Von Winand von Petersdorff
05. Oktober 2005 Seit dieser Woche darf sich Roman Abramowitsch voller Energie seinem Große-Jungs-Hobby widmen, dem Fußballclub Chelsea FC.
Denn aus dem richtigen, dem großen Spiel um die Öl- und Gasquellen dieser Erde wurde der einstige Oligarch herausgenommen vom russischen Staatspräsidenten Vladimir Putin. Dessen Eingreifen zeigt, daß sich der globale Kampf um Energiereserven verschärft. Kein Zweifel, es wird dramatisch, sagt ein führender europäischer Energiemanager.
Der russische Gasmonopolist Gazprom übernimmt nicht nur die Abramowitsch-Anteile am Ölkonzern Sibneft. Er selbst wird gleichzeitig heimgeholt von Väterchen Staat: Rußland stockt seinen Anteil an Gazprom auf mehr als 50 Prozent auf und kontrolliert damit rund ein Fünftel der Weltgasproduktion und 16 Prozent der globalen Reserven.
USA und China sind erbitterte Rivalen
Nicht nur in Rußland, überall auf der Welt entstehen nationale, häufig staatliche Energiekonzerne, die sich nicht mehr länger auf die Ausbeutung heimischer Ressourcen beschränken, sondern weltweit um Förderlizenzen, Quellen und Unternehmen wetteifern - in Konkurrenz zu den alten staatsfreien Platzhirschen Exxon, Chevron, Total oder BP.
Hugo Chavez, Staatspräsident von Venezuela, will Politiker von Nachbarländern für den Aufbau einer pansüdamerikanischen Ölgesellschaft gewinnen, um die Konzerne des Nordens zurückzudrängen. In Bolivien kämpft eine große Opposition für die Verstaatlichung der Konzerne, die im ärmsten Land Südamerikas Öl fördern.
Den größten Schwung aber tragen Indien und vor allem China in den Weltmarkt. Die China National Offshore Oil Corporation (CNOOC), die zu 70 Prozent einer chinesischen Staatsholding gehört, sucht überall auf der Welt ruhelos nach Energiequellen, entweder Öl- und Gasfeldern oder Unternehmen, die darauf Zugriff haben. Als CNOOC die kalifornische Gesellschaft Unocal übernehmen wollte, die Öl und vor allem Gas in Amerika und Asien fördert, ist sie nach eigenen Angaben auf eine beispiellose politische Opposition in Washington gestoßen und nahm deshalb Abstand. Den Zuschlag bekam die amerikanische Chevron für weniger Geld.
Mehr Menschen brauchen mehr Energie
CNOOC sucht weiter. Geld spielt im Grunde keine Rolle, sagt ein Beobachter. China muß den Durst einer boomenden Industrie stillen. Der Energieverbrauch des Landes steigt alle drei Jahre um die Menge, die der Wirtschaftsriese Japan insgesamt beansprucht. Technologie kann man kaufen. Aber wenn du keine Reserven hat, kann dir keiner mehr helfen, sagt der Chef des Ölkonzerns CNOOC, Fu Chengyu.
Patriotische Unruhe befällt immer mehr Länder. Denn Öl und Erdgas werden möglicherweise schneller knapp als bisher vermutet. Reserveberechnungen, die im ersten Moment Beruhigung auslösen, unterschätzen den dramatisch steigenden Appetit von Ländern wie Rußland, China, Indien und Brasilien und das Bevölkerungswachstum.
Noch einmal 2,5 Milliarden Menschen kommen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts dazu. Das ist zweimal China. Zudem sind bisher rund zwei Milliarden Menschen ohne kommerzielle Energie. Soll die Armut erfolgreich bekämpft werden, müssen diese Menschen Energie verbrauchen dürfen.
Die Post-Öl-Ära
Reservemengen sind wenig aussagekräftig. Zum einen wird dabei gerne geschummelt. Zum anderen ist viel relevanter, wie hoch die Produktionsmenge und die Nachfrage ist. Denn ist das aktuelle Angebot knapp, schießen die Preise nach oben.
