Metallindustrie

"Ich fühle mich sehr wohl als Kartellschwester"

Betriebliche Bündnisse für Arbeit statt Flächentarif: Kunstmann

Betriebliche Bündnisse für Arbeit statt Flächentarif: Kunstmann

05. September 2005 Seit April 2005 ist Heike Maria Kunstmann Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Die vorzeitige Berufung der 39 Jahre alten promovierten Betriebswirtin, die im Personalwesen der - nicht tarifgebundenen - Knorr-Bremse AG Karriere gemacht hatte, aber nicht über Verbandserfahrung verfügte, sorgte damals für Schlagzeilen. In ihrem ersten Interview für diese Zeitung nennt sie Bedingungen für einen Ausbildungspakt mit der IG Metall und warnt vor einer Verlagerung der Lohnfindung in die Betriebe.

Wie dramatisch ist die Lehrstellenlage in der Metall- und Elektroindustrie?

Weniger dramatisch als in anderen Branchen. Viele Betriebe bilden über ihren Bedarf aus. Ich bin zuversichtlich, daß wir auch dieses Jahr wieder eine durchschnittliche Ausbildungsquote von 5 Prozent erreichen werden. Wir müssen aber auch bedenken, daß letztes und vorletztes Jahr sehr viel mehr neue Auszubildende eingestellt wurden, die jetzt erst einmal drei Jahre da sind. Deshalb dürfen wir nicht zu euphorisch sein und die Unternehmen zwingen, weitere zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Man muß ihnen auch einmal eine Atempause gönnen.

Wird so eine Atempause nicht zu einem nachlassenden Engagement führen?

Definitiv nicht. Vier von fünf unserer Mitgliedsunternehmen bilden aus. Aber wir können keine Ausbildung von der Stange gebrauchen. In der Metall- und Elektroindustrie gibt es zwölf ganz unterschiedliche Einzelbranchen. Daher gilt: Der am besten Ausgebildete ist in der Regel immer der selbst Ausgebildete.

Gibt es genug geeignete Bewerber?

Nein. Von einem Absolventenjahrgang der Haupt- oder Realschule sind 20 Prozent der Schüler nicht für eine Ausbildung geeignet, weil ihnen die harten und die weichen Qualifikationen fehlen.

Wer ist in der Pflicht: das Elternhaus, die Schule, die Wirtschaft, die Politik?

Wir tun, was wir können. Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie investieren jährlich 3,3 Milliarden Euro in die betriebliche Ausbildung. Die Verbände fördern die Ausbildung mit rund 50 Millionen Euro im Jahr. Die Eltern können - vor allem wenn beide berufstätig sind - nur einen Teil der Versäumnisse kompensieren. Wir alle, auch die Politik, haben in der Vergangenheit die Lehrer als Klientel vernachlässigt und zugelassen, daß sie sich zum Teil in einer eigenen Community fortentwickeln, ohne enge Interaktionen mit der Wirtschaft.

Die chemische Industrie hat einen Ausbildungsvertrag geschlossen: Die Unternehmen bieten mehr Lehrstellen an, die Gewerkschaft redet über die Vergütung. Warum gelingt das nicht in der Metall- und Elektroindustrie?

Die Chemiebranche ist überschaubarer und hat ein stärkeres Wir-Gefühl zwischen den Sozialpartnern entwickelt; das ermöglicht eine wesentlich vertrauensvollere Zusammenarbeit. Bei uns ist das anders. Die IG Metall fährt eher einen Konfliktkurs, reagiert oft dogmatisch und tut zuwenig dafür, möglichst viele junge Menschen in Ausbildung zu bringen. Ihr primäres Interesse ist es, die Mitgliederzahlen zu steigern. Unser Interesse ist es dagegen, langfristig mit den Mitarbeitern, die wir haben, am Standort Deutschland erfolgreich zu sein. Das ist der Hauptgrund, weshalb wir mit der IG Metall nicht zusammenkommen.

