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Zehn Klassiker von Youtube

Von Andreas Rosenfelder

12. Oktober 2006 „Nur ein Idiot würde Youtube kaufen!“ Nun steht der Internetpionier Marc Cuban als schlechter Prophet da. Er hatte den juristischen Ärger im Sinn, der auf den Käufer der wilden Internet-Videothek wartet. Google hat solche Warnungen in den Wind geschlagen und die Plattform für 1,65 Milliarden Dollar übernommen. Vor Rechtsstreitigkeiten hat der Großkonzern keine Angst. Aber was sind es für Filme, die die Suchmaschine mit der blütenweißen Startseite schluckt?

Während Google die Aura eines sauber und diskret arbeitenden Geheimdienstes verbreitet, besaß Youtube, gegründet im Februar 2005, den Charme einer Tauschbörse - mit allen Grauzonen ästhetischer, inhaltlicher und urheberrechtlicher Natur. Kostenfreiheit und kurze Ladezeiten machten die Plattform attraktiv. Längst werden täglich Millionen von Videos angeschaut und Zigtausende hochgeladen - mit der Webcam gefilmte Privatblogs, mitgeschnittene Nachrichtensendungen, witzige Filmchen aus dem Archiv und aufwendige Animationen.Wer einen Film hochlädt und unter seinem Benutzerpseudonym anbietet, muß also kein digitaler Autorenfilmer sein. Es handelt sich oft um fremdes, bearbeitetes oder nachgestelltes Material. Wir haben uns in den Rankings der Seite umgeschaut, wo die meistgeschauten, am höchsten bewerteten, am meisten diskutierten und am häufigsten als Favoriten ausgewählten Youtube-Filmchen aller Zeiten abzurufen sind: eine Auslese der originellsten Videos.

TexMachina: Real Life Simpsons Intro

Stammt wohl aus der britischen Fernsehwerbung für die zwanzigste Staffel, trotzdem eine geniale Idee: der Vorspann der „Simpsons“, komplett im echten Leben nachgestellt. Luftaufnahme eines Atomkraftwerks, Backsteinschule, Junge an vollgeschriebener Tafel, Nukleararbeiter mit glühendem Material, Baby mit Schnuller auf Supermarktband, Schulbigband mit echten Kindern, skatender Junge auf Bürgersteig, Auto fährt in Garage, Fernsehfamilie auf Sofa - alles wie im Cartoon, nur eben echt und mit viel mehr Aufwand. Wir warten auf den findigen Youtuber, der „Tom und Jerry“ mit seinen Haustieren nachstellt. Ein Spitzenplatz in den Rankings der Plattform dürfte garantiert sein.

NK500: Noah takes a photo of himself everyday for 6 years.

Das Dorian-Gray-Video des Internetzeitalters. Noah Kalina, ein New Yorker Fotograf, hat sich sechs Jahre lang jeden Tag selbst abgelichtet und die Standbilder wie in einem Daumenkino hintereinandergeschnitten. Schwermütiges Klaviergeklimper, im Hintergrund fliegen Pop-Art-Poster und offene Kleiderschränke vorbei, Schatten jagen über das Gesicht hinweg wie über eine Landschaft im Zeitraffer.

Die Youtuber diskutieren Kalinas stechenden Blick, vergleichen ihn mit „Edward mit den Scherenhänden“ oder basteln lustige Videoantworten wie „Phil takes a photo of himself everyday for 2 days“, das aus genau zwei Bildern besteht.

guitar90: guitar

Das „Canon“ im handgebastelten Vorspann erinnert verdächtig an das Logo des Kamera- herstellers, aber hier geht es um einen Klassiker der halbernsten Musik: Pachelbel, Kanon in D. Ein Junge sitzt mit türkisem T-Shirt und Baseballkappe an seinem Schreibtisch und spielt Stromgitarre.

Nur die Webcam, die Maus und die Tastatur sind Zeuge. Während der gesamten 5:20 Minuten zeigt er sein Gesicht kaum, dafür aber spielt er auf der E-Gitarre mit heiligem Ernst eine unbeschreibliche Improvisation über das kitschige Barockstück - Musikschule trifft Iron Maiden. Die virtuoseste Konzeptkunst entsteht immer noch im Jugendzimmer.

Top rated Videos, Platz 3

MadChonzer: bob ross waterfall (part1)

Dieses Filmchen sieht nur so aus wie ein simpler Fernsehmitschnitt, der noch das Logo des Bildungssenders BR-Alpha in der Ecke trägt. In Wahrheit ist es eine Art ästhetisches Al-Qaida-Video, ein unterschwelliger Terroraufruf an die schlafenden Hobbymaler im Lande.

Wer Bob Ross, den Fernsehmaler mit dem Hippie-Afro, noch nie gesehen hat, wird seiner tiefenhypnotischen Schlafzimmerstimme sofort erliegen. Auf Bobs Leinwand entsteht in Echtzeit ein Fantasy-Wasserfall. Spätestens wenn Google auch das MoMA kauft, bekommt Bob Ross seine Retrospektive.

Most discussed Videos, Platz 12

skyracer90: 9/11

Das Budget für diesen Kurzfilm zum elften September war sicher ein wenig kleiner als das von Oliver Stone, aber trotzdem wirkt auch die naive Amateurarbeit auf ihre Weise. Der achtzehnjährige Brian Bezalel aus Oceanside, New York, hat - um Copyright unbekümmert - einfach Fernsehmaterial zusammengeschnitten und mit der Kitschhymne „Hands“ der Sängerin Jewel unterlegt.

