Wirtschaftskriminalität

Milliarden-Verluste im Gesundheitswesen durch Betrug

16. Mai 2006 Korruption im Gesundheitswesen verursacht jährlich Schäden in Milliardenhöhe und beeinträchtigt damit auch die medizinische Versorgung in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die Antikorruptions-Organisation Transparency International in ihrem Jahrbuch 2006, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach werden medizinische Studien gefälscht, Behörden beeinflußt, Risiken verschwiegen und Selbsthilfegruppen unterwandert. Als ein Hauptverantwortlicher wird die Pharmaindustrie genannt.

Die Organisation forderte schärfere Gesetze und eine öffentliche Debatte. Vorstandsmitglied Anke Martiny schätzte die Verluste durch Korruption auf acht bis 24 Milliarden Euro. Deutschland trage darüber hinaus eine Verantwortung für die Entwicklungsländer: Bei der Lieferung von medizinischem Gerät durch deutsche Firmen sei oft Bestechung im Spiel.

Der Transparency-Experte Peter Schönhöfer kritisierte den „korrupten Einfluß der Pharmaindustrie“. Nur sieben der etwa 450 neuen, seit 1990 auf den Markt gebrachten Substanzen seien echte Innovationen. Rund 25 könnten als Schrittinnovationen gewertet werden. Der Rest sei ohne relevanten therapeutischen Vorteil. Um diese Produkte zu verkaufen, würden klinische Studien manipuliert und ärztliche Fortbildungen zu Werbezwecken mißbraucht. Außerdem werde Ärzten und Apotheken großzügig Rabatt eingeräumt.

Schönhöfer sagte weiter, mittlerweile sei es der Pharmalobby auch gelungen, die behördliche Schutzfunktion der Zulassung auszuhebeln. So würden beispielsweise Risikoinformationen durch von Herstellern finanzierte Arzneimittelagenturen schlichtweg verschwiegen.

Falsche Abrechnungen

Im Bereich der Krankenkassen werden laut Transparency Leistungen abgerechnet, die gar nicht erbracht wurden. Es gebe zudem eine Vielzahl von fingierten oder überhöhten Abrechnungen. Transparency-Mitglied Hans-Jürgen Mayer berichtete von einem Fall, in dem einer Frau - die lediglich die Toilette einer Arztpraxis aufgesucht hatte - die Gesundheitskarte abverlangt wurde. Anschließend habe der Arzt eine Untersuchung auf Grund einer Durchfallerkrankung abgerechnet.

Dem Jahrbuch zufolge werden zunehmend auch Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen von der Pharmalobby unterwandert. So gehörten zu den Förderern des Deutschen Diabetiker Bundes mit seinen rund 40.000 Mitgliedern auch große Pharmaunternehmen. Produktinformationen der Hersteller würden ungefiltert in die eigenen Publikationen übernommen.

Darüber hinaus kritisiert Transparency den illegalen Handel mit gefälschten Arzneimitteln. Für Krisengebiete gespendete Arzneimittel würden umgepackt und wieder in Apotheken verkauft. Bei der Vergabe von Aufträgen durch Ärzte und Institute an Dritte sei es zudem mittlerweile üblich, daß Rückvergütungen an den Auftraggeber gezahlt würden.

Die Organisation forderte den Gesetzgeber auf, Abrechnungsbetrug oder die Schädigung der Solidargemeinschaft als Straftatbestände ins Gesetz zu stellen. Zudem müsse in Deutschland eine „Kultur entstehen, die Korruption im Medizinbereich ächtet“.

Des weiteren müßten ein Ombudsmann-System und eine Schwarze Liste geschaffen werden. Die Einführung der Gesundheitskarte biete nur einen relativen Schutz vor Betrug. Laut Transparency gab es bereits einen Fall, in dem schon der Softwareentwickler von der Pharmaindustrie bestochen wurde.

Die Kaufmännische Krankenkasse KKH teilte am Dienstag mit, sie habe in den ersten vier Monaten diesen Jahres Betrugsfälle im Wert von über 350.000 Euro aufgedeckt. Im vergangenen Jahr habe die KKH Abrechnungsmanipulationen von rund einer Million Euro festgestellt.



Text: AP, Reuters
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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