Von Hans-Christoph Noack
09. Januar 2007 Billig-Fluggesellschaften gibt es zuhauf. Vor allem in Amerika, Europa oder in Asien lehren sie die etablierten Linien seit Jahren das Fürchten und erobern Marktanteile von bis zu einem Viertel des Marktes. Doch seit der Ankündigung von Air Asia, einen regelmäßigen Dienst zwischen Asien und Großbritannien von Juli an zu starten, kommt jetzt die erste Billig-Fluggesellschaft auf der Langstrecke.
Es ist bezeichnend, dass der erste Vorstoß von einer asiatischen Gesellschaft kommt. Schließlich gilt das Unterfangen als hoch riskant. Dass er von der Air Asia, dem asiatischen Marktführer, kommt, überrascht nicht, schließlich handelt es sich bei ihr um eine hochprofitable Gesellschaft, die eine Netto-Umsatzrendite von nahezu 15 Prozent erwirtschaftet hat. Zudem ist der Vorstandsvorsitzende der Air Asia, Tony Fernandes, einer der Pioniere der Billig-Fluggesellschaften in Asien und gilt als Visionär.
Von Malaysia nach Europa, China und Indien
Am Freitag kündigte Fernandes an, die neue Gesellschaft namens Air Asia X solle von Malaysia nach Europa, China und Indien fliegen. Als erste Adresse unter den europäischen Flughäfen gilt London. Das Ziel soll im Ein-Klassen-System für 80 bis 450 Dollar hin und zurück angeflogen werden. Das sind Preise, die am oberen Preisband bisher nur als Sonderangebote für Restplätze auf dem Markt waren.
Dennoch bedeutet das Vorhaben auf den Strecken aus Asien nach Europa ein gewisses Risiko für die vor fünf Jahren gegründete Gesellschaft, an der Fernandes die Hälfte des Grundkapitals der Muttergesellschaft Fly Asia Xpress (Fax) hält. Deshalb machten auch Spekulationen die Runde, Fernandes wolle mit europäischen Billig-Fluggesellschaften kooperieren. Doch die britischen Billigflieger Easyjet und Virgin Atlantic haben Berichte über eine weltweite Allianz mit der malaysischen Fluggesellschaft Air Asia zurückgewiesen. Wir werden nicht Teil irgendeiner Allianz, sagte ein Easyjet-Sprecher gestern. Auch Virgin Atlantic ließ wissen, der Konzern habe nichts damit zu tun.
Das Geheimnis: Hohe Produktivität
Denn Billig-Fluggesellschaften sind hocheffizient geführte Fluglinien, deren wirtschaftliches Geheimnis die hohe Produktivität der Flugzeuge ist. Je länger das Flugzeug am Tag genutzt wird und immer wieder neue Passagiere befördert, umso günstiger sind die Betriebskosten bei sonst gleichen Einkaufspreisen für die Flugzeuge. So soll die geplante Verdopplung der Airbus-Flotte von Air Asia um 100 A320 fast 5 Milliarden Euro kosten. Wobei die Mehrzahl der Flugzeuge auch künftig Mittelstrecken im asiatisch-pazifischen Raum bedienen werden. Für die Langstreckenpläne sind die Modelle Boeing 777 oder Airbus A330 im Gespräch.
Doch beim Langstreckeneinsatz schwinden die Einsatzvorteile je Flugzeug von einer hochproduktiven Fluglinie gegenüber einer herkömmlichen. Durch die längere Flugzeit - bis jetzt galten eineinhalb Stunden als die attraktivste - können nicht so viele zahlende Gäste die Maschine am Tag füllen. Auch deshalb reicht wohl die angekündigte Preisspanne bis 450 Dollar, ein Preis, mit dem etablierte Fluggesellschaften im Asiengeschäft von Europa aus schon das Restkontingent füllen. Allerdings gibt es dort in der Economyklasse meist noch die Möglichkeit Bonusprogramme zu nutzen sowie Bordunterhaltung und kostenlose Verpflegung. All dies entfiele bei Air Asia X und ein möglicher geringerer Sitzabstand dürfte langgewachsene Europäer zwischen Komfort und Geldbeutel abwägen lassen.
Die Diskussion läuft schon seit Jahren
Vor Jahren hatte die Gesellschaft Britannia versucht, zusammen mit deutschen Reiseveranstaltern Urlauber von Deutschland in die Dominikanische Republik zu fliegen. Die sehr günstigen Tarife waren in ein Pauschalangebot eingebunden. Das Experiment misslang nicht nur, weil der deutsche Veranstalter in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, sondern auch, weil die Touristen die Sitzkonfiguration zu beengt fanden.
Seit Jahren wird in der Branche über die Chancen von Billigflügen auf der Langstrecke diskutiert. Der Flughafenchef von Köln, Michael Garvens, hatte schon vor Jahren angekündigt, einen Billig-Anbieter auf der Langstrecke zu präsentieren. Hongkong/China, Indien und Nordamerika stehen auf unserer Agenda ganz oben, sagte Garvens Mitte Juli 2005. Mit der erst im Jahr 2005 für Discountflüge nach Europa gegründeten Oasis Hongkong Airlines werde verhandelt. Eine feste Verbindung nach Hongkong sollte Anfang 2006 aufgenommen werden, hieß es damals. Auch der im gleichen Jahr geplante Einstieg in die Vereinigten Staaten wurde nicht realisiert. Der Einstiegspreis sollte bei 100 Euro liegen. Doch geschehen ist nichts - bisher.
Hochriskantes Unterfangen
Für 1 Euro weniger als 100 Euro kann man heute schon, bei rechtzeitiger Buchung - Langstreckenflüge erhalten. Bei den Fliegenpreisaktionen der Condor sind von 99 Euro an eine Strecke nach Mombasa (Kenia) oder nach Alaska zu haben. Allerdings gibt es - wie allgemein üblich - nur bestimmte Kontingente. Deshalb ist zu vermuten, dass die angekündigten Einstiegspreise von 80 Dollar ebenfalls nur Aktionspreise sein dürften. Schließlich liegen die Marktpreise von Europa nach Asien deutlich höher, sodass ein regulärer Tarif unter 500 Euro für Hin- und Rückflug durchaus als attraktiv empfunden werden könnte.
Dass Langstreckenflüge zu Niedrigpreisen anzubieten ein hochriskantes Unterfangen ist, hat die spanische Gesellschaft Air Madrid erfahren. Sie flog gegen den Marktführer Iberia in den südamerikanischen und karibischen Raum. Zehn Tage vor Weihnachten hatte Air Madrid den Flugbetrieb eingestellt und war damit einer Entziehung der Fluglizenz durch die spanische Regierung zuvorgekommen. 120 000 Passagiere blieben an diversen Flughäfen sitzen. Die spanische Regierung sprang ein und organisierte den Rücktransport der Gestrandeten. Die Verhandlungen mit der deutschen LTU über einen möglichen Einstieg des Düsseldorfer Unternehmens scheiterten. Nun warten nicht nur Flugreisende, sondern die ganze Branche, gespannt auf die Vollendung der Ankündigung von Air Asia.
Text: F.A.Z., 09.01.2007, Nr. 7 / Seite 18
Bildmaterial: AFP, AP
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