Luftfahrt

US Airways greift nach Delta Air Lines

15. November 2006 In der notleidenden amerikanischen Luftfahrtbranche zeichnet sich ein Großfusion ab. Sollte US Airways den größeren Konkurrenten Delta Air Lines wirklich übernehmen, dann könnte dies die Initialzündung für eine grundlegende Neuordnung der amerikanischen Fluglinien sein, die sich seit dem Jahr 2001 in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden und Branchenverluste von mehr als 40 Milliarden Dollar angesammelt haben.

Am Mittwoch hat US Airways angekündigt, daß sie der von der Insolvenz bedrohten Delta ein Fusionsangebot unterbreitet hat. Dieser Schritt würde den nicht abgesicherten Gläubigern von Delta rund 8 Milliarden Dollar in bar und Aktien zuführen, hieß es weiter. Das bedeute einen Aufschlag von 25 Prozent auf den aktuellen Kurs von Delta. US Airways zufolge sind jährliche Synergien von 1,65 Milliarden Dollar zu erwarten, darunter 935 Millionen Dollar aufgrund der Optimierung des Netzes.

Die Marke Delta soll bleiben

Da Delta weltweit den bekannteren Namen habe, sollten nach einer Fusion alle Maschinen mit dieser Marke fliegen. Nach dem amerikanischen Insolvenzrecht kann ein Unternehmen sich unter Bedingungen des Gläubigerschutzes neu organisieren, die Schulden abbauen und dann weiter operieren.

Die Fusion soll schon im ersten vollen Jahr nach Abschluß positiv zum Ergebnis von US Airways beitragen. Fast die Hälfte der Luftfahrtkonzerne in den Vereinigten Staaten, darunter Delta, Northwest, der Lufthansa-Partner United sowie US Airways, flüchteten sich oder befinden sich in der Insolvenz. Unter dem Schutz des amerikanischen Insolvenzrechts kürzten sie Kosten in Milliardenhöhe.

Sie senkten die Löhne, bauten weit über 100000 Stellen ab und strichen Sozialleistungen und Pensionen in großem Umfang. US Airways hatte vor einem Jahr nach dem Zusammenschluß mit der America West Holdings Corp. den Gläubigerschutz verlassen, nachdem es unter diesem mehr als ein Jahr operiert hatte. Die Aktien von US Airways reagierten vorbörslich mit einem Aufschlag von gut zwei Prozent auf die Offerte.

Eine der größten Fluglinien der Welt

Ende Oktober hatte US Airways, die fünftgrößte Fluggesellschaft in den Vereinigten Staaten, gemeldet, sie habe ihren Verlust im dritten Quartal verringern können. Der Nettoverlust lag bei 78 Millionen Dollar oder 88 Cent pro Aktie, nach einem Fehlbetrag von 99 Millionen Dollar oder 5,74 Dollar pro Aktie im Vorjahr. Der Umsatz des Konzerns, der aus der Fusion von US Airways und America West Airlines hervorging, nahm von 929 Millionen Dollar auf 2,97 Milliarden Dollar zu.

Aus dem angestrebten Zusammenschluß von US Airways und Delta ginge eine der größten Fluglinien der Welt hervor. Auf Transatlantikflügen wäre die neue Delta die Nummer eins, bei Flügen in die Karibik rangierte sie auf Platz zwei. Angeflogen würden mehr als 350 Destinationen auf fünf Kontinenten. Die neue Fluglinie wäre auch in der Lage, mit Billigfliegern zu konkurrieren, hieß es weiter. Die Fusion der beiden Fluglinien werde ähnlich wertschaffend sein wie die von US Airways und America West, sagte US-Airways-Chairman und CEO Doug Parker. Die Unternehmen hatten ihren Zusammenschluß im September 2005 vollendet.

Die Gläubiger von Delta hätten sich bislang noch nicht zu dem Angebot geäußert, sagte Parker. "Wir müssen uns nun zunächst alle gemeinsam die Bücher anschauen." Er kündigte an, auch das fusionierte Unternehmen führen zu wollen. Über den Sitz des Konzerns gebe es noch keine Entscheidung.

Schlanke Strukturen nach radikalem Sparkurs

Seit Januar 2001 hat Delta Verluste von mehr als 16 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Am vergangenen Donnerstag meldete der Konzern, daß er im dritten Quartal einen Gewinn nach einem Vorjahresverlust erzielt hat, was auf einen Einmalertrag zurückzuführen ist. Ende des abgelaufenen Quartals konnte die Fluglinie frei verfügbare Barmittel in Höhe von 2,8 Milliarden Dollar ausweisen. Im ersten Halbjahr 2007 will der Konzern den Gläubigerschutz verlassen.

Die großen amerikanischen Fluggesellschaften melden sich in diesen Monaten nach einem radikalen Sparkurs mit schlankeren Strukturen, besser ausgelasteten Jets und kleinen Gewinnen zurück. Deutlich verbesserte Quartalsergebnisse beim Marktführer American Airlines sowie vor allem beim Verfolger Continental Airlines künden von einem zwischenzeitlich kaum mehr erwarteten Wiederauferstehen der klassischen Fluglinien. Zuvor hatte die Billigfluggesellschaft Southwest einen Gewinneinbruch um 77 Prozent vermeldet, und auch Jetblue drohen Verluste.

Übernahmespekulationen gibt es auch um United Airlines, seit bekannt ist, daß sich der Konzern aus Chicago von der Investmentbank Goldman Sachs beraten läßt. Analysten halten eine Verbindung von United und Continental für aussichtsreich. US Airways und United Airlines sind Lufthansa-Partner in der größten Luftfahrtkooperation "Star Alliance". Delta ist dagegen eines der größten Mitglieder der Konkurrenz-Allianz "SkyTeam" um Air France-KLM.



Text: F.A.Z., 16.11.2006, Nr. 267 / Seite 14, noa.
Bildmaterial: AFP

 
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