Horst Köhler

Der Aufrüttler

Von Manfred Schäfers

Horst Köhler

Horst Köhler

15. Mai 2008 Auch als Bundespräsident macht Horst Köhler aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er sagt, was ihn stört – auch wenn dies andere wieder stören könnte. Anders als die meisten seiner Vorgänger hat Köhler auch keine Scheu, sich zu aktuellen politischen Fragen zu äußern. Das ist das Besondere, Widersprüchliche an dem Mann an der Spitze des Staates: Obwohl er nie Politiker war, ist er damit der politischste Präsident, den die Bundesrepublik je hatte. Ruckreden haben andere auch gehalten, aber niemand sagt den reformmüden Deutschen, den um Kurs ringenden Koalitionsparteien, den vor dem jüngsten Fall insgesamt doch recht hochmütigen Finanzmarktakteuren so deutlich und ungeschminkt, was er für richtig und für falsch hält. Wie das Vertriebenenkind, das zur Personifizierung des alten, heute zunehmend bezweifelten Versprechens taugt: Jeder kann es schaffen.

Vielleicht liegt es an diesem eigenen Schicksal, dass Köhler immer etwas rastlos-getrieben wirkt. Seinen eigenen Stil hat er auf jeden Fall. Er tritt wenig präsidial auf, eher zupackend. Dazu passt, dass er zuweilen etwas zu laut spricht. Er trägt gerne gute Laune zur Schau, er strahlt, auch wenn es zum Sommerempfang im Garten von Schloss Bellevue dauerregnet. Und noch etwas ist erstaunlich an diesem Kerl. Er verkündet so ungehörige Sachen wie: Zur Freiheit gehört Ungleichheit; bitte mehr Reformehrgeiz; Mindestlöhne können Arbeitsplätze vernichten – und dieselben Deutschen, die momentan das Soziale immer größer schreiben wollen, akzeptieren das nicht nur, sondern schätzen ihren Bundespräsidenten sogar sehr.

Erst nach Tübingen - dann in die weite Welt

Köhler hat – mit viel Einsatz, Geschick und einer ordentlichen Portion Glück – eine einzigartige Karriere hingelegt: vom Referenten im Bundesfinanzministerium unter Gerhard Stoltenberg zum Gipfel-Sherpa Helmut Kohls, dann Chef des Sparkassen- und Giroverbands, Präsidenten der Osteuropabank in London, Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Die Wechsel kamen in immer schnellerer Folge, und immer höher hinaus trug es Horst Köhler.

Der promovierte Ökonom aus dem kleinen Universitätsstädtchen Tübingen ist in der Welt herumgekommen. Auch deshalb hat er seine ganz eigene Sicht auf die Dinge. Dazu gehört seine liebevolle Sorge um Afrika, dazu gehört sein Blick über den Berliner Tellerrand hinaus. Immer wieder ist Köhler als Bundespräsident gen Süden geflogen, wiederholt hat er für mehr Verständnis für die Nöte in den armen Länder geworben und sich für größere Hilfsanstrengungen eingesetzt. Als Ökonom setzt er dabei nicht allein auf Überweisungen aus den reichen Ländern, sondern auch und noch mehr auf faire Handelsbedingungen. Dazu gehört, dass die Industrieländer nicht länger mit ihren subventionierten Agrarüberschüssen die landwirtschaftlichen Märkte Afrikas kaputtmachen.

Jetzt hat er sich die Finanzmärkte vorgeknöpft

Wer so geradeheraus wie Köhler auftritt, muss über kurz oder lang anecken. Das geschah denn auch, als er vor gut drei Jahren auf dem Arbeitgebertag „Vorfahrt für Arbeit“ anmahnte. Ohne Vorrede und lange Floskeln startete er damals mit einem Verweis auf die 5,216 Millionen Menschen, die offiziell arbeitslos sind. „Sie werden daher von mir keine Festrede erwarten.“ Dann redete er zur Sache, vom schleichenden Niedergang einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung, von zu hohen Lohnkosten und notwendigen Reformen. In dieser Hinsicht ist er sich treu geblieben, immer wieder versucht er die regierenden Kräfte dahin zu bringen, längerfristig zu denken und auch die unangenehmen Aufgaben anzupacken.

Zuletzt hat sich Köhler die Finanzmärkte vorgeknöpft. Er sprach von bizarr hohen Vergütungen, überkomplexen Finanzprodukten und der Möglichkeit, mit geringstem Haftungskapital große Hebelgeschäfte in Gang zu setzen. Dass einer, der so denkt, für eine stärkere Regulierung eintritt, sollte nicht überraschen – wenn er nicht früher anders geredet hätte.

Einsicht oder Pragmatismus?

Zwar kritisierte er schon als Präsident des Sparkassenverbandes den fehlenden Bezug vieler Finanzprodukte zur Realwirtschaft – in diesem Punkt ist er sich treu geblieben –, aber als Chef des IWF sprach er auch anders. Als solcher warnte er vor der Illusion, eine mit höherem Wissen ausgestattete Instanz könnte die Märkte kontrollieren. „Niemand hat das perfekte Wissen, auch nicht der Währungsfonds“, meinte er damals. Auch müsse jedes Unternehmen, jeder Investor selber wissen, welches Risiko tragbar sei. Dies könne ihnen der Währungsfonds nicht abnehmen. Nun redet Köhler in einer anderen Tonlage, bezeichnet die Finanzmärkte als Monster, das in die Schranken gewiesen werden müsse. Nötig seien eine strengere Regulierung, mehr Eigenkapitalunterlegung für Finanzmarktgeschäfte, mehr Transparenz und eine globale Institution wie der Internationale Währungsfonds, die über die Stabilität des Finanzsystems wacht.

Wenn Horst Köhler nun so anders als damals argumentiert, ist das dann gewachsene Einsicht oder eine gute Portion Pragmatismus eines um seine Wiederwahl kämpfenden Präsidenten? Möglicherweise trifft beides zu.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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