So wird das Unbegreifliche in der völlig unpassenden Form eines Drei-Minuten-Videoclips aufgefangen. Die zugehörigen Debatten der Youtube-Autorenfilmer kreisen um Bush, den Irak, die Sowjetunion und sogar Kambodscha: Bei solchen Hardcore-Themen stößt die Aufforderung des Autors, aus Respekt vor den Opfern nichts Gemeines zu schreiben, naturgemäß auf taube Ohren.

Top Favorites, Platz 13

mattharding2718: Where the Hell is Matt?

Wer zum Teufel ist dieser Matt, daß der soviel herumkommt? Und was ist das für komische Weltmusik da im Soundtrack? Ein Dreißigjähriger aus Seattle führt an verschiedenen Orten der Erde - laut Einblendungen Jordanien, Peru, Venedig, Tokio, Galapagos-Inseln, Brisbane, Laos, Brunei, Namibia, Neuseeland, Mikronesien, Ägypten, Chile, China, Botswana, Ruanda und die Antarktis - für jeweils wenige Sekunden einen exzentrischen Zappeltanz auf.

Dabei grinst er so breit, daß man sofort wieder an die horizonterweiternde Kraft des Reisens glaubt. Das Ding sieht nicht aus wie eine Fotomontage. Aber als Beweismittel würde man am Ende dann doch gerne den abgefilmten Reisepaß sehen.

geriatric1927: first try

Schon die Blueseinspielungen zu Anfang und Ende sowie die Muster der Tapete im Hintergrund lohnen die Betrachtung dieses äußerst kurzen Debütfilms. Er machte den Protagonisten, einen britischen Rentner, über Nacht zum Star der Internetgeneration 2.0.

Mit dem verrauschten Video probierte der fast Achtzigjährige, der sich als Youtube-Abhängiger einführt, das unvertraute Medium zum ersten Mal aus. In seinen späteren Filmen plauderte er dann über seine Zeit als Radartechniker im Zweiten Weltkrieg und seine Leidenschaft für Motorräder. Klingt alles wie ausgedacht - aber erfreulicherweise hat die Netzgemeinschaft noch keine Marketingagentur hinter dem geriatrischen Videoblogger enttarnen können.

ntropie: next big thing, really

Längst nicht mehr das nächste große Ding, wirklich nicht. Dafür längst ein Klassiker: Ein hipper Blogger lädt im März eine selbstproduzierte Liebesballade der deutschtürkischen Band „Tekkan“ aus dem pfälzischen Germersheim bei Youtube hoch und setzt einen Hype in Gang. So bilden digitale Avantgarde und Unterschichtenkultur reinsten Wassers eine fruchtbare Symbiose.

Aber nicht nur deshalb sollte man sich das am Rheinufer gedrehte Video („Wir liefen Hand in Hahahand / Am großen Meeresstrahahand“) unbedingt ansehen. „Wo bist Du mein Sonnenlischt“, singt es in pfälzischem Orientalisch, „Isch suche Disch und vermisse Disch!“ Es gab seit Edgar Reitz wohl kaum ein schöneres Manifest für die Poesie der Provinz.

Top Favorites, Platz 17

zsOverman: Male Restroom Etiquette

Ein deutscher Werbeboss hat Blogs einmal mit einer unflätigen Bemerkung als „Klowände des Internets“ betitelt. Er sollte sich diesen hochintelligenten Lehrfilm über die Benutzung öffentlicher Toiletten anschauen, um sein Urteil zu revidieren. Die in zahlreichen Blogs verlinkte Parodie wurde mit der Software der harmlosen Alltags-Simulation „Die Sims“ erstellt und ist im Stil einer hochwissenschaftlichen Instruktion gehalten, die den „unausgesprochenen Sozialvertrag“ der Herrentoiletten untersucht.

So sieht man in der anschaulichen Simulation, daß immer ein Urinal als Abstandhalter frei bleiben muß und daß auf dem WC unter keinen Umständen auch nur ein einziges Wort zu sprechen ist. Selbst in Gegenwart von Jesus nicht, der prompt auftritt. Mohammed taucht übrigens nicht auf - zum Glück für Google.

RBMiami: Bolivia Bug

Das hier ist pures Sehen. Buñuel und so. Ein unglaubliches, pelziges Etwas von einer Mischung aus Raupe und Käfer kriecht über den Steinboden eines Innenhofs in Bolivien. Nur ein wenig Straßenlärm im Hintergrund ertönt während der zweiunddreißig Sekunden. Hupen, Rauschen. Dann taucht als einziges Action-Element ein schwarzes Tischbein am Bildrand auf. Zuletzt eine weibliche Stimme: „Don't touch it!“ Schnitt.

Das ist die Begegnung mit dem Unbenennbaren, reines Grauen, reine Faszination. Die Fans vergleichen die komische Pelzraupe mit Paris Hilton oder halten sie für einen Roboter: „Man bemerkt sogar das Getriebe, wenn man genau hinhört!“



Text: F.A.Z., 12.10.2006, Nr. 237 / Seite 39

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Web 2.0

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Kommentar

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