Irland

Eine Erfolgsgeschichte in der EU

Von Christian Schubert

Irland, der “keltische Tiger“

Irland, der "keltische Tiger"

31. März 2004 Irland darf sich am 1. Mai, wenn die offizielle Zeremonie zur EU-Erweiterung in der Dubliner Residenz der irischen Präsidentin Mary McAleese stattfindet, als ein Gastgeber präsentieren, der wie kaum ein anderes Land von Europa profitiert hat.

Als es 1973 der Europäischen Gemeinschaft beitrat, war es der ärmste Staat Europas. Heute gehört Irland zu den reichsten. Die wirtschaftliche Aufholjagd Irlands nehmen sich viele der neuen EU-Mitglieder jetzt zum Vorbild. Das Rezept besteht im wesentlichen darin, mit niedrigen Unternehmensteuern, gut ausgebildeten Arbeitskräften sowie einem liberalen und verläßlichen Rechts- und Wirtschaftssystem möglichst viele Auslandsinvestoren anzulocken - und großzügige Unterstützung aus der EU-Kasse zu erhalten.

Investitionen in Bildung machte Irland attraktiv

Laut Europäischer Kommission erhielt Irland zwischen 1973 und 2002 nach Abzug der irischen EU-Beiträge insgesamt mehr als 35 Milliarden Euro. Rund die Hälfte davon gingen an die Landwirtschaft. Während andere EU-Länder die Zuwendungen aus den Struktur- und Kohäsionsfonds weitgehend in Infrastruktur steckten, kümmerte sich Irland um die Bildung - ein Grund, warum das Land für Auslandsinvestoren attraktiv wurde. Vor allem amerikanische Technologiekonzerne kamen nach Irland, zunehmend aber auch Unternehmen aus der Finanzbranche.

Irland droht nun von seinen Nachahmern übertrumpft zu werden. In Estland beträgt die Körperschaftsteuer beispielsweise null Prozent - in Irland 12,5 Prozent. Im Januar kündigte Philips an, sein Zentrum für die europaweite Buchhaltung von Irland nach Polen zu verlegen, womit 150 Arbeitsplätze auf der Grünen Insel gestrichen werden. Eine durchschnittliche Arbeitsstunde kostet in Irland heute mehr als 17 Euro, in den EU-Beitrittsländern dagegen zwischen 1,52 und 10,20 Euro. Bemerkbar machen sich auch andere Defizite: Das Straßennetz hat mit dem atemberaubenden Wirtschaftswachstum nicht Schrittgehalten; das Gesundheitswesen ist unterentwickelt.

Unabhängig von Großbritannien - freundlich zur EU

Das weitere Wohlergehen des Kleinstaats wird weitgehend von der Entwicklung des Europäischen Wirtschaftsraumes abhängen. Denn der Löwenanteil des Außenhandels findet mit dem europäischen Kontinent statt. Dagegen sank der Anteil Großbritanniens am irischen Außenhandel seit 1973 von mehr als 80 Prozent auf nur noch 23 Prozent. Zusammen mit der Abkoppelung der irischen Währung vom britischen Pfund ergab sich daraus auch ein politischer Wandel: die Unabhängigkeit von Großbritannien. Die Grundeinstellung der Iren zur EU bleibt deshalb freundlich - kein Vergleich mit der tiefsitzenden Skepsis in weiten Teilen der britischen Bevölkerung. Wenn es Kritik gibt, dann hängt sie häufig mit der befürchteten Aufgabe der militärischen Neutralität Irlands zusammen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2004, Nr. 76 / Seite 6
Bildmaterial: PA

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