Versorger

Den privaten Haushalten droht eine kräftige Strompreiserhöhung

Von Werner Sturbeck

11. August 2006 Nur wenige Verbraucher haben eine Vorstellung, was es kostet, wenn sie zum Beispiel mit zwei 500-Watt-Flutern zehn Stunden lang ihr Wohnzimmer erhellen. Aber sehr viele meinen, daß Strom seit der Marktliberalisierung entschieden zu teuer wurde. Häufig gründet diese Ansicht auf den derzeit üppigen Gewinnen in der Elektrizitätswirtschaft. Die Politik bestärkt diese Meinung und lenkt so davon ab, daß der Staat seit der Marktöffnung den Strompreis am schnellsten treibt.

Anfang 2006 haben die meisten Stromversorger die Tarife angehoben, und zwar überwiegend um vier bis fünf Prozent, wie es beim Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) heißt. Im Juli veröffentlichte das europäische Statistikamt einen Strompreisvergleich. Danach hat sich in einem Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden in der EU Strom gegenüber 2005 im Mittel um 4,6 Prozent verteuert.

In Deutschland lag die Steigerung nach den europäischen Angaben mit 2,6 Prozent deutlich niedriger. Freilich liegt der Preis hierzulande mit durchschnittlich 18,32 Cent mehr als 4 Cent über dem Mittelwert der EU. Haushaltsstrom ist nur noch in Italien, den Niederlanden und in Dänemark teurer.

Behörden überprüfen nur ein Viertel des Strompreises

Schon jetzt ist absehbar, daß 2007 die Strompreise für die 44,5 Millionen Tarifkunden und Kunden mit Sonderverträgen beschleunigt steigen werden. Ein letztes Mal werden die in den Landesbehörden arbeitenden Strompreisaufsichten den geplanten Kleinverbrauchertarif überprüfen. Dazu müssen bald die Anträge eingereicht werden. Der Anteil am Strompreis, über den die Aufsicht wacht, ist indes kleiner als gemeinhin angenommen wird. Er macht nur 24 Prozent des Endpreises aus. Auf Netzentgelte entfallen 36 Prozent und auf Steuern und Abgaben 40 Prozent.

Vor der Marktliberalisierung gaben die Strommonopolisten ihre Kosten für Produktion, Vertrieb und langfristige Anlagenerhaltung an. Dazu kam ein angemessener Gewinnaufschlag. Die Strompreisaufsicht genehmigte solche Anträge meist mit kleinen Abstrichen. Schlecht ist der Verbraucher damit nicht gefahren. Die Kilowattstunde Strom hat sich von durchschnittlichen 17,49 Cent im Jahr 1990 bis 1998 auf 17,11Cent leicht verbilligt.

In diesem Zeitraum wurde zwar die Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt angehoben, aber auch der sogenannte Kohlepfennig für Strom aus heimischer Steinkohle abgeschafft. Das 1991 eingeführte Stromeinspeise-Gesetz, aus dem später die Abgaben für Erneuerbare Energien wurden, belastete den Tarif erst wenig.

Schwieriger Übergang zur Liberalisierung

Mit der Strommarktliberalisierung hat sich vieles grundlegend verändert. Die Stromunternehmen sind gesetzlich zwar zu einer sicheren und kostengünstigen Versorgung angehalten. Aber vor allem die börsennotierten Unternehmen wollen sich mit hoher Ertragskraft für Anleger attraktiv machen. Die Gewinne der kommunalen Stadtwerke sind für die klammen Gemeinden wichtiger denn je zur Finanzierung ihrer defizitären Einrichtungen. Bei solchen Zielsetzungen erwies sich der Übergang von den Hunderten von Versorgungsmonopolen zum Wettbewerb als ungemein schwierig.

Anfangs gab es eine kurze Lernphase, in der in allen Verbrauchssektoren die Strompreise purzelten. Der günstigste Mittelwert für die Kleinverbrauchertarife wurde 2000 mit 13,94 Cent je Kilowattstunde erreicht. Aber weil auch die Stromgewinne einbrachen, steuerten die Versorger schnell um. Das Tausenden von Gesellschaften gehörende Stromnetz ist ein geeignetes Mittel, sich die Konkurrenz vom Leib zu halten. Spät soll nun ein staatlicher Regulierer, die Bundesnetzagentur, für wettbewerbsgerechte faire Transportpreise sorgen.

Gespanntes Warten auf die Entscheidungen der Regulierer

Elektrizitätswirtschaft, öffentliche Hand und Bundesnetzagentur - das sind die Kräfte, die auf die Preisentwicklung wirken. Mit Sicherheit wird der Regulierer für eine Preisdämpfung im nächsten Jahr sorgen. Die Bundesnetzagentur hat jüngst mit heftigen Abstrichen an den Anträgen von Vattenfall und RWE große Hoffungen geweckt. Aber diese ersten Entscheidungen betreffen nur das Höchstspannungsnetz. Hier fallen nur 10 Prozent aller Transportkosten oder 3,6 Prozent des Strompreises an. Daher bewegt sich die ganzjährige Auswirkung für den privaten Haushalt bislang im einstelligen Euro-Bereich.

