Konjunkturkrise

Große Angst vor der Kreditklemme

Von Christian Siedenbiedel

Längst steckt mehr als nur die Autoindustrie im Strudel der Rezession

Längst steckt mehr als nur die Autoindustrie im Strudel der Rezession

13. Dezember 2008 Deutschlands Wirtschaft hat ein neues Hasswort. Kaum ein Gespräch am Unternehmer-Stammtisch, bei dem es keine Rolle spielt. Kalt lässt es keinen. Es heisst „Kreditklemme“. Es besagt im Extremfall: Unternehmen bekommen keinen Kredit mehr – so viel Zinsen sie auch zu zahlen bereit sind. So schlimm ist die Lage zwar noch nicht. Aber es gibt Zeichen, dass die Entwicklung in diese Richtung geht.

„Kreditklemme“ ist daher auch das Wort des Tages heute beim Krisengipfel in Berlin. Im Kanzleramt treffen sich Vorstandsvorsitzende von Josef Ackermann (Deutsche Bank) bis René Obermann (Telekom) mit Gewerkschaftern, Wirtschaftsforschern und den Spitzen der Bundesregierung (lesen Sie die Namen auf Merkels Gästeliste).

Ganz oben auf der Tagesordnung steht, neben neuen Konjunkturprogrammen, die bange Frage nach der Kreditverknappung: Wie schafft man es, dass die allgemeine Wirtschaftsflaute nicht immer schlimmer wird, weil die Banken mit dem Geld knausern?

Überall im Land murren die Unternehmer. Hakan Samuelson, der Chef des Lastwagenbauers MAN, gehörte zu den ersten. Die Kreditvergabe der Banken sei „definitiv ein Problem“, klagte er. Inzwischen bekommt er Unterstützung von überallher. Gesamtmetallchef Martin Kannegießer und Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger etwa warnen: Die Gefahren einer Kreditkrise seien für viele Unternehmen „geradezu existienziell“.

Werften, Bauunternehmer, Großhändler betroffen

Längst ist es nicht mehr nur die angeschlagene Automobilindustrie, die höhere Zinsen zahlen und mehr Sicherheiten stellen muss als früher. Bei einer Umfrage des Wirtschaftsprüfers Ernst & Young gaben 14 Prozent aller Unternehmen an, die Finanzierung über ihre Hausbank sei schwierig geworden („Wir Banken wertberichtigen die Schwäbische Alb“). Werften, Bauunternehmen und selbst die Betreiber von Windkraftanlagen – sie alle klagen über „erhebliche Probleme“. Und auch ein Großhändler aus dem Ruhrgebiet beschwerte sich, ihm sei von seiner Hausbank „ohne ersichtlichen Grund“ die Kreditlinie gestrichen worden.

Unterschiede gibt es offenbar nach Unternehmensgrößen. Bäcker, Metzger und Wirte werden von den regionalen Instituten noch halbwegs mit Krediten versorgt. Volksbanken und Sparkassen sind schließlich von der Finanzkrise weniger betroffen. Für sie könnte es allerdings eng werden, wenn im nächsten Jahr die ersten kleineren Unternehmen ihre Kredite nicht zurückzahlen können.

Besonders schwierig zu ergattern sind dagegen zurzeit die Großkredite. Besonders betroffen davon sind große mittelständische Unternehmen. „Außerdem sind Banken bei Neukunden besonders vorsichtig“, sagt Immo Herbst, der Chef eines Gartenbaubetriebs mit 200 Mitarbeitern aus Frankfurt.

Die Banken halten dagegen

Die Banken halten dagegen. Sie wollen von einer „Kreditklemme“ nichts hören. Bei der Begründung ihrer Position hilft: Je enger man den Begriff „Kreditklemme“ definiert, desto leichter lässt sich darlegen, dass es so schlimm noch nicht ist. „Wir haben für Mittelständler noch elf Milliarden Euro zu vergeben“, sagt etwa Jürgen Fitschen, Deutschland-Chef der Deutschen Bank. „Jedes vernünftige Projekt wird finanziert.“

Zum Teil ist das ein abgekartetes Spiel. Die Kreditnehmer jammern, weil sie günstigere Konditionen durchsetzen wollen. Und die Banken halten dagegen, weil sie an den Krediten verdienen wollen. Deshalb gucken sie in der Krise noch genauer hin als sonst. Das war in jedem Abschwung so.

