Energiepolitik

Ist die Kernkraft noch zeitgemäß?

Von Winand von Petersdorff

Selbst wenn alles gut geht im Kraftwerk, bleibt die Frage: Wohin mit dem Atommüll?

Selbst wenn alles gut geht im Kraftwerk, bleibt die Frage: Wohin mit dem Atommüll?

11. Juli 2009 Sozialdemokraten, die heute der Atomkraft in Deutschland den Garaus machen wollen, gehörten in den sechziger Jahren zu ihren glühenden Verfechtern. Die ersten Meiler galten ihnen als Reaktoren des Wohlstandes, heute sind sie nur noch atomare Zeitbomben. Irgendwann in den siebziger Jahren änderte sich die Einstellung der SPD zu Atomkraftwerken. Das Restrisiko trat in den Mittelpunkt der Betrachtungen nicht nur von Sozialdemokraten. Und dort blieb es bis heute.

Ein Bekenntnis eint Gegner wie Befürworter der Kernkraft. Den schlimmsten aller Unfälle, die Kernschmelze, will man sich nicht leisten. Gewöhnlich entwickeln sich technische Sicherheitsstandards im Alltag im Wechselspiel von Versuch und Irrtum. Ein Gasofen explodiert. Die Hersteller bekommen in Folge davon strengere Auflagen, der Schornsteinfeger kommt in kürzeren Abständen. Versuch, Irrtum, Nachsteuerung. So läuft es gewöhnlich. Bei Atomkraftwerken verbietet sich das bewährte Verfahren von selbst. Zum Nachsteuern könnte es nämlich zu spät sein.

Die Kernkraftbetreiber haben deshalb andere Sicherheitsprinzipien entwickelt, die dem Motto folgen: Doppelt und dreifach hält besser. Sie setzen auf Redundanz und Diversität. Das heißt: wenn ein Sicherheitssystem ausfällt, springt das andere ein. Die Kernschmelze soll verhindert werden.

Zweitens setzen sie auf das Matroschka-Prinzip. Wie in einer russischen Holzpuppe ist der Kernbrennstoff im Kernkraftwerk in mehrere Hüllen eingepackt aus Stahl, Stahlbeton und Beton. Dass minimiert die Gefahr. Reaktoren der vierten Generation, an deren Entwicklung Deutschland nicht beteiligt war, sehen noch eine zusätzliche schützende Wanne vor, um den Kern beim GAU umhüllen zu können. Selbst wenn es zum Schlimmsten kommt, darf nichts nach außen treten.

Ältere Atomkraftwerke sind sicherheitstechnisch stärker auf die Vermeidung des GAUs ausgerichtet, jüngere zusätzlich auf die Beherrschung eines Störfalls. Deshalb werden alte Kraftwerke nachgerüstet, was laut Bundesamt für Strahlenschutz die Nachteile der älteren Generation nur zum Teil ausgleichen kann.

Doch die beste Sicherheitstechnik bringt keine absolute Sicherheit. Denn da ist immer noch der Mensch, der blinkende Kontrolllampen übersieht, Dübel falsch einsetzt oder nicht am Platz ist, wenn er dringend gebraucht wird. Weil so wenig Gravierendes passierte in deutschen AKWs, drohen die Mannschaften zudem zu erschlaffen. Beim Vorfall von Krümmel scheint menschliches Versagen eine Rolle gespielt zu haben. Dort gab es seit der Inbetriebnahme rund 300 meldepflichtige Ereignisse. Störfälle oder Unfälle (Stufe 2 oder höher auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse) traten bislang nicht auf.

Doch selbst wenn alles gutgeht im Kraftwerk, bleibt immer noch die Frage: Wohin mit dem Atommüll? Damit die gefährlichen radioaktiven Strahlen, die bei der Kernspaltung entstehen, nicht einfach in der Gegend herumschwirren und Menschen krank machen, werden Uran und Plutonium in Brennstäben gelagert und geschützt. Diese Stäbe müssen nach einiger Zeit ausgewechselt werden. Die alten Brennstäbe strahlen dann noch weiter. Jährlich entstehen deshalb in Deutschland mehrere hundert Tonnen gefährlich strahlende Brennstäbe, der Atommüll. Für den hochgiftigen Abfall gibt es noch keine finale Lösung. Gesucht ist ein Ort, der nicht nass ist und der vor Erdbeben geschützt ist. Außerdem soll dieser Atommüll entfernt von Menschen, Tieren und Pflanzen gelagert werden. Er könnte noch Millionen Jahre lang giftig für Lebewesen sein.

Es gibt tiefe Höhlen unter der Erde, etwa Salzstöcke, in denen Atommüll zwischengelagert wird. Manchmal werden die Brennstäbe auch in große Hallen mit meterdicken Wänden gebracht. Die Lösungen gelten als provisorisch. Der Salzstock Gorleben, der lange als geeignet erschien, wird zurzeit nicht weiter auf Tauglichkeit untersucht. Nach Auskunft des Bundesumweltministeriums gibt es auf der ganzen Welt keine Endlagerstätte.

Forscher arbeiten an anderen Lösungen. Untersucht werden einerseits spezielle Bohrverfahren, die geeignete Bohrlöcher für die Aufnahme des Atommülls hinterlassen könnten. Andere Wissenschaftler arbeiten an Verfahren, die Strahlungszeiten von vielen tausend Jahren auf wenige Jahre beschränken.

Forschung und Technik haben das Potential, die Gefahr von Kernkraft und Atommüll zu minimieren, ohne sie absolut vertreiben zu können. Die Haltung der Bürger zu AKWs ist volatil: die meisten sind allerdings für den schnellen Ausstieg.

Doch auch der Ausstieg hat seinen Preis. Atomkraft hat den Vorteil, billig zu sein. Die Menschen wollen eine zuverlässige, günstige und saubere Energieversorgung. Deutsche Meiler laufen fast rund um die Uhr, belasten die Umwelt nicht mit CO2 und liefern billigen Strom. Photovoltaik produziert derzeit noch rund zehnmal so teuer.

Das sind Argumente für ein Festhalten an Atomkraft. Schaltet man AKWs in Deutschland ab, kommen im Moment als Ersatz neue Kohlekraftwerke und Gaskraftwerke in Frage, die genauso beständig Strom liefern. Gegen Kohlekraftwerke rührt sich jetzt schon heftiger Widerstand, zudem verschlechtert das die deutsche CO2-Bilanz. Gaskraftwerke sind sauberer, vergrößern aber die Abhängigkeit von bestimmten Importländern.

Alle Sehnsucht richtet sich auf erneuerbare Energie: vor allem Windkraft, Photovoltaik, Solarthermie und Wasserkraft. Diesen Energieträgern fehlt die Beständigkeit, sie liefern nicht, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint (Ausnahme ist die Wasserkraft). Und sie liegt preislich noch knapp (Windkraft) oder dramatisch über den Erzeugerkosten der Reaktoren.

Doch auch hier hilft Technik und Forschung. Zum einen verbilligen sich die Erneuerbaren stetig, zum anderen werden sie effizienter. Vielversprechend sind Forschungsarbeiten zur Speicherung großer Energiemengen. Sollte das gelingen, könnten die regenerativen Energieträger plötzlich ebenso beständig liefern wie AKWs. Allerdings erzwingt die Hinwendung zu Sonne und Wind lauter neue, intelligente Hochspannungsleitungen. Doch auch gegen neue Leitungen kämpft mancher wackere Naturfreund.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.

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