Am schwersten wiegen die Kosten auf der Niederspannungsebene mit einem Anteil von rund 50 Prozent an den Transportentgelten. Mehrere Stadtwerke warnten bereits, wenn die Netzagentur ihren Kurs auf dieser Netzebene beibehalte, werde es eine Krise geben. Mit Spannung werden daher die weiteren Entscheidungen des Regulierers erwartet.

Fühlbarer Preisauftrieb

Bei den unternehmensrelevanten Einflußfaktoren zeichnet sich ein fühlbarer Preisauftrieb ab. Im Wettbewerbsmarkt ist Strom ein Massengut mit Preisregeln, wie man sie bei Gold, Rohöl, Metallen, Kohle, Schweinehälften oder Getreide kennt. Die Preise solcher Waren bilden sich aus Angebot und Nachfrage an Börsen. Dabei haben nicht nur Produktionskosten und physischer Bedarf einen Einfluß, sondern auch die Psychologie oder Erwartungen.

So wie die Erdölnotierungen gegenwärtig wegen unüberschaubarer politischer Spannungen um ein Vielfaches über den echten Produktionskosten liegen, treiben auch schlechte Nachrichten aus anderen EU-Märkten die Stromnotierungen für Termingeschäfte an der Leipziger Börse, was Stromproduzenten wiederum zur Gewinnsteigerung nutzen können.

Mit Termingeschäften absichern

Stromverkäufer, dazu gehören die großen Verbundkonzerne ebenso wie die Stadtwerke oder freie Händler, sichern heute den größten Teil ihres Absatzes weit im voraus. Wenn also die RWE-Kraftwerksgesellschaft gegenwärtig ihre Produktion des zweiten Halbjahres 2007 anbietet, decken sich die RWE-Vertriebsgesellschaften bereits für ihre Lieferungen in etwa 18 Monaten ein.

Dabei besteht der Einkauf in der Regel aus einer Mischung von direkten Verträgen mit möglichst mehreren Produzenten und einigen Börsenkontrakten. Der Produzent, zumal im eigenen Konzern, ist meist günstiger als der Börsenkontrakt, wenngleich sich die Stromerzeuger auch an der Börse orientieren. In den Anträgen für die Tariferhöhungen 2007 werden also nicht mehr Kohle- oder Erdgas-Kosten auftauchen, sondern eine Mischkalkulation aus Termingeschäften.

Das spricht für eine kräftige Verteuerung. Denn die Notierungen an der Leipziger Börse für Lieferungen 2007 haben von Mitte 2005 bis zu diesem Frühjahr um fast 50 Prozent zugelegt, sind dann um ein Viertel eingebrochen, haben aber bald wieder kräftig zugelegt.

Strom- und Abgabenanteil hat sich fast verdoppelt

Der wirkliche Strompreistreiber ist jedoch die öffentliche Hand. Im Jahr der Strommarktöffnung gingen von den 17,11 Cent Durchschnittspreis für die Kilowattstunde nach Berechnungen des VDEW 12,91 Cent an die Elektrizitätswirtschaft und 4,20 Cent an den Staat. Von dem seither um 2,35 Cent auf 19,46 Cent gestiegenen Preis erhalten die Versorger einen Cent weniger als 1998. Dafür hat sich der Steuer- und Abgabenanteil um 3,25 Cent auf 7,55 Cent fast verdoppelt. So haben sich die Stromsteuer auf 2,05 Cent fast verdreifacht und die Abgaben für erneuerbare Energie und Kraft-Wärme-Kopplung auf einen Cent verzwölffacht.

Aus der wachsenden Kapazität an regenerativer Energie und Kraft-Wärme-Kopplung prognostiziert der VDEW für 2007 einen Anstieg dieser Abgaben um etwa 15 Prozent. Hinzu kommt die Anhebung des Mehrwertsteuersatzes um 3 Prozentpunkte. Falls die Bundesnetzagentur über alle Stromleitungen eine zehnprozentige Preissenkung anordnen würde, wäre diese Preissenkung durch die Steuererhöhung schon wieder aufgezehrt.



Text: F.A.Z., 12.08.2006, Nr. 186 / Seite 12
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.422,30 +0,03
TecDax 827,16 +0,24
DowJones 11.543,96 -1,46
Nasdaq 2.367,52 -1,83
STOXX 50 3.365,63 +0,18
Nikkei 225 13.072,87 +2,39
S&P 500 Zert. 12,95 +1,17
Euro/Dollar 1,47 +0,23
Bund Future 114,16 -0,12
Gold 829,80 +0,00
Öl 113,83 -0,54
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