Haben Sie es versucht?

Mein persönlicher Eindruck ist der: Um mich in die IG Metall hineinzuversetzen, muß ich mich erst mal 20 oder 30 Jahre rückwärts bewegen. Mit dieser Rückwärtsgerichtetheit löse ich aber nicht die Probleme von morgen. Diese Retrospektive in allen Punkten, auch in so positiven wie dem Fördern von jungen Menschen, ist im Moment ein absolutes Don't für eine engere Zusammenarbeit.

Mit einem Ausbildungstarifvertrag könnte die IG Metall doch bei den Jugendlichen für eine Mitgliedschaft werben.

Ich glaube, daß viele Mittelständler bereit wären, noch den einen oder anderen Lehrling aufzunehmen. Doch wir dürfen nicht vergessen, daß in fast allen Tarifgebieten eine Übernahmeverpflichtung besteht. Das ist ein Commitment, das nicht jedes Unternehmen eingehen kann. Drei Jahre im voraus zu entscheiden, das geht heute nicht mehr. Eine andere Einstellungsbremse ist die Sozialauswahl. Durch sie bewahrt der Gesetzgeber die Unternehmen davor, gute Mitarbeiter dauerhaft im Hause zu halten, weil dauernd in deren Angelegenheiten hineinreguliert wird. Wenn das so weitergeht, werden wir bald noch davor geschützt, überhaupt noch Erwerbstätige zu haben!

Ein Verzicht auf Übernahmegarantien, eine Einschränkung der Sozialauswahl im Kündigungsschutz und niedrigere Vergütungen - sind das Ihre Bedingungen für einen Ausbildungstarifvertrag?

Wir wollen keinen Ausbildungstarifvertrag, das ist nicht die Lösung! Wir wollen keine Quote und kein Papier, das wieder alles regelt und festschreibt, sondern daß junge Leute in den Betrieben ausgebildet und qualifiziert werden, um später auf dem schwierigen Arbeitsmarkt in Deutschland überleben zu können.

Also gar nichts Schriftliches?

Alles, was über eine Absichtserklärung hinausgeht, lehne ich ab. Ein Tarifvertrag Ausbildung, der den Unternehmen nur noch mehr Korsettstangen einzieht, wäre in der jetzigen Situation kontraproduktiv.

Auch der Flächentarif zieht den Betrieben enge Korsettstangen ein. Das Kartell wollen sie aber erhalten.

Die Metall- und Elektroindustrie umfaßt 22.000 Betriebe. 2000 davon sind in Verbänden ohne Tarifbindung, knapp 5000 sind tarifgebunden, und der Rest macht, was er mag. Da wollen Sie mir erzählen, wir seien ein Kartell?

Sie halten den Preis für Arbeit hoch und sorgen so für mehr Arbeitslose.

Natürlich muß sich was ändern. Wir brauchen keine Branchenlösung, wir brauchen mehr Betriebsnähe und müssen uns auf die Situation des jeweiligen Betriebs konzentrieren. Aber wir müssen auch genau schauen, in welchem Wettbewerbsumfeld sich dieser Betrieb befindet. Wenn das Unternehmen in einem engen Netzwerk entlang der Wertschöpfungskette steht, hat Betriebsfrieden einen echten Wert. Für diese Unternehmen haben wir in der letzten Tarifrunde 2004 einen modernen, flexiblen Flächentarif entwickelt.

Im Handel oder der Druckindustrie gibt es solche Öffnungsmöglichkeiten nicht.

Eben. Für diese Unternehmen schafft jetzt der Gesetzgeber - falls Union und FDP die Wahl gewinnen - eine Regelung, um betriebsnahe Abweichungen zu ermöglichen. Das ist zu begrüßen.

Gesamtmetall will solche betrieblichen Beschäftigungsbündnisse nur auf einzelvertraglicher Basis zulassen, die Union will auch abweichende Betriebsvereinbarungen zur Beschäftigungssicherung legalisieren, denen Geschäftsleitung, Belegschaft und Betriebsrat zustimmen - ohne Vetorecht der Tarifparteien.

