Von Philip Plickert
04. Februar 2008 Hand aufs Herz: Wer meldet eine Haushaltshilfe ordnungsgemäß an und zahlt Abgaben für sie? Wer hat noch nie einen Handwerker ohne Rechnung beschäftigt? Schwarzarbeit ist ein Massenphänomen. In der Bauwirtschaft sind die meisten Schwarzarbeiter tätig. Auch in Speditionsdiensten oder im Gastgewerbe gibt es viele; neuerdings werden immer mehr Pflegekräfte schwarz beschäftigt.
Rechnet man die schwarz gearbeiteten Stunden in Deutschland zusammen, kommt man nach den vorsichtigsten Schätzungen auf ein Äquivalent von mehr als einer Million Vollzeitstellen. Diese Zahl ergibt sich aus Befragungen, die der Heidelberger Ökonom Lars Feld und Claus Larsen von der Rockwool Foundation durchgeführt haben. Manche Forscher wie Friedrich Schneider von der Universität Linz sprechen von mehr als 8 Millionen inländischen Vollzeitschwarzarbeitern. Hinzu kommt knapp eine Million illegaler ausländischer Arbeiter.
Ausgeklügelte indirekte Methode
Wie kann man das Volumen der Schwarzarbeit berechnen? Schneider, der seit 27 Jahren auf diesem Gebiet forscht, bedient sich dazu einer ausgeklügelten indirekten Methode. "Die Idee ist, den Bargeldumlauf zu beobachten, denn keiner wird Schwarzarbeit über sein Konto abwickeln." Der Ökonom schätzt also die Geldnachfrage für die offizielle Wirtschaft, die von Variablen wie dem Einkommen, dem Zinssatz sowie der Verfügbarkeit von Bargeldsubstituten, etwa Kreditkarten, abhängt. "Dann vergleichen wir diese Bargeldnachfrage mit der von der Bundesbank ausgewiesenen tatsächlichen Bargeldmenge. Wir multiplizieren die Differenz mit der Umlaufgeschwindigkeit und erhalten die Wertschöpfung der Schattenwirtschaft."
Für das Jahr 2007 kommt Schneider auf etwa 348 Milliarden Euro Umsatz für die Schattenwirtschaft - das entspricht einem Anteil von 14,7 Prozent vom deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) und ist noch mehr als das BIP von Hessen und Rheinland-Pfalz zusammen. Gäbe es keine Schwarzarbeit oder würde sie vollständig unterdrückt, "wäre das deutsche BIP um etwa 150 Milliarden Euro geringer", meint Schneider. "Natürlich ist der Wert von 348 Milliarden Euro nur scheinexakt", gibt er zu. "Es gibt eine Fehlerspanne von 10 bis 20 Prozent, deshalb weise ich immer einen relativ breiten Korridor für die Schattenwirtschaft aus." Die Ökonomen Feld und Larsen kommen auf Basis von Befragungen auf ein weit geringeres Umsatzvolumen der Schwarzarbeit als Schneider, nämlich auf rund 3 Prozent des BIP. Das entspräche in etwa dem BIP des Landes Schleswig-Holstein. Felds Berechnungen stellen noch den untersten Rand realistischer Schätzungen dar. "Wir haben bei den Befragungen ein Offenbarungsproblem, da die Menschen über ihre Schwarzarbeit nicht ehrlich Auskunft geben", sagt der Ökonom. Knapp 9 Prozent der befragten Bürger gaben 2004 an, in den vergangenen zwölf Monaten schwarzgearbeitet zu haben, jeder im Durchschnitt siebeneinhalb Stunden in der Woche.
Andere Tücken
Der makroökonomische Ansatz hat andere Tücken. "Es ist beispielsweise nicht klar, ob die Umlaufgeschwindigkeit in der Schattenwirtschaft ebenso hoch ist wie in der offiziellen Wirtschaft", erklärt Schneider. Für viele Schwarzarbeiten werden Materialien und Vorprodukte ganz legal eingekauft. Zudem erfasst der Bargeldansatz nicht nur die Schwarzarbeit, sondern auch strikt illegale Tätigkeiten wie den Drogenhandel. Den Umsatz des organisierten Verbrechens versucht Schneider durch die umlaufende Menge großer Banknoten, besonders der 100-, 200- und 500-Euro-Scheine, zu schätzen. "Der Euro ist für Kriminelle weltweit sehr attraktiv, weil man leicht große Summen transportieren kann."
