Von Lukas Weber
16. April 2008 Den alten Biodiesel der ersten Generation mag derzeit kaum noch jemand leiden. Jetzt reden die Politiker von der zweiten Generation, die viel besser sei, weil sie den Brotpreis nicht steigen lässt. Selbst wenn der Biodiesel aus Pflanzenöl den üblen Nachruf nicht ganz verdient haben sollte, läuft seine Zeit ab. An diesem Donnerstag eröffnet Bundeskanzlerin Angela Merkel die gerade fertigestellte erste großtechnische Anlage der Welt für synthetischen Kraftstoff, der grundsätzlich aus jeder Form von Biomasse hergestellt werden kann. Die Anlage, die zunächst Holzreste verarbeitet, steht in Freiberg in Sachsen, die Technik ist eine deutsche Entwicklung.
Es gibt viele Verfahren, aber nur eines, das sauberes Gas herstellt, sagt Tom Blades, der Geschäftsführer der Choren Industries GmbH, der F.A.Z. Das Gas kann als solches verwendet werden oder wird zu synthetischem Diesel. Choren (ein Kunstwort, das aus den chemischen Bezeichnungen für Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und der Abkürzung von renewable zusammengesetzt ist) hat sich das Carbo-V genannte mehrstufige Verfahren weltweit patentieren lassen. Angst, man könnte es abkupfern, hat Blades nicht. Da stecke eine Menge Entwicklungarbeit drin, sagt er. Wenn die Anlage jetzt in Betrieb geht, starten mehr als 130 Einzelverfahren.
Wir sind noch sehr früh auf der Lernkurve
Bis der erste Treibstoff aus den Rohren fließt, werden einige Monate vergehen. Doch soll die Technik vermarktet werden, dafür hat Choren in Peking und Houston Büros eröffnet. Das Unternehmen selbst, das jetzt rund 200 Mitarbeiter beschäftigt, kannten bis vor wenigen Jahren nur Spezialisten. Ein paar private Investoren hatten das Fertigungswissen um die Kohleveredelung in der Region weiterentwickelt. Choren betreibt seit 1998 eine Pilotanlage in Freiberg. 2005 ist Shell als Investor, Technologie- und Vermarktungspartner eingestiegen, zwei Jahre später kamen VW und Daimler hinzu. "Die Mehrheit der GmbH ist aber weiter in der Hand von Privatleuten", sagt Blades.
Die Besitzer haben ansehnliche Summen in die neue Technik investiert - rund 100 Millionen Euro bis zur Fertigstellung der neuen Anlage. Sie verarbeitet 68.000 Tonnen Biomasse im Jahr zu 18 Millionen Litern Treibstoff, die Pilotanlage brachte es nur auf einige hundet Liter täglich, zu Liebhaberkosten. Die Herstellungskosten jetzt gibt Blades mit "etwas mehr als 1 Euro je Liter" an, davon entfällt ein gutes Drittel auf den Rohstoff (beim Biodiesel sind es 90 Prozent). "Wir sind noch sehr früh auf der Lernkurve", sagt er. Herstellungskosten wie beim alten Biodiesel sind in greifbarer Nähe. Mittelfristig soll der synthetische Sprit mit Treibstoff aus Erdöl konkurrenzfähig sein.
Fischer-Tropsch-Synthese stammt aus den zwanziger Jahren
Technisch ist er jetzt schon besser. Das sogenannte BTL (biomass to liquid) lässt sich nach den Anforderungen der Motorenbauer formen. Es verbrennt wesentlich sauberer als herkömmlicher Diesel oder Biodiesel. Die farblose und etwas nach Parrafin riechende Flüssigkeit lässt sich in jedem Dieselauto verwenden; in einem zweiten Schritt sollen dann mit den Motorenbauern zusammen die Eigenschaften abgestimmt werden. "Sogar der Betrieb in einem ,Diesotto' wäre denkbar", sagt Blades, auch der Ersatz von Kerosin sei grundsätzlich möglich. Das käme den Militärs entgegen, weil dann alle Fahrzeuge mit demselben Treibstoff zu betanken sind. Im Vergleich zum alten Diesel sollen bis zu 90 Prozent Kohlendioxid-Ausstoß vermieden werden.