Vor einer kollektiven Lösung kann ich nur warnen. Wir haben eine sehr hohe betriebliche Mitbestimmung in Deutschland. Wenn wir jetzt noch anfangen, den Betriebsrat in Fragen der Lohnfindung und der Arbeitszeitgestaltung kollektiv zum Alleinentscheider zu machen, dann hebeln wir unser ganzes Mitbestimmungssystem aus. Wir wollen die einzelvertragliche Lösung, weil dann jeder Arbeitnehmer entscheiden kann, ob er sich in dieses Bündnis begeben will oder nicht. Wenn der Betriebsrat entscheidet, kann ich mich dem nur entziehen, wenn ich das Unternehmen verlasse.

Warum sollen Betriebsvereinbarungen nicht generell Vorrang vor branchenweiten Regelungen erhalten?

Ihr wunderbares Gedankengebäude hat einen wesentlichen Fehler. Sie sagen: Die Fläche gibt's auf immer und ewig. Aber wozu brauchen wir den Flächentarifvertrag noch, wenn alles in den Betrieben entschieden wird? Welches Interesse soll denn die IG Metall dann noch am Flächentarif haben? Der entwickelt sich dann zu einem Hochpreissignal, von dem ohnehin jeder abweichen kann. Sie machen den Flächentarif überflüssig.

Ein Vorschlag, für den der BDI und der VDMA große Sympathien haben.

Inzwischen sind wir mit den Wirtschaftsverbänden einer Meinung. Wir wollen betriebliche Bündnisse für Arbeit und einzelvertragliche Regelungen.

Verkämpft sich die Union für eine Tariföffnung, von der hinterher niemand Gebrauch machen wird? Wird ihr die Wirtschaft wie 1996 bei der Lohnfortzahlung in den Rücken fallen?

Nein, nein, nein! Der Unionsentwurf geht, was die politische Willensbildung angeht, in die richtige Richtung. CDU und CSU haben sich durch ihr intelligentes Wording alle Wege offengehalten. Ich habe höchstes Vertrauen darauf, daß die Union eine verantwortungsvolle und verfassungstreue Lösung finden wird.

Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften zugleich aufheulen, zeigt das nur, daß das Kartell den Machtverlust fürchtet.

Ich war neun Jahre auf einer katholischen Mädchenschule. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb als "Kartellschwester" sehr wohl. Nein, wirklich: Um unsere Organisationsmacht mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Wir haben dann eine Existenzberechtigung, wenn wir eine gute Interessenvertretung betreiben. Und wir machen sehr viel mehr, als nur Löhne zu verhandeln.

Der DGB befürchtet, Union und FDP wollten die Gewerkschaften aus den kleinen und mittleren Betrieben vertreiben.

Das ist Unfug. Ziel der Politik muß doch sein, Wachstum und Beschäftigung zu schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit gerade von Klein- und Mittelbetrieben zu stärken. Dafür braucht es mehr Flexibilität in der Lohnfindung. Wenn das nur über betriebliche Bündnisse geht, weil sich die Gewerkschaften querstellen, ist mir das auch recht.

Was halten Sie vom Ober-Innovator Heinrich von Pierer?

Personalien kommentiere ich nicht. Aber der Grundgedanke der engen Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, den ja auch Gerhard Schröder gepflegt hat, ist in jedem Fall zu begrüßen.

Sucht sich die Politik nicht die falschen Ansprechpartner? Immerhin ist der Mittelstand das Rückgrat der Wirtschaft.

Der Mittelstand ist in Deutschland so gut aufgestellt, daß er sich ausreichend Gehör verschaffen kann. Dafür gibt es ja auch uns und unseren Präsidenten.

Das Gespräch führte Nico Fickinger



Text: F.A.Z., 06.09.2005, Nr. 207 / Seite 13
Bildmaterial: Archiv

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