Die neue Freiheit der Schwulen

Anderssein lohnt sich

Von Dieter Bartetzko

26. März 2007 „Dann haben wir festgestellt, dass wir mehr sind als nur gute Freunde.“ Was meinte Matt, das einzige ausgesprochen männlich wirkende Mitglied der Boygroup „Part Six“, als er so die Frage nach seinem Verhältnis zu Tim, einem der übrigen singenden Jungs, beantwortete? Gewöhnlich wird damit klargestellt, dass zwei sich lieben. War das also das Bekenntnis einer schwulen Beziehung? Das Publikum des „Tigerentenklubs“ jedenfalls, Kinder zwischen neun und zwölf, wirkte keineswegs verwundert, sondern bejubelte den Auftritt so wie alle Teenies, die seit Monaten „Part Six“ feiern. Von Anrufen alarmierter Eltern oder enttäuschter Fans bei der ARD, die den betreffenden Club mehrmals ausstrahlte, war auch nichts zu hören.

Ähnliches gilt für den Fernsehfilm „Einfache Leute“, der kurz zuvor den populären Tatortkommissar Max Ballauf alias Klaus J. Behrendt in der Rolle eines Familienvaters und Schwimmsportlers zeigte, der nach jahrzehntelangem Versteckspiel als Schwuler geoutet wird. Von Behrendts intensiver Darstellung war die Rede, vom grotesken Tatbestand, dass in der Sportwelt Homosexualität offiziell inexistent und hinter den Kulissen ein absoluter Makel ist, nicht aber davon, dass zur besten Sendezeit der Mehrheit ein sogenanntes Minderheitenproblem vorgesetzt wurde.

Und das ist gut so

Ein Schauspieler mit Macho-Image spielt bravourös einen Schwulen, in beliebten Krimiserien ist mindestens ein schwuler Kommissar fester Bestandteil - was vor zehn Jahren noch eine lang und breit besprochene Sensation gewesen wäre, gehört heute zum Fernsehalltag. Genauso wie das gerührte „Ich danke meinem Mann“, das Peter Plate, schwules Mitglied des Pop-Duos „Rosenstolz“, bei der Liveübertragung der Verleihung der „Goldenen Kamera“ aller Welt verkündete. Dem widerspricht nicht, dass Klaus J. Behrendt nach seinem Film in einem Interview beteuerte: „Ich liebe nun mal die Frauen - und das ist gut so.“ Denn mit dem Zitat der bundesweit zum geflügelten Wort gewordenen Formel, die vor sechs Jahren Klaus Wowereits Bekenntnis zu seiner Homosexualität bekräftigte, fügte der Schauspieler dem Beteuern seiner Heterosexualität quasi ein Augenzwinkern hinzu.

Das gehört heute zum guten Ton: Robbie Williams, noch immer Europas Popgott und nach eigenem Bekenntnis homosexuellen Erfahrungen nicht abgeneigt, hat in „Supreme“, einem seiner größten Hits, die entspannte Haltung unserer Gesellschaft zur Homosexualität zusammengefasst: „All the best women are married, and all the handsome men are gay.“ „You feel deprived“, schlussfolgert der Sänger im Namen der Heterosexuellen. Außen vor? Was früher für Schwule galt, soll heute für Nichtschwule gelten? Wer nicht wenigstens schwule Erfahrung hat oder deren möglichen Reiz nachempfinden kann, hätte den Zug der Zeit verpasst?

Wird Bond schwul?

Das scheint zuzutreffen, wenn man beispielsweise hört, dass selbst James Bond, das gestaltgewordene Testosteronsubstrat weltweiter männlicher Selbsteinschätzung, bald mit dem eigenen Geschlecht in Berührung treten wird. Im nächsten Film, so heißt es, soll Daniel Craig, der als zeitgemäß superviril gelobte neue Bond-Darsteller, eine homosexuelle Affäre haben. Und wenn in Nachbetrachtungen zu Breloers Meisterwerk „Die Manns“ außer Armin Müller-Stahl in der Rolle des Schriftstellers und Monica Bleibtreu in der seiner Frau Katja ein Darsteller hervorgehoben wird, dann ist es Sebastian Koch, der mit ergreifender Intensität die Höhen und Tiefen im schwulen Leben des Klaus Mann darstellte.