Doch etwas ist diesmal anders in dem Spiel: Es gab vor dem Abschwung eine schwere Bankenkrise. Und noch immer trauen die Banken sich untereinander nicht. Und erschwert das gesamte Kreditgeschäft. Der Druck auf die Regierung, etwas zu unternehmen, nimmt zu. Doch was?

Drastische Eingriffe lehnt die Bundesregierung ab

Schon vor dem Spitzentreffen in Berlin zeigte die Industrie, dass sie diesmal ein neues Argument hat: „Die Banken haben Geld vom Staat bekommen – jetzt dürfen sie nicht die Kredite verringern.“ Drastische Eingriffe lehnt die Bundesregierung ab. Wer weiß aber, wie lange. Schließlich liefern sich Wirtschaftsforscher und Banken-Volkswirte zurzeit einen Überbietungs-Wettbewerb: Wer malt das schlimmste Krisenszenario?

Völlig neu müsste die Bundesregierung das Rad nicht erfinden, wenn sie etwas tun wollte. Drei Lösungen aus dem Ausland etwa könnten auf Deutschland übertragen werden:

Die französische Lösung

Die erste ist die französische Lösung. Finanzministerin Christine Lagarde hat einen „Banken-Zorro“ eingeführt. Kein Mann mit Augenklappe und Peitsche – sondern ein unabhängiger Vermittler zwischen Banken und Kunden. Im Notfall soll er den Banken einheizen, wenn sie knausern. Immerhin 1500 Anfragen bekam der Zorro in den ersten Tagen.

Außerdem macht Frankreich allen Banken, die Staatshilfe wollen, strenge Vorschriften. Sie müssen ihre Kredite nach festgelegten Prozentsätzen ausweiten. In Deutschland müssen Banken vor dem Erhalt von staatlicher Hilfe nur eine windelweiche Formulierung unterschreiben: Dass sie mehr für den Mittelstand tun.

Die englische Lösung

Die zweite Lösung ist die englische. In Großbritannien ist der Staat bei vielen Banken selbst eingestiegen, indem er Anteile übernommen hat. So kann er unmittelbar auf die Kreditvergabe Einfluss nehmen. Und dafür sorgen, dass genug Kredite vergeben werden.

In Deutschland böten sich Landesbanken als Werkzeug an. Doch die liegen selbst darnieder. Oder die staatliche Förderbank KfW. Ein KfW-Kreditprogramm über 15 Milliarden Euro hat die Bundesregierung schon in ihrem Konjunkturpaket aufgelegt. Das sei aber viel zu wenig, meinen viele Unternehmer, ein „Tropfen auf den heißen Stein“.

Die irische Lösung

Die dritte Lösung ist die irische: Wie auf der „Grünen Insel“ könnte der Staat eine sogenannte Clearingstelle schaffen. Das ist eine Art Zwischenhändler, der den Geldfluss zwischen den Banken garantiert – und notfalls das Ausfallrisiko übernimmt. Die Banken müssten dann nicht mehr befürchten, ihr Geld nicht zurückzubekommen. Die Bundesbank hat das für Deutschland vorgeschlagen. Der Erfolg in Irland war bislang allerdings nicht gewaltig.

Ob die Bundesregierung in die Kreditvergabe eingreift, ist nicht ausgefochten, geschweige denn die Frage, mit welchem Mittel sie dies bewerkstelligen könnte. Die Ansichten im Kanzleramt heute Nachmittag werden so unterschiedlich sein wie die geladenen Gäste: Vom Nichtstun dürften die Vorschläge reichen bis zu rigidem Zwang für die Banken. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, sie werde „ganz ruhig“ durch das Programm führen: Und vor allem einmal allen zuhören.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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