Das aktuelle Phänomen ist: Trotz hoher Preise gelingt es den Förderländern kaum, den Märkten zusätzliche Mengen zur Verfügung zu stellen. Nach Einschätzung des World Energy Council begann die Ölproduktion in den Nicht-Opec-Ländern und einigen Opec-Ländern Ende der neunziger Jahre abzunehmen. Trotz neuer Explorationen und Tiefseebohrtechniken. Die Erklärung: Das Gut macht sich rar.
Wir haben die Post-Öl-Ära betreten, sagt denn auch Frankreichs Premierminister Dominique de Villepin. Der amerikanische Präsident George W. Bush legte seinen Landsleuten in dieser Woche nahe, einfach mal das Auto stehenzulassen. Spätestens jetzt ahnt der Beobachter: Die Lage ist ernst.
Erdgasverflüssigung boomt
Die globale Hoffnung ruht zunehmend auf Gas, dessen Reserven noch einige Jahrzehnte länger reichen als die des Erdöls. Es ist bei der Verbrennung zudem umweltfreundlicher. Doch auch hier gibt es Signale, der flüchtige Stoff könnte knapp werden.
In Nordamerika hat die Erdgasproduktion ihren Höhepunkt überschritten. Der Kontinent muß Gas aus Europa, Afrika und Asien einführen. Dafür muß das Gas verflüssigt und in Tiefkühlfrachtern über die Meere transportiert werden. Gas-Pipelines durch den Atlantik oder Pazifik sind nicht machbar.
Pipelines lohnen sich ohnehin nur bis zu einer Strecke von rund 3000 Kilometern und nur dann, wenn sie nicht durch unsichere Länder führen. Die Ukraine stand lange im Verdacht, Gas aus Pipelines abgezweigt zu haben. Erdgasverflüssigungsanlagen entstehen deshalb zur Zeit überall in der Welt. Das Geschäft boomt an den Küsten von Gasförderländern, die dank dieser Technik Gas zum global handelbaren Gut machen.
Versorgungsrisiken nehmen zu
Nur folgt schon die nächste Enttäuschung: Das Gas wird überfordert: Es soll unsere Wohnungen heizen, einen Teil der zukünftigen Mobilität abdecken (,gas-to-liquid') und einen großen Teil des in Europa anstehenden Kraftwerkersatzes beliefern, warnt der Energieexperte Fritz Vahrenholt. Es ist ein bißchen wie mit der Mehrwertsteuer. Der kostbare Stoff ist mehrfach verplant.
Die Energieversorgung bekommt zunehmend eine politstrategische Dimension. Die Abhängigkeit von politisch und ökonomisch instabilen Förder- und Transitländern wächst. Die Versorgungsrisiken nehmen zu, heißt es nüchtern in einer Studie des Beratungsunternehmens Prognos.
Weltweit geächtete Länder und von privaten Energiekonzernen verlassene Länder wie der Sudan und Myanmar (Burma) werden wegen ihrer Energiereserven hoffähig, zumindest für einige Länder. China steht im Verdacht, dem Sudan gegen Energielieferungen Waffen versprochen zu haben.
Hoffnung Kohle
Geraunt wird auch über einen gewaltigen Deal, den China mit Iran abgeschlossen haben soll, das wegen seiner Atompolitik international in der Kritik steht. Iran verfügt neben Katar und Rußland über die größten Gasreserven.
Deutschland macht sich bei seiner Energiepolitik zunehmend abhängig von russischen Gaslieferungen und damit letztlich von Staatspräsident Vladimir Putin. Die Klimapolitik und die Anti-Kernkraft-Politik des Landes erschweren das Ausweichen auf andere Energieträger. Doch im Ruhrgebiet keimen schon wieder Hoffnungen. Die lange als teuer und schmutzig geschmähte Kohle könnte in absehbarer Zeit zu Weltmarktpreisen produziert und sauber verbrannt werden, sichern Energiemanager zu.
Auch Kernkraft könnte nach Ansicht von Optimisten wieder opportun werden, aber insgesamt doch keine erheblich wachsende Rolle spielen. Daß Gas wieder auf Dauer billig wird, ist nicht zu erwarten, zumal der Preis ans schnell knapp werdende Öl gekoppelt ist. Das World Energy Council erwartet eher eine erratische Preisentwicklung mit einer eindeutigen Grundrichtung: nach oben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.10.2005
Bildmaterial: F.A.Z.
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