Andere indirekte Methoden versuchen dem Phänomen der Schwarzarbeit unter normalen Bürgern noch differenzierter auf die Schliche zu kommen. "Latente Schätzverfahren" berücksichtigen die Ursachen, etwa die Steuerbelastung und die Regulierungsdichte für die offizielle Wirtschaft. "Je höher die Steuer- und Sozialabzüge und je größer die Bürokratie, desto eher werden Menschen in die Schwarzarbeit ausweichen", erklärt Schneider. Dazu nutzt er weitere Proxyvariablen wie die offizielle Beschäftigungsquote oder das Wirtschaftswachstum, um das Ausmaß der Schwarzarbeit zu bestimmen. Selbst den Stromverbrauch hat er als Indikator für die gesamtwirtschaftliche Leistung untersucht.
Ein Widerspruch in sich
Auch das Statistische Bundesamt unternimmt detaillierte Schätzungen, obwohl für die Behörde "amtliche Zahlen über die Schattenwirtschaft ein Widerspruch in sich" sind. Heikel ist vor allem die Erfassung schattenwirtschaftlicher Bauleistungen. Die Eigenleistungen betragen im Wohnungsbau immerhin 20 Prozent. "Früher hat man das Ausmaß der nicht gemeldeten, schattenwirtschaftlichen Aktivitäten zu schätzen versucht, indem man die in Baumärkten verkauften Maschinen als indirekten Indikator nahm", sagt Stefan Hauf von Destatis. Heute ist die Zahl der beantragten und fertiggestellten Häuser der Ausgangspunkt - von dort wird die erbrachte Bauleistung zurückgerechnet.
Der Zoll, der seit der Verschärfung des Schwarzarbeitgesetzes und der Einrichtung der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) kräftig aufgerüstet hat, beziffert den Schaden durch Schwarzarbeit auf mehr als 600 Millionen Euro. Damit sind die den Sozialversicherungen entgangenen Abgaben gemeint, hinzu kommen hinterzogene Lohn- und Einkommensteuern. "Die Sozialversicherungen sind die großen Verlierer", sagt der Linzer Forscher Schneider. Ketzerisch fragt er, ob dem Schaden für den Staat nicht auch ein Nutzen für die Volkswirtschaft gegenübersteht: "Schwarzarbeit ist wohlfahrtssteigernd", sagt er, denn es würden reale Werte geschaffen. "Die Schwarzarbeit ist auch eine Ausweichreaktion wegen übermäßiger Besteuerung und Regulierung."
Steiler Aufschwung der Schattenwirtschaft
Nach Schneiders Berechnungen gab es seit den siebziger Jahren einen steilen Aufschwung der Schattenwirtschaft - von anfangs knapp 6 Prozent auf über 12 Prozent vom BIP zur Zeit der Wiedervereinigung, danach nochmals einen Schub auf mehr als 17 Prozent vom BIP. Die seit drei Jahren leicht sinkende Schwarzarbeit führt er nicht auf verstärkte Kontrollen durch den Zoll zurück, sondern auf die Liberalisierung des Arbeitsmarktes. sinkende Sozialabgaben und die bessere Wirtschaftslage. Diese Sicht unterstützen die Umfragen von Feld und Larsen, nach denen das Strafmaß keinen signifikanten Einfluss auf die Bereitschaft zur Schwarzarbeit hat. Umgekehrt habe die Mehrwertsteuererhöhung den Umsatz der Schattenwirtschaft um 3 Milliarden Euro angeheizt, hat Schneider errechnet. Die Einführung von Mindestlöhnen könnte der Schwarzarbeit einen gewaltigen Schub zu Lasten regulärer Beschäftigung geben.
Text: F.A.Z., 04.02.2008, Nr. 29 / Seite 13
Bildmaterial: ddp
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