03. Dezember 2006 Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall widerspricht dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, der größere Lohnerhöhungsspielräume über die Mitarbeiterbeteiligung erwartet. Mit Hilfe des Investivlohns können nach den Worten Becks die Lohnsteigerungen im nächsten Jahr über zwei Prozent liegen. Ein zusätzlicher Prozentpunkt wäre unter Umständen möglich, wenn er als Kapital im Betrieb verbleiben würde, sagte Beck der Zeitung Bild am Sonntag.
Auf die Frage, ob der SPD-Vorsitzende Recht hat, wenn er davon spreche, daß mit Hilfe des Investivlohns der Tarifabschluß ein Prozent höher ausfallen könne, antwortete Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser: Beck irrt. Sein Vorschlag ist gut gemeint, aber trifft die Wirklichkeit nicht. Dazu sind die wirtschaftlichen Strukturen viel zu komplex. Der Präsident des Arbeitgeberverbands wies gegenüber dieser Zeitung darauf hin, daß die Welt heute anders sei als zu der Zeit, als die Idee des Investivlohns geboren wurde. Heute ändert sich die Welt viel schneller. Die Leute hätten auch viel mehr Möglichkeiten, ihr Geld anzulegen. Die unterschiedlichen Bedürfnisse kann man nicht über einen Tarifkamm scheren.
Angesprochen auf den Vorschlag von Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der die Ausgestaltung des Investivlohns den Tarifparteien überlassen möchte, meinte Kannegiesser: Ich kann mir nicht vorstellen, daß dies konkretes Thema der nächsten Tarifrunde wird. Zur Aussage des CDU-Politikers, wonach es zur Zeit zu wenig Geld gibt, das loyal zu unserem Land steht und sich auch an Fragen wie der Sicherung von Arbeitsplätzen orientiert, sagte er: Für eine Industrie wie unsere, die zu 70 Prozent weltweit eingebunden ist, wirkt das etwas hausbacken. Wenn sich jeder nur um seinen Vorgarten sorge, könne das schnell schief gehen. Die Unternehmen müssen - egal woher ihr Kapital kommt - dafür sorgen, daß sie wettbwewerbsfähig bleiben.
Keine Reallohneinbußen gehabt
Die aktuelle Lohnerhöhungsdebatte kritisierte Kannegiesser. Die letzte Tarifrunde liege gerade einmal sieben Monate zurück. Damals sei der Abschluß als zu hoch kritisiert worden, jetzt heiße es, die Arbeitnehmer verdienten zu wenig. Festzuhalten bleibt: Die Arbeitnehmer der Metallindustrie haben keine Reallohneinbußen gehabt, betonte der Präsident von Gesamtmetall. Wir dürfen jetzt nicht den Maßstab verlieren. Mit den vergangenen Tarifrunden haben wir es geschafft, daß unsere Unternehmen ein Stück Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen haben. Das dürfen wir jetzt nicht auf Spiel setzen. Um die Arbeitnehmer am Erfolg ihres Unternehmens beteiligen zu können, sollte ihr Gehalt stärker an das Ergebnis ihres eigenen Unternehmens gekoppelt werden. Dazu habe man allerdings in der letzten Tarifrunde bereits ein Instrument geschaffen, argumentierte Kannegießer.
Der Ökonom Stefan Homburg warnte vor einem Ausbau der Mitarbeiterbeteiligung. Aus ökonomischer Sicht ist der Investivlohn grundfalsch, sagt der Finanzwissenschaftler aus Hannover im Gespräch mit dieser Zeitung. Ein Arbeitnehmer stecke schon sein Humankapital in nur ein Unternehmen. Er dürfe nicht auch noch sein Geld dort anlegen. Man legt nicht alle Eier in einen Korb, sagte er dieser Zeitung.
Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup, äußerte sich ebenfalls zurückhaltend: Nichts spricht dagegen, daß einzelne Unternehmen freiwillig ihre Mitarbeiter am Erfolg oder am Kapital beteiligen. Für falsch halte ich es aber, dies per Gesetz oder per Tarifvertrag zu regeln. Auf keinen Fall sollte nach seiner Auffassung eine Beteiligung am Kapital der eigenen Firma mit der Altersvorsorge gekoppelt werden. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Klaus Brandner, sagte der Welt am Sonntag, Investivlöhne müßten mit einem stärkeren Mitspracherecht der Arbeitnehmer verbunden werden.
Text: F.A.Z., 04.12.2006, Nr. 282 / Seite 11
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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