02. Januar 2006 Es ist ein Unternehmen der Superlative. Gasprom ist nach praktisch allen Maßstäben die weltgrößte Gasgesellschaft - nach Reserven, nach dem Produktionsvolumen und nach der Länge der Pipelines. Mit seinen Reserven gehört das Unternehmen auch zu den größten Energiekonzernen der Welt, eine Liga, die sonst von staatlichen Ölgesellschaften aus dem Nahen und Mittleren Osten dominiert wird. Die nachgewiesenen Öl- und Gasreserven addieren sich nach konservativen Schätzungen auf 108 Milliarden Barrel Öläquivalent. Das ist das Fünffache der Reserven, die Exxon Mobil ausweist.
An der Börse jedoch wird Exxon Mobil, Amerikas größter Ölkonzern, mehr als doppelt so hoch wie Gasprom bewertet. Der Abstand hat sich aber gerade in den vergangenen zwölf Monaten beträchtlich verringert. Der Aktienkurs von Gasprom hat sich mehr als verdoppelt. Inzwischen weist der staatlich kontrollierte Konzern eine Marktkapitalisierung von umgerechnet 160 Milliarden Dollar auf.
Beteiligung aus dem Ausland bisher kaum möglich
Die Wertentwicklung ist um so bemerkenswerter, als ausländische Anleger bisher nur beschränkte Möglichkeiten hatten, sich an Gasprom zu beteiligen. Sie durften bis Ende vergangenen Jahres offiziell nur an internationalen Börsen gehandelte American Depositary Receipts (ADR) erwerben, die den Anspruch auf jeweils 10 Gasprom-Aktien verbriefen. Auf die ADRs entfallen insgesamt 6,9 Prozent des Aktienkapitals, wovon aber 2,5 Prozent bei der deutschen Eon liegen (deren gesamte Gasprom-Beteiligung 6,4 Prozent beträgt).
De facto waren also nur 3,4 Prozent der Gasprom-Aktien im Ausland käuflich. Allerdings haben findige Investoren Wege gefunden, über die lokalen Märkte Gasprom-Aktien zu erwerben. Der Anteil der über diesen grauen Markt bei Ausländern gelandeten Aktien liegt Schätzungen zufolge bei mehr als 20 Prozent. Noch im alten Jahr hat die russische Regierung den Weg frei gemacht, um diesen illegalen Handel zu legalisieren.
Keine Beschränkungen mehr für Ausländer
Wenn an der Moskauer Börse am 9. Januar erstmals in diesem Jahr gehandelt wird, gibt es keine Beschränkungen mehr für Ausländer. Ein entsprechendes Dekret hat Präsident Putin noch im alten Jahr unterzeichnet. Der Staat schreibt darin aber auch seine Mehrheit von knapp über 50 Prozent fest. Diese Mehrheit hatte die Regierung erst im vergangenen Jahr wiederhergestellt, indem sie zu marktnahen Preisen 10,7 Prozent des Gasprom-Kapitals aus dem Eigenbestand des Unternehmen kaufte.
Mit der Abschaffung der Handelsbeschränkungen dürfte das ausländische Interesse an Gasprom nochmals zunehmen. Denn die Gewichtung der Aktie in den einschlägigen Schwellenländerindizes, an denen sich internationale Fonds orientieren, wird sprunghaft steigen. Allein das Gewicht im MSCI Russia Index erhöht sich von 6,3 Prozent auf 42,8 Prozent.
Analysten skeptisch - Profitabilität eher bescheiden
Gleichwohl gibt es auch einige Analysten, die dem Papier mit Skepsis begegnen. Das liegt zum einen an dem starken Staatseinfluß, der vor allem von Aufsichtsratschef Dmitrij Medwedew, dem ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten, verkörpert wird. Medwedew gilt nicht nur als enger Vertrauter Putins, sondern auch als sein potentieller Nachfolger. Zum anderen ist die Profitabilität des Unternehmens im Vergleich zu ausländischen Gaskonzernen bescheiden, was vor allem daran liegt, daß Gasprom sein Gas im Inland und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu Preisen abgibt, die weit unter den Weltmarktpreisen liegen.
Im Jahr 2004 entfielen noch 59 Prozent aller Gasverkäufe auf das Inland, aber nur 33 Prozent der Erlöse. Der europäische Absatz-Anteil betrug demgegenüber 29 Prozent, der Umsatzanteil 59 Prozent. Während der durchschnittliche Gaspreis in Rußland bei 28,50 Dollar je tausend Kubikmeter lag, zahlten die Länder der ehemaligen Sowjetunion durchschnittlich 35,80 Dollar und die Europäer durchschnittlich 105,50 Dollar.
Guter Gesamtjahresumsatz und zugekauftes Ölkonzern
Seither sind die Gaspreise nochmals kräftig gestiegen. Allein für die ersten sechs Monate des Jahres 2005 meldete Gasprom im November einen Umsatzanstieg von 33 Prozent auf 21,8 Milliarden Dollar. Während der Absatz nach Europa um 2,6 Prozent zulegte, stieg der entsprechende Umsatz um 35 Prozent. Der Gesamtjahresumsatz dürfte Schätzungen zufolge eine Größenordnung von umgerechnet 45 Milliarden Dollar erreichen.
Hier ist noch nicht der unlängst für 13,1 Milliarden Dollar zugekaufte Ölkonzern Sibneft des Oligarchen Roman Abramowitsch enthalten. Das Unternehmen wird Umsatz und Gewinn von Gasprom nochmals um geschätzte 20 Prozent erhöhen.
Text: dri. / F.A.Z., 03.01.2006, Nr. 2 / Seite 17
Bildmaterial: F.A.Z.
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