Brief von Guy Môquet am Gedenktag für dessen Tod in allen Schulen vorlesen zu lassen (siehe: Frankreich: Geschichtsstunde für Sarkozy). Der Widerstandskämpfer und Kommunist Môquet, der 1941 im Alter von siebzehn Jahren von deutschen Soldaten erschossen wurde, schrieb kurz vor seiner Hinrichtung einen rührenden Abschiedsbrief an seine Eltern. Das kurze Leben von Guy Môquet sollte als Beispiel von Mut und Opferbereitschaft fungieren.

Ein verstorbenes Kind pro Schüler

In diesem unerwarteten Einfall des neuen Präsidenten sah die linke Opposition den Versuch, sich einer ihrer emblematischen Figuren zu bemächtigen. Von der Lehrergewerkschaft als „pathetische Inszenierung“ verspottet, scheiterte der Plan, die Herzen der jungen Franzosen mit Môquet zu rühren. Einige Monate später fiel Sarkozy aber etwas noch Überwältigenderes ein: Nicht mehr nur eines Einzelnen, sondern aller elftausend jüdischen Kinder, die von Frankreich aus deportiert und getötet wurden, sollten die zehnjährigen Schüler gedenken - ein verstorbenes Kind pro Schüler, so lautete die Idee. Nachdem sich viele Stimmen dagegen erhoben hatten und nach einigen unüberzeugten Versuchen des Bildungsministeriums, die Idee umzusetzen, wurde vorgestern endlich verkündet, dass der Plan nicht weiterverfolgt werde.

Nicolas Sarkozy besteht darauf, mit Werten und Tiefsinn zu regieren, denn er will „Zivilisationspolitik“ betreiben. Am 10. Mai wird in Frankreich der Abschaffung des Sklavenhandels gedacht. Sarkozy schlug in einer Rede vor, dass auch die Schüler sich mit dem Thema auseinandersetzen sollten - was seit 2001 schon der Fall ist. Ihm aber, so Sarkozy, gehe es darum, diesen Abschnitt der Geschichte ausführlicher und „bewusster“ zu behandeln. Immerhin überließ er diesmal den Pädagogen die Umsetzung seiner Anregung.

Affektbetone Personalisierung

Vor einigen Tagen kam schließlich vom Verteidigungs- und dem Bildungsminister ein letzter Vorschlag: Die Schulklassen sollen sich mit dem Schicksal eines verstorbenen Soldaten des Ersten Weltkriegs, der in ihren jeweiligen Dörfern und Städten gelebt hat, vertraut machen. Ein Besuch des örtlichen Kriegerdenkmals und die „aktive Teilnahme“ an der Gedenkfeier für den Waffenstillstand vom 11. November 1918 werden in der Bekanntmachung auch empfohlen.

Präsident Sarkozy und sein Bildungsministerium tendieren eindeutig zu einer affektbetonten Personalisierung der Geschichte. Nicht Fakten sollen im Vordergrund stehen, sondern Lebens- und Leidenswege. Der Geschichte als wissenschaftlichem Fach wird im besten Fall die Erinnerung, im schlechtesten die Mythologisierung vorgezogen. Die Erinnerungskultur soll zur Nationenbildung dienen. Es geht dabei nicht darum, Geschichte aufzuarbeiten und vergangene Fehler zu erkennen, denn Nicolas Sarkozy hasst ja „jene Reue, die verbietet, auf Frankreich stolz zu sein“, wie er in einer Rede hervorgehoben hat. Hunderte Soldaten des Ersten Weltkriegs, die gemeutert hatten und dafür hingerichtet wurden, werden also doch nicht rehabilitiert, wie es Bürgervereine seit Jahren forderten. Fall für Fall sollen die entsprechenden Gerichtsurteile nun geprüft werden. Außerdem bleibt Sarkozy beim Thema Algerien-Krieg zurückhaltend, während allgemein ein deutliches Zeichen des Bedauerns erwartet wird.

Die Geschichte gehört dem Staat

Es geht Sarkozy darum, eine offizielle Version der Geschichte durchzusetzen. Er beteuert, dass alle Franzosen dieselbe Geschichte geerbt haben, auf die sie stolz sein sollen. Den Franzosen mit afrikanischer Herkunft werden beispielsweise ein Gedenktag und die Aussicht auf ein nationales Denkmal angeboten. Kritik der Betroffenen am dafür ausersehenen Datum wird allerdings ignoriert.

Als 2005 das Gesetz über die positiven Seiten des Kolonialismus diskutiert wurde, das auch einen entsprechenden Geschichtsunterricht vorsah, hatte sich der „Comité de vigilance face aux usages publics de l'histoire“ gegründet - eine Historikervereinigung, die den staatlichen Einfluss auf die Geschichte beobachtet. Jetzt hat sie festgestellt, dass Geschichte in Frankreich immer mehr politisch instrumentalisiert wird. Nicolas Sarkozy sagte zwar in einer seiner Reden, Frankreichs Geschichte gehöre niemandem. Offenbar meinte er damit aber nur, dass sie dem Staat gehört.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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