Rückversicherung

„Klimawandel kostet bis zu 800 Milliarden Dollar“

06. September 2007 Für die Münchener Rück sind Gefahren durch Klimawandel und Atomkraft Basis ihres Geschäfts. Der zweitgrößte Rückversicherer der Welt verdient sein Geld, indem er gegen Entgelt Teile der Risiken von Erstversicherern wie Allianz oder Axa trägt. Die Kosten, um den Klimwandel beherrschbar zu machen, könnten sich nach Einschätzung von Vorstandsmitglied Torsten Jeworrek auf bis zu 800 Milliarden Dollar belaufen, es sei denn die Politik steuere jetzt gegen. Für erneuerbare Energien sieht Jeworrek große Wachstumschancen.

Herr Jeworrek, die Münchener Rück verkauft Versicherungsschutz gegen Hurrikans. Zugleich warnen Sie vor den Risiken des Klimawandels. Wer aber glaubt dem Wetterbericht, wenn er vom Regenschirm-Verkäufer stammt?

Es sind nicht nur unsere eigenen Experten, die vor dem Klimawandel warnen, sondern es herrscht große Einigkeit in der Wissenschaft. Die Klimaforschung hat für die vergangenen 100 Jahre nachgewiesen, dass die Durchschnittstemperatur auf der Welt um gut 0,7 Grad Celsius gestiegen ist und dies vor allem auf die vom Menschen verursachte Zunahme des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre zurückzuführen ist.

Hat es solche Temperaturschwankungen nicht auch schon in früheren Jahrhunderten gegeben?

Das ist richtig. Aber durch Bohrungen ins Eis wissen wir, dass die Kohlendioxid-Konzentration heute höher ist als jemals zuvor in den letzten 600 000 Jahren. Es ist eine gesicherte Erkenntnis, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent menschengemachter Klimawandel bereits stattfindet. Würden Sie in ein Flugzeug steigen, von dem Sie wissen, dass es mit so hoher Wahrscheinlichkeit abstürzt? Es wäre nicht rational, zu warten, bis auch die knapp 10 Prozent Restwahrscheinlichkeit ausgeräumt sind, denn dann würde der Klimaschutz sehr viel teurer.

Wie viel teurer?

Der Stern-Report, der ja von der britischen Blair-Regierung und nicht von einer grünen Partei in Auftrag gegeben wurde, sagt: Wenn wir abwarten, müssen wir mit Kosten von 5 bis 20 Prozent des weltweiten Brutto-Inlandsprodukts rechnen, das sind zwischen 250 und 800 Milliarden Dollar im Jahr. Wenn wir jetzt gegensteuern, liegen die Kosten, um den Klimawandel beherrschbar zu machen, bei nur einem Prozent.

Und wie teuer kommen die beiden jüngsten Hurrikans „Dean“ und „Felix“ für die Münchener Rück?

Für „Dean“ rechnen wir mit einem mittleren bis hohen zweistelligen Millionenbetrag. Das können wir gut verkraften. „Felix“ ist ja noch unterwegs. Es ist also zu früh, Prognosen abzugeben

Ist die Münchener Rück ein Profiteur des Klimawandels?

Es gibt Chancen und Risiken. Wenn nichts geschieht, wird es Regionen geben, in der Naturkatastrophen auf lange Sicht unversicherbar werden. Das wäre natürlich auch schlecht für uns. Wenn der Klimawandel beherrschbar gemacht wird, überwiegen für unser Unternehmen die Chancen. Einerseits steigt dann die Nachfrage nach Versicherungsschutz gegen Naturkatastrophen. Andererseits eröffnen sich für uns zusätzliche Geschäftschancen durch den Versicherungsbedarf für neue Technologien zur Energieerzeugung.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie Windparks, die etwa in Asien aufgebaut werden. Beim Bau entsteht Versicherungsbedarf, das ist traditionelles Geschäft. Aber wir können auch die Leistung der Windkraftanlage versichern - das Risiko also, dass, wenn der Wind zu schwach ist, die Räder stillstehen. Das können wir durch unser meteorologisches Wissen abschätzen.

