11. Januar 2006 Die Stromrechnungen der meisten Haushalte in Deutschland fallen immer höher aus. Wer 3000 Kilowattstunden Strom im Jahr verbraucht, zahlt dafür heute im Durchschnitt gut 600 Euro, etwa ein Viertel mehr als im Jahr 2000. Besonders teuer ist der Strom in Ostdeutschland geworden: Die Eon-Tochtergesellschaft Edis in Mecklenburg-Vorpommern und die Stadtwerke Leipzig haben die Preise zum Jahresanfang abermals kräftig angehoben und verlangen inzwischen rund 650 Euro im Jahr für den Strom.
Allerdings wollten oder durften nicht alle Unternehmen ihre Preise erhöhen: Energie Baden-Württemberg (EnBW), einer der teuersten Versorger Deutschlands, hat ebenso wie Vattenfall in Hamburg und Berlin auf die Preisrunde zum Jahresanfang verzichtet. Hessische Versorger wollten zwar anheben, haben aber keine Genehmigung des hessischen Wirtschaftsministeriums bekommen.
Beschaffungskosten steigen - aber warum?
Als Grund für die höheren Stromtarife verweisen alle Versorger auf die steigenden Beschaffungskosten für Strom. "Unsere Bezugskosten für Strom für Privathaushalte steigen stetig, ohne daß es dafür eine Erklärung gibt. Unser Beschaffungspreis war bis Ende Dezember - im Vergleich zum Vorjahr - von 37 auf 58 Euro je Megawattstunde gestiegen", sagt Vlatko Knezevic, Geschäftsführer des Stromanbieters Eprimo, der 120000 Privatkunden in Deutschland beliefert. Auch die Stadtwerke fühlen sich im Recht: "Mit unserem Antrag auf Erhöhung der Strompreise bis zu 7 Prozent wollten wir nur die gestiegenen Beschaffungskosten weitergeben - sonst kommen wir finanziell in die Bredouille", sagt Frank Döbert vom Frankfurter Versorger Mainova.
Hohe Margen bei der Produktion
Die Stadtwerke oder kleinen Stromanbieter stecken in einem Dilemma: Die Differenz zwischen Beschaffungskosten und Entgelten für die Nutzung der Stromnetze auf der einen Seite und den Endkundenpreisen auf der anderen Seite ist sehr gering. Preissteigerungen können wegen der Genehmigungspflicht in den meisten Bundesländern oft nicht weitergegeben werden. Entsprechend sind die Gewinnspannen im Geschäft mit den privaten Endkunden sehr gering - oder sogar negativ. "Unsere Strompreise decken unsere Kosten nicht mehr. Wir wollten 2005 eigentlich ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Das werden wir nicht schaffen", sagt Karl-Heinz Koch, Geschäftsführer des südhessischen Versorgers Entega, und verweist ebenfalls auf die Beschaffungskosten: "Im Jahr 2006 muß die Entega für den Strom 40 Prozent mehr zahlen als 2005. Ab Mai sind die Preise an der Strombörse Leipzig regelrecht explodiert", sagt Koch, der keine Erklärung für die Explosion der Preise an der Strombörse (EEX) hat: "Angebot und Nachfrage an der Börse haben sich kaum verändert".
Preise über Wettbewerbsniveau
Ökonomen am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle haben die Großhandelspreise untersucht. Ihr Ergebnis: "Die Preise liegen etwa seit dem Jahr 2002 oberhalb eines wettbewerblichen Preisniveaus. Dies ist ein deutlicher Indikator für strategisches Verhalten und deutet darauf hin, daß die Endverbraucher zu hohe Preise zahlen." Auch das Bundeskartellamt verlangt von den vier großen Stromkonzernen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW Aufklärung. Die Wettbewerbshüter prüfen, ob die Versorger Kosten für Kohlendioxyd-Emissionsrechte auf ihre Preise aufgeschlagen haben, obwohl ihnen diese nicht entstanden sind. Für Unruhe sorgen auch die starken Preisschwankungen: Im vierten Quartal, als sich viele kleine Versorger mit Strom eindecken mußten, schnellte der Preis am EEX-Spotmarkt von etwa 50 auf 145 Euro je Megawattstunde hoch, sank danach wieder auf rund 65 Euro.
Die Preise, die von den großen Stromerzeugern an der EEX erzielt werden, liegen nach Kochs Ansicht deutlich über den Produktionskosten. "Das Geld im deutschen Strommarkt fließt eindeutig in die Erzeugung", sagt Koch. Das zeige sich in den Milliardengewinnen der vier Anbieter, die in der Erzeugung und in den Netzen das Geschehen dominieren. Wettbewerber müssen sie kurzfristig nur auf der dritten Stufe der Wertschöpfung fürchten, dem Vertrieb. "Dort sind die Margen aber viel zu gering, um neue Marktteilnehmer anzulocken", klagt Knezevic. Zudem wird in der Branche vermutet, daß die Tochtergesellschaften der Stromkonzerne Sonderkonditionen erhalten. "Ich wundere mich schon manchmal, wie in einigen Gebieten die Tarife kalkuliert werden", sagt Knezevic.
Beschaffung an Strombörse vorbei
Hoffnung setzen die kleinen Anbieter auf die Bundesnetzagentur, die zur Zeit die Entgelte für die Nutzung der Stromnetze untersucht. Diese Entgelte sind in Deutschland im Durchschnitt rund ein Drittel höher als in vielen anderen Ländern. "Ich hoffe sehr, daß die Bundesnetzagentur die Netznutzungsentgelte senken kann. Zudem wäre die konsequente Trennung zwischen Stromproduktion, Betrieb der Netze und Vertrieb der richtige Schritt, um den Wettbewerb in Gang zu bringen", fordert Knezevic. Die Stadtwerke wollen sich aber nicht allein auf die Bundesnetzagentur verlassen. "Viele Stadtwerke kooperieren, um Strom gemeinsam - und vorbei an der EEX - wieder direkt beim Produzenten einzukaufen. Die Konditionen liegen etwa 5 bis 8 Prozent unter den EEX-Preisen", sagt Koch. Auch die Eigenproduktion wird wieder interessant. "Einige Stadtwerke schließen sich zusammen, um Kraftwerke zu bauen." Dieser Schritt könnte aber riskant sein: "Wenn der Strompreis sinkt, arbeiten die neuen Kraftwerke nicht mehr rentabel, wie es in Großbritannien passiert ist", warnt Peter Reese vom Verbraucherportal Verivox.
Text: F.A.Z., 11.01.2006, Nr. 9 / Seite 13
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb
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