Klaus Mann trieben Depressionen in den Selbstmord. Seine Homosexualität trug zu ihnen bei, aber sie war nicht ausschlaggebend. Denn die Zeiten der Weimarer Republik, zumindest die den Dichtersohn prägenden Jahre, waren in den Großstädten von Liberalität gekennzeichnet. Homosexuelle Anklänge waren Mode. So kokettierte beispielsweise Hans Albers vor seiner Karriere als blonder Matrosenhüne erfolgreich auf Berlins Bühnen mit dem Habitus eines beiden Geschlechtern zugeneigten Gigolos. So führten Gerüchte, der Operetten- und Revuestar Max Hansen sei nicht ausschließlich am weiblichen Geschlecht interessiert, nicht zu einem Karriereknick, sondern zu weiteren Erfolgen. Und so schaffte Curt Bois, nachdem er als Lieblingsknirps der Operette hatte abdanken müssen, als junger Mann seinen Wiederaufstieg in einer Neuinszenierung von „Charleys Tante“, für deren Titelrolle ihm die angesehensten Berliner Modeschöpfer ihre besten Kreationen auf den mageren Leib schneiderten.

In einer Scheinwelt

Damit aber war der geniale Schauspieler nicht etwa zum Vorzeigetransvestiten der Metropole verdammt, sondern triumphierte kurz darauf in der Rolle des schüchternen Liebhabers verführerischer Diven. Heute im Fummel, morgen im Frack und übermorgen im Blaumann, mal homo- und mal heterosexuell - in den Künstler- und Intellektuellenkreisen der zwanziger Jahre schien das für niemanden ein Problem zu sein. Dass man in einer Scheinwelt lebte, zeigte sich, als mit dem „Dritten Reich“ die staatliche Verfolgung der Schwulen einsetzte. Doch die Betroffenen hätten zuvor erkennen können, was sie erwartete: an der Verbissenheit beispielsweise, mit der ein Walther Rathenau oder ein Harry Graf Kessler ihre - dennoch allgemein bekannte - Homosexualität verbargen, weil sie fürchteten, bei Bekanntwerden ihrer Neigung für immer als Politiker und Kulturführer diskreditiert zu sein.

Heute muss kein Politiker bei uns sich mehr vor dem Outing als Schwuler fürchten. Es sei denn, er bewegte sich einmal außerhalb seiner gewohnten Kreise. Zum Beispiel unter Anhängern des weltweit populären jamaikanischen Raps. Dessen größter Star, Buju Banton, der mehr CDs verkauft hat als Bob Marley, phantasiert in seinen Songs regelmäßig davon, Schwule per Kopfschuss zu töten, mit Säure zu begießen oder zu verbrennen.

Primitive Homophobie

Die primitive Homophobie der Rapper auf Jamaika ist nicht als Kreuzzug durchgedrehter Insulaner abzutun. Auch in den Vereinigten Staaten und England gehören homophobe Attitüden zum Ehrenkodex der dortigen Rapper und Hiphopper: Jeder „Chi Chi man has to go flat“, blafft Bobby Hollygood, international gefragt, in seinem Song „Diamonds in the Ruff“, und prophezeit Schwulen, sie in ihren Autos zu rösten. Dagegen nehmen sich die Hasstiraden des Rap-Superstars Eminem fast harmlos aus, der in „Marshall Mothers“ erklärt, Boygroups wie „New Kids on the Block sucked a lot of dick. Boy/girl groups make me sick. And I can't wait 'til I catch all you faggots in public.“

In Deutschland hat sich noch kein Rapper gefunden, der den Jungen von „Part Six“ Schläge oder Schlimmeres androht. Doch zwei Schritte vom liberalen künstlerischen und politischen Parkett, in unseren Sportvereinen beispielsweise, herrschen diesbezüglich nicht gerade Flötentöne. Dort ist die heterosexuelle Welt noch intakt, respektive wird auf Biegen und Brechen so getan, als sei sie es. In den deutschen Profifußballligen, so vor einigen Monaten die „taz“, müsse es nach allen Regeln der Statistik etwa hundert Schwule geben. Bekannt davon ist keiner. Vermutlich sind ihnen außer den mehr oder weniger versteckten Drohungen ihrer Trainer und den homophoben Zoten ihrer Sportskameraden auch Parolen wie die eines Lothar Matthäus im Gedächtnis, der gern betonte, ein Schwuler könne nicht Fußball spielen.

