Gewerkschaft drängt zu DGB-Reform

IG Metall will das „Dach reparieren“

Von Henrike Roßbach

10. April 2008 Die Arbeitnehmerorganisation IG Metall will näher an die Betriebe rücken und den DGB reformieren. Das soll unter anderem über eine neue Kampagne gegen Zeitarbeit funktionieren. Die Aktion ist unter dem Motto „Gleiche Arbeit - Gleiches Geld“ in Frankfurt gestartet. „Die IG Metall nimmt es nicht hin, dass es in den Betrieben Beschäftigte erster und zweiter Klasse gibt“, sagte der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Detlef Wetzel. Leiharbeit diene nicht länger dazu, Auftragsspitzen aufzufangen, sondern ersetze Stammarbeitsplätze.

Die IG Metall will, dass Zeitarbeiter genauso bezahlt werden wie die Stammbelegschaft in dem Betrieb, an den sie ausgeliehen werden. 400 Vereinbarungen mit Unternehmen, die Zeitarbeiter entleihen, will die Gewerkschaft in diesem Jahr abschließen. Von der Politik fordert sie, die Leiharbeit zu begrenzen, etwa durch einen Mindestlohn über die Aufnahme der Branche in das Entsendegesetz. Nach Angaben der IG Metall gibt es in der Metall- und Elektroindustrie derzeit rund 260.000 Leiharbeitnehmer.

Arbeitgeber: Zeitarbeit bringt neue Chancen

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisierte die Kampagne. Es sei nicht zu verstehen, dass die IG Metall die Zeitarbeit zwecks Mitgliedergewinnung skandalisiere. Die Zeitarbeit habe vielen Menschen neue Arbeitsmarktchancen gebracht. So seien zwei von drei Zeitarbeitnehmern zuvor arbeitslos gewesen. Gerade in der Metall- und Elektroindustrie sei sie eine Erfolgsgeschichte für alle Seiten. Die gewonnene Flexibilität hat nach Meinung von Gesamtmetall den internationalen Erfolg vieler Betriebe erst möglich gemacht. Dadurch hätten sie Zeitarbeiter, vor allem aber Stammarbeiter einstellen können. Deren Zahl sei im vergangenen Jahr mehr als dreimal so stark gestiegen wie die der Zeitarbeitnehmer.

Auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) kritisierte die IG Metall. Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse sagte, längst sei bewiesen, dass Zeitarbeit bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit eine wichtige Rolle spiele. In einer VDMA-internen Befragung hätten vier von fünf Unternehmen angegeben, ehemalige Zeitarbeiter übernommen zu haben.

„Mitgliederentwicklung absolute Priorität“

Die Zeitarbeitskampagne ist Teil der geplanten Erneuerung, die sich die IG Metall verordnet hat. Das erklärte Ziel der Gewerkschaft ist es, verstärkt neue Mitglieder zu gewinnen. Am Vorabend des Kampagnenauftakts sagte der Vorsitzende Berthold Huber in Frankfurt, man wolle 2008 alleine 10.000 Leiharbeitnehmer neu organisieren. Insgesamt setzt sich die größte deutsche Gewerkschaft das Ziel von 110.000 Neuzugängen. Gleichzeitig sollen die Mitgliederverluste um 10.000 verringert werden. In den ersten drei Monaten dieses Jahres hielten sich Ein- und Austritte fast die Waage. „Die Mitgliederentwicklung ist die absolute Priorität, auf Hauen und Stechen“, sagte Huber.

Er will auch, dass es für die Mitglieder bessere Beteiligungsmöglichkeiten gibt und dass das Mitgliederpotential in bestimmten Branchen besser ausgeschöpft wird - etwa im Maschinenbau oder in der Informations- und Elektrotechnik. Hierfür sollen eigene Arbeitsstrukturen geschaffen werden. „Wir müssen sehr viel stärker an die Branchen ran“, sagte Huber. Die Betriebsgrößen und die Beschäftigtenstruktur verlangten nach maßgeschneiderten Konzepten. Möglich sei eine individuellere „Bedienung“ dieser Branchen über das Pforzheimer Abkommen, das Abweichungen vom Flächentarifvertrag erlaubt. „Für die IG Metall entscheidet sich die Zukunft in den Betrieben, nicht auf der Straße.“

Näher ran an die Mitglieder

Ein weiteres Element zur Bedeutungssteigerung sollen Kampagnen wie jene gegen die Zeitarbeit sein. Neu orientieren soll sich nach dem Willen der IG Metall auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Huber betonte zwar, der Dachverband sei unersetzbar; er repräsentiere, sei Sprachrohr gegenüber der Politik und schütze vor einer Kannibalisierung der Gewerkschaften untereinander. Trotzdem dränge die Zeit, „unser Dach zu reparieren“. Es müsse überlegt werden, dem DGB neue Aufgaben zuzuweisen. Einfach weiter zu diskutieren und nichts zu tun sei „Mist“.

Die Reform müsse gelingen, der finanzielle Druck sei wegen des Mitgliederschwundes groß. 52 Millionen überweist alleine die IG Metall jedes Jahr an den Dachverband. „Die Rendite, die am Ende des Tages für die Gewerkschaften stehen muss, sind Mitglieder und Beiträge“, forderte Huber. Auch der DGB müsse näher ran an die Mitglieder. DGB-Chef Michael Sommer habe zu verstehen gegeben, sich an die Spitze der Reformbewegung stellen zu wollen.

Für die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie, die im Herbst beginnt, kündigte Huber hohe Forderungen an. „Die Erwartungen sind extrem hoch. Die Leute sehen doch, was verdient wird.“ Orientieren werde sich die IG Metall an „knallharten Fakten“, an Produktivitätssteigerung und Inflation. Insgesamt werde es eine reine Lohnrunde werden, Themen wie die Altersteilzeit will die Gewerkschaft aus der Tarifrunde heraushalten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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