Universität Bonn

Manfred Neumann

15. Juni 2007 

Was halten Sie von einem Mindestlohn in Deutschland und welchen Effekt hätte er?

Ein wirksamer Mindestlohn ist schädlich, weil er höher ist als der Marktwert der Leistung eines Geringqualifizierten. Daher entzieht ein Mindestlohn den Geringqualifizierten die Chance auf einen Arbeitsplatz. Ein Mindestlohn von nur sieben Euro würde schon bis zu zehn Prozent der Beschäftigten bedrohen, insbesondere Hilfsarbeiter, Verkäufer und Wachdienstangehörige sind davon betroffen. Auch mit Preiserhöhungen ist zu rechnen. Der Arbeitsplatzabbau mag vernachlässigbar gering sein, sofern bei der Einführung eines Mindestlohns ein maßvolles Niveau von 5,50 bis 6,00 Euro gewählt wird. Aber ist das Instrument des gesetzlichen Mindestlohns erst einmal eingeführt, kann die Politik mit diesem Hebel eine Lohndynamik in Gang setzen, die scheinbar nichts kostet, weil sich dauerhafte Beschäftigungsverluste erst mittelfristig zeigen. Darin liegt die eigentliche Gefahr des Mindestlohns.

Wie vermeiden wir Arbeitsarmut, ohne einen Mindestlohn einzuführen?

Einer Armut trotz Arbeitens ist am besten durch ein Kombilohnmodell zu begegnen, das die staatliche Gewährung der Grundsicherung mit anreizverträglichen Hinzuverdienstregelungen verknüpft. Meines Erachtens ist das jüngste Modell des Sachverständigenrats gut geeignet. Dabei soll der Regelsatz um 30 Prozent gekürzt werden, aber zugleich der Nettobehalt bei einem Hinzuverdienst zwischen 200 und 800 Euro von 20 auf 50 Prozent erhöht werden.

Falls die Politik einen Mindestlohn will, würden Sie einen generellen gesetzlichen Mindestlohn oder verbindliche Branchenlöhne bevorzugen?

Wenn die Bundeskanzlerin an Mindestlöhnen nicht vorbeikommt, dann sollte sie jedenfalls versuchen, die Branchendifferenzierung durchzusetzen, um den Produktivitätsunterschieden Rechnung zu tragen. Weil ich Mindestlöhne für falsch halte, werde ich sicherlich keine Branchen vorschlagen.

Warum haben so viele andere Länder einen Mindestlohn?

Der Mindestlohn ist ein Weg, um eine Mindesteinkommenssicherung zu erreichen, allerdings nur dann, wenn die staatlichen Lohnersatzleistungen damit koordiniert sind. In Deutschland wird für die Mindesteinkommenssicherung schon durch das Arbeitslosengeld II gesorgt.

Manfred Neumann ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und leitet den Lehrstuhl für VInternationale Wirtschaftspolitik der Universität Bonn.



Bildmaterial: privat

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