Amerika ist schockiert

Bei uns hält die Mauer des Schweigens noch dicht. Nicht so in den Vereinigten Staaten, wo der Basketballer John Amaechi nach fünf Jahren Karriere in der National Basketball Association und vier Jahre nach deren Ende öffentlich seine Homosexualität erklärte. Das Land, das dem metrosexuellen Fußballprofi David Beckham entgegenfiebert und „Brokeback Mountain“, dem ersten schwulen Western, den Oscar verlieh, ist schockiert. Noch mehr sind es die Trainer und Funktionäre - und die einstigen Mitspieler John Amaechis, die gern ihre Fußnägel zu Weihnachten grün und am Valentinstag rot lackierten, in der Dicke ihrer Diamantringe und Goldketten wetteiferten und sich nach Turnieren mit Eau de toilette einnebelten. Fassungslos fragen sie sich, wie ein Schwuler derart lange in ihren durch und durch männlichen Kreisen unerkannt bleiben konnte.

Diese Haltung fasst ihr Ex-Kollege Tim Hardaway zusammen: „Homosexualität hat in dieser Welt nichts verloren.“ Wer kann garantieren, dass bei uns nicht ähnlich reagiert und beim Outing eines Spielers der Fußballnationalelf für den Betroffenen das Sommermärchen nicht zum Albtraum würde? Wie steht es um die echte, nicht um die Fernsehpolizei? Die Bundeswehr? Ist der Skandal um General Günter Kießling, der wegen vermuteter Homosexualität als amtsunwürdig galt, Schnee von gestern? Gibt es schwule Bundesrichter? Schwule Priester? Schwule Lehrer? Schon der reflexartige diesbezügliche Zweifel bezeugt die anomale Lage.

Dann geht die Musik aus

Der Mörtel aller institutionellen Eckpfeiler unserer Gesellschaft ist die Heterosexualität - und die derzeitige große Freiheit für Schwule ist wie gewohnt überwiegend auf die Bereiche der Kunst und der Intellektualität beschränkt; ein perfekt getarntes Freigehege. Wenn Familie und Freunde oder gar die Öffentlichkeit, so John Amaechi, erfahren, „dass ein Mensch, den man liebt, schwul ist, geht plötzlich die Musik aus“.

Geld, viel Geld, macht ihm die Stille erträglich: Dem ehemaligen Basketballer hilft, wie zuvor drei anderen amerikanischen Sportstars, die sich geoutet haben, der Marketing-Stratege Howard Bragman. Dank ihm kann Amaechi zehntausend Dollar pro Auftritt verlangen, hat Angebote von Sponsoren, und seine Autobiographie steht ganz oben in den Verkaufslisten. „Es ist eine kluge Geschäftsidee, sich zu outen“, zitierte kürzlich der „Spiegel“ einen zynisch pragmatischen Sportsponsor aus Amerika. Bisher aber hat sich diese kluge Idee offenkundig selbst im Lieblingsland der Entschädigungsprozesse und des allmächtigen Profitstrebens nicht durchgesetzt. So gilt also auch für die neuen Schwulen hier wie dort noch das Wettrennen zwischen Libertinage und Diskriminierung. Übrigens: Ob Matt und Tim von „Part Six“ schwul sind oder ihre Antwort nur das gemeinsame musikalische Können meinte, ist unerfindlich. Eigentlich ist es ja auch egal. Eigentlich.



Text: F.A.Z., 27.03.2007, Nr. 73 / Seite 37
Bildmaterial: AP, NDR/Christine Schroeder, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Sebastian Schmidt / Upfront, Sony Pictures/Cinetext

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