Ist das nicht nur ein Nischenmarkt?

Heute ja, denn der Anteil der erneuerbaren Energien ist noch sehr niedrig. Aber da wir davon ausgehen, dass die Industrieländer bis 2050 rund 80 Prozent ihrer Treibhausgas-Emissionen verringern müssen, sind die Wachstumschancen langfristig groß.

Jahrzehnte werden Ihre Aktionäre nicht warten wollen. Was ist in den nächsten Jahren an zusätzlichen Prämieneinnahmen drin?

Klimaschutz-Geschäfte sind ein wesentlicher Teil unseres neuen Wachstumsprogramms „Changing Gear“. Bis 2010 rechnen wir alleine aus den sogenannten Kyoto-Policen mit zusätzlichen Prämien im mittleren zweistelligen Millionenbereich.

Wie wahrscheinlich ist der für Sie schlechteste Fall, dass Naturkatastrophen unversicherbar werden und Ihnen damit dieses Geschäft wegbricht?

Unversicherbarkeit haben wir immer dann, wenn es entweder in der Assekuranz an Kapital zur Risikoübernahme fehlt oder die Schäden so regelmäßig und damit vorhersehbar eintreten, dass sie quasi zur Gewissheit werden. Denn dies führt den Versicherungsgedanken ad absurdum. Kapital ist derzeit mehr als ausreichend vorhanden, das ist also kein Problem. Andererseits könnten aber etwa Flutkatastrophen in besonders gefährdeten Regionen durchaus in den Bereich der Vorhersehbarkeit kommen und damit unversicherbar werden.

Auch in Deutschland?

Wetterlagen wie 2002, als es zur Oderflut kam, könnten wir jedenfalls häufiger bekommen. Damit könnte es in einigen Landstrichen in den Flussniederungen schwieriger werden, Versicherungsschutz zu bekommen.

Wenn, wie vielfach gefordert, die Atomkraft im Dienste des Klimaschutzes ausgebaut wird, tauscht man das Klima-Risiko dann nicht nur gegen ähnlich bedrohliche Atom-Gefahren ein?

Die Gefahr von Störfällen in Atomkraftwerken decken wir nur zusammen mit anderen Versicherern in sogenannten Atompools ab. Das Risiko gehen wir ein. Deutsche Atomkraftwerke sind sicher genug. Aber sie sind keine Lösung für das Klimaproblem - jedenfalls keine nachhaltige. Denn die weltweiten Uranvorkommen reichen nur noch fünfzig bis maximal hundert Jahre. Allerdings: Für die Übergangszeit ist das zusätzliche Ersetzen der Atomenergie durch erneuerbare Energien eine größere Herausforderung und kostet zusätzlich.

Nach den Pannen in den Vattenfall-Kraftwerken Brunsbüttel und Krümmel haben viele Zweifel an der Sicherheit.

Wir haben, wie bei allen Störfällen, die Situation gemeinsam mit dem Atompool analysiert. Der Bericht des Atompools zeigt, dass die Sicherheitstechnik richtig funktioniert hat, aber es ist immer Raum für Verbesserungen. Auch dazu tragen unsere Experten im Rahmen ihrer Arbeit für den Atompool bei.

Dann hätte der Vattenfall-Chef also nicht zurücktreten müssen?

Vattenfall ist harsch für seine Kommunikation kritisiert worden. Das zeigt, dass das Thema Atomkraft nicht nur eine technologische Herausforderung, sondern auch eine Frage der richtigen Abwägung und Kommunikation ist.

Und wohin mit dem Atommüll?

Das ist die entscheidende Frage bei der Diskussion um den Atomausstieg, da dieses Problem zur Zeit nicht gelöst ist. Darüber muss die Gesellschaft entscheiden. Dasselbe gilt auch für die Risiken, welche die Verbreitung der Atomtechnik mit sich bringt - Stichwort: Atomwaffen.

Das Gespräch führte Marcus Theurer



Text: F.A.Z., 06.09.2007, Nr. 207 / Seite 19

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