So neu, wie das alles klingt, ist die Technologie freilich gar nicht. Die sogenannte Fischer-Tropsch-Synthese, mit der kohlenstoffhaltiges Material in Treibstoff verwandelt werden kann, ist eine deutsche Entwicklung aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Während des Krieges wurden damit große Mengen Kohle versprittet. Diese Technik ist derzeit in Südafrika weit verbreitet. Gas lässt sich ebenfalls verwenden, die Ölkonzerne peppen damit ihren Premium-Diesel auf. Neu ist die Verwendung von Biomasse, in der das eigentliche Fertigungswissen steckt.
Riesengras statt Raps
"Dabei ist entscheidend, dass der Rohstoff trocken und homogen ist", sagt Blades. Deshalb werden zunächst Holzhackschnitzel aus der Umgebung verarbeitet, die diese Anforderungen gut erfüllen. Versuchsweise sind auch andere Materialien eingespeist worden, zum Beispiel Stroh, das noch immer zum großen Teil auf dem Acker untergepflügt wird, weil es für die Mengen keinen Markt gibt. "Das ist aber mechanisch schwieriger zu handhaben", erklärt Blades. Entsprechend gibt es Forschungsansätze, solche Rohstoffe dezentral zu homogenen Vorprodukten zu verarbeiten, die leichter zu transportieren sind. Der Phantasie, was in Zukunft alles eingesetzt werden könnte, sind freilich kaum Grenzen gesetzt. Holz, Stroh und Energiepflanzen stehen noch in Konkurrenz zur Energiegewinnung durch direkte Verbrennung. Grundsätzlich können aber auch Klärschlamm oder Tiermehl verarbeitet werden - und verseuchtes Abfallholz, das aus Altbauten, Möbeln oder Bahnschwellen kommt. "Das ist nach der Biomasseverordnung nicht erlaubt", sagt Blades. "Aber sogar damit könnte BTL ohne Schadstoffe erzeugt werden."
In der mittelfristigen Vision ist allerdings mehr an die Nutzung von Flächen gedacht, auf denen noch nichts wächst. Die könnten mit Riesengras (Miscanthus) oder Kurzumtriebswald bepflanzt werden, die schon nach ein paar Jahren mit speziellen Maschinen geerntet werden können. Der Ertrag je Hektar ist, nach Blades, "drei- bis viermal so hoch wie der von Raps". Choren hat eine Plantage mit Hölzern wie Pappel und Weide angepflanzt und hat auch schon geerntet. Auf einem Hektar können 4000 Liter BTL im Jahr erzeugt werden, rechnet die BTL-Plattform, ein Zusammenschluss zum Informationsaustausch. 20 bis 25 Prozent des deutschen Kraftstoffbedarfs ließen sich so bis 2050 ersetzen, ohne Konkurrenz zur Erzeugung von Lebensmitteln.
Entsprechend hat Choren große Pläne. In Schwedt in Brandenburg soll eine Anlage mit einer Kapazität von rund 250 Millionen Litern im Jahr gebaut werden. Sie ist frühestens Ende 2012 fertig. Hier sieht Blades durchaus noch Raum für politische Unterstützung. "Wir brauchen Planungssicherheit für Investoren", sagt er. Aber die Mineralölsteuerbefreiung für Biotreibstoff läuft 2015 aus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Matthias Lüdecke
Wissensplattform Knol: Hat Google den Wikipedia-![]()
Rückschläge (2): Einmal Pleite und zurück
Konjunkturprognosen sind besser als ein Münzwurf
Liechtenstein-Affäre: Für Selbstanzeige noch immer nicht zu spät“
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.440,70 | -1,46 |
| TecDax | 721,58 | -3,36 |
| DowJones | 11.349,28 | -2,43 |
| Nasdaq | 2.280,11 | -1,97 |
| STOXX 50 | 3.354,58 | -0,97 |
| Nikkei 225 | 13.603,31 | +2,18 |
| Euro/Dollar | 1,57 | +0,11 |
| Bund Future | 110,94 | +0,75 |
| Gold | 932,40 | +0,51 |
| Öl | 124,98 | -1,22 |
