Demographie

Wie eine Gemeinde die Geburtenrate in die Höhe treibt

19. April 2004 Hans-Jürgen Schimke ist ein bescheidener Mann. Eigentlich, sagt er, sei die Gemeinde, deren Bürgermeister er ist, gar nichts Besonderes. Gut, es gebe zwar in Nordrhein-Westfalen keinen Ort, in dem die Frauen mehr Kinder bekämen, und ja, der Gemeinderat habe immer versucht, eine familienfreundliche Politik zu machen. Aber daß es in Laer deswegen so viele Kinder gibt, weil die Gemeinde tatsächlich paradiesische Zustände geschaffen hat, das kann sich Schimke, Vater von zwei Kindern, Jurist und Landesvorstandsmitglied im Kinderschutzbund, nicht vorstellen. "Die Entscheidung für Kinder hat so viele persönliche Aspekte, daß man das nicht runterrechnen kann." Ist also alles nur ein großer Zufall?

Während es in Großstädten endlose Wartelisten für Krippenplätze gibt, weil deutschlandweit auf 1000 Kinder nur 85 Plätze kommen, gibt es im etwa 25 Kilometer nordwestlich von Münster gelegenen Laer eine Elterninitiative, die Kinder von vier Monaten bis sechs Jahren ganztägig betreut. Säuglinge bekommen dort ohne Warteliste einen Platz. Während es bundesweit nur etwa 2000 Ganztagsschulen gibt, die meisten von ihnen in sozialen Brennpunkten, gibt es in Laer eine Ganztagsgrundschule für alle Kinder, die Bedarf haben.

Fünf von sieben Kindergärten betreuen bis 16.30 Uhr

Während in Nordrhein-Westfalen nur ein Fünftel aller Kindergartenplätze Ganztagsplätze sind, bieten in Laer mit seinen 6330 Einwohnern fünf Kindergärten von insgesamt sieben eine Betreuung bis 16.30 Uhr. "Wir sind nach Laer gezogen", sagt Meike Ritter, Mutter von zwei Kindern und Flugbegleiterin bei der Lufthansa mit einer Zweidrittelstelle, "weil es hier einfach ideal ist, was die Betreuungszeiten angeht." Das scheinen andere Frauen genauso zu sehen: Obwohl in Laer nur 5,5 Prozent Ausländer leben und der Anteil an sozial schwachen Familien nicht besonders hoch ist, liegt die Gemeinde bei der Geburtenrate mit 13,5 Neugeborenen pro tausend Einwohner gemeinsam mit der Kleinstadt Sankt Augustin an der Spitze Nordrhein-Westfalens. Der Bundesdurchschnitt lag im Jahr 2002 sogar nur bei mageren 8,7 Neugeborenen.

Ein Blick auf Deutschlands Nachbarländer zeigt: Wo die Ganztagsbetreuung der Kinder gewährleistet ist, kehren Frauen nach der Geburt schneller in den Beruf zurück. Und die Geburtenrate ist in diesen Ländern mit elf (Schweden), 12,1 (Dänemark), 12,6 (Niederlande) und 12,7 (Frankreich) Geburten je tausend Einwohner deutlich höher als in Deutschland. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil Frauen eher bereit sind, Kinder zu bekommen, wenn sie dadurch nicht automatisch auch zum "Heimchen am Herd" werden.

Laer hat also mit seinem Angebot in Sachen Ganztagsbetreuung "die Zeichen der Zeit erkannt", sagt Kerstin Schmidt, Demographieforscherin bei der Bertelsmann-Stiftung. Schmidt erarbeitet Konzepte, mit denen Kommunen den Bevölkerungsschwund bekämpfen können, und hat beobachtet, daß vor allem ein "familienfreundliches Klima" hilfreich ist. Dabei gehe es nicht so sehr darum, billiges Bauland zu schaffen. Vielmehr müßten Frauen die Möglichkeit haben, berufstätig zu sein. In Laer hat Schmidt einen ganz besonderen "familienfreundlichen Spirit" ausgemacht: "Die politischen Entscheider dort wollen etwas für die Familien tun, das spürt man."

Wie es konkret aussieht

Konkret sieht das so aus: Das Grundstück für den Bau eines neuen Kindergartens hat die Gemeinde umsonst zur Verfügung gestellt; ein Investor hat den Kindergarten gebaut. Zusammen mit den Kirchen und einer Elterninitiative hat die Gemeinde einen Trägerverein gegründet, der die Organisation der Ganztagsgrundschule mit der offenen Kinder- und Jugendarbeit verbindet. Bürgermeister Schimke ist dessen Schatzmeister. Die Gemeinde Laer übernimmt die Anteile der freien Träger an den Betriebskosten der Kindergärten, die sich auf 140 000 Euro im Jahr belaufen. Und Schimke, Vorsitzender der Laerer "Kinder- und Jugendkonferenz", stellt sich regelmäßig in die Aula der Grundschule und spricht mit den Kindern über ihre Wünsche. Seit fünf Jahren ist er Bürgermeister und einer von drei Abgeordneten der Grünen im von der CDU dominierten Gemeinderat. Teuer ist es also nicht, was die Gemeinde für Familien tut, denn die Laerer Betreuungseinrichtungen, einmal abgesehen von den Betriebskosten der Kindergärten, werden nicht von der Gemeinde finanziert. Es scheint, als sei es lediglich eine Frage des guten Willens, Kommunen familienfreundlich zu machen - eine Einschätzung, die auch Astrid Schmidt von der Bertelsmann-Stiftung bestätigt.

Damit ist die Frage beantwortet, ob das fruchtbare "Modell Laer" auf andere Gemeinden übertragbar ist. Schmidt sagt: "Wenn die politischen Entscheider das wollen, ist es mit Sicherheit übertragbar. Es müssen nur Prioritäten gesetzt werden." In Laer ist das geschehen, und dann lief sozusagen alles wie von selbst. Die von Eltern initiierte Kindertagesstätte etwa, die schon Säuglinge aufnimmt und bis 16.30 Uhr betreut, wird zu einem Drittel von der Umlage getragen, die jede kreisangehörige Gemeinde an das Jugendamt zahlt. Laer bekommt durch die Einrichtung der Kindertagesstätte also lediglich eine Leistung vom Jugendamt zurück. Rund ein weiteres Drittel zahlt das Land Nordrhein-Westfalen, das gleiche die Eltern und vier Prozent der Träger.

Bei der ebenfalls von Eltern initiierten Ganztagsgrundschule sieht es ähnlich aus: Das Land zahlt 820 Euro für jeden der dreißig Ganztagsschüler, weitere 8000 Euro im Schuljahr pauschal, und 89 000 Euro stammten als einmaliger Investitionszuschuß aus Bundesmitteln. Die Eltern zahlen 78 Euro im Monat für das erste Kind und 39 Euro für das zweite. Beschäftigt sind im Ganztagszweig sechs Lehrer auf Stundenbasis, eine Köchin, eine Erzieherin sowie eine Sozialpädagogin ganztags und drei weitere Kräfte zur Betreuung stundenweise. "Diesen Personalstand könnten wir uns nicht leisten, wenn wir nach dem Bundesangestelltentarifvertrag bezahlen würden", sagt Inge Behler, Sozialpädagogin und Geschäftsführerin des Trägervereins. Also zahlt der Verein weniger - und kann sich dennoch vor Blindbewerbungen nicht retten. Die Kindergärten in Laer haben sich sogar mehr oder weniger zufällig zu einer Ganztagsbetreuung entschlossen - weil sie bisheriges Personal halten wollten.

Die absoluten Geburtenzahlen in Laer sind übrigens seit 1999 rückläufig, der Einwohnerzuwachs bewegt sich im Vergleich zu den Nachbargemeinden auf mittlerem Niveau. "Wir können uns aus der normalen Entwicklung nicht vollständig auskoppeln", sagt Schimke. Und das zeigt, daß kommunale Anstrengungen im Kampf gegen den Geburtenrückgang zwar sehr hilfreich sind, daß sie allein aber nicht ausreichen.



Text: mel., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2004, Nr. 91 